Ein Märchen – nicht jugendfrei

Simon Libsig | Ausgabe 12 - 2011

Simon Libsig hat wieder einmal in seinem alten Märchenbuch gelesen – und frech ein paar Fakten und Daten durcheinandergewirbelt. Für Kinder unter 40 Jahren nicht geeignet.

Es war einmal … nein, es war sogar zweimal. Hinter sieben Bergen, umringt von einer Dornhecke, die jedes Jahr höher ward, unter einem Baum, der goldene Äpfel trug, sassen Hänsel und Gretel und drehten Däumling. Sie waren Brüderchen und Schwesterchen und hatten seit jeher aus demselben Tellerchen gegessen, aus demselben Becherchen getrunken und im selben Bettchen geschlafen. Gretel war alles andere als ein hässliches Entlein. Sie hatte eine Märchenfigur. In ihrem Spieglein an der Wand war sie die schönste im ganzen Land. Aber Hänsel, nun, der hatte einen zerzausten Drosselbart. Seine Augen waren rot unterlaufen, rot wie Blut. Weiss wie Schnee rieselten Schuppen aus seinen Haaren und seine Zähne waren schwarz wie Ebenholz. Gretel war die Schöne und Hänsel das Biest. Sie war sein zarter Hase und er ihr stacheliger Igel. Sie war stets gut gelaunt, machte einen auf Bruder Lustig, und er – er blickte immer nur grimm aus der Wäsche. Bis zu jenem schicksalhaften Tag.

«Hänsel?», fragte Gretel, «warum machst du plötzlich so grosse Augen?» Doch der Bruder antwortete nicht. Rüpelhaft wie Rübenzahl nahm er ihr die Brille ab und liess ihr Haar herunter. Tausendundeine Nacht war er neben ihr gelegen, hatte Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein auf sie geworfen, nun konnte er nicht mehr anders, er war gelinde gesagt in Knusperstimmung: «Knusper, knusper Knäuschen …», dachte er und stürzte sich auf sie wie der Vogel Greif. Gretel wurde schneeweisschen, doch ihre Äpfel lockten rosenrot. «Ich rieche, rieche Menschenfleisch!», grunzte Hänsel, dieser Teufel mit drei kümmerlichen goldenen Haaren, und holte seinen Knüppel aus dem Sack. Ja, er holte den alten Sultan raus, sein «Rumpelstilzchen», wie er seinen Joringel mit dem Rotkäppchen nannte, und Gretel begann das Fürchten zu lernen. Sie warf noch ihre zertanzten Schuhe und ihren goldenen Pantoffel nach ihm, doch Hänsel liess sich nicht mehr abbringen. Er nahm sich seine Prinzessin und legte sich auf ihre Erbse: «Komm Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich!», feuerte er sich an, immer wieder, bis er einen bösen Wolf hatte. Nun war Hänsel also Hans im Glück: «Ich bin so satt», sagte er, «ich mag kein Blatt.» Er schenkte Gretel noch ein Dornröschen, dann fiel er in einen hundertjährigen Schlaf.

«Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum?», fragte sich Gretel schon bald darauf. Und das tapfere Schneiderlein musste ihr immer grössere Kleider nähen. Dann gebar sie Sieben auf einen Streich. Sieben Zwerge. Aber was hatten die für grosse Ohren?! Und grosse Hände?! Und einen grossen Mund?! Nun, Gretel liebte sie trotzdem, ihre «sieben Geisslein», ihr «Lumpengesindel», wie sie ihre Kinderlein liebevoll nannte, und sie sorgte gut für sie und schaute, dass das Tischlein immer gedeckt war.

Hänsel jedoch wurde zum Teufel gejagt, als er nach seinem hundertjährigen Schlaf mit einem mordsmässig gestiefelten Kater erwachte. Der eiserne Heinrich hatte ihn wach geküsst.

Einige Zeit schlug er sich noch als Strassenmusiker durch, verdiente sich den einen oder anderen Sterntaler als Bremer Stadtmusikant, doch wurde er immer weniger. Bald nannte man ihn bloss noch den singenden Knochen. Als er schliesslich in seinem Totenhemdchen in den gläsernen Sarg gelegt wurde, war er nur noch daumesdick. Aber niemand weinte. Nicht einmal das alte Grossmütterchen. Denn Hänsel bekam seine gerechte Strafe und kam in die Holle, äh Hölle. Und obwohl er längst gestorben ist, lebt er dort noch heute.

Fotos: Admiralspalast Berlin / flickr / cc


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