Editorial:
Schatten über den Olympischen Spielen
Normalerweise greifen wir an dieser Stelle Themen aus unserem Magazin auf. Diesmal nicht, denn wir finden, es ist bitter nötig, zur Lage der Tibeterinnen und Tibeter Stellung zu beziehen.
Liebe Leserin, lieber Leser
1936 missbrauchten die Nationalsozialisten die Olympischen Spiele als Propagandaforum, um ihr Image im Ausland aufzubessern – im Som-mer 2008 sind die Machthaber in China an der Reihe.
Doch nun macht ihnen das kleine Volk der Tibeter einen Strich durch die Rechnung. Mit seinem neu aufgeflackerten Widerstand gegen die Unterdrücker rückt es schonungslos ans Licht, was in China Alltag ist, nämlich: ein System, das die Bevölkerung annek-tierter Länder – und auch die eigene – nach Bedarf knechtet, entrechtet, ent-eignet, umerzieht und umsiedelt; ein Regime, das die Meinungsfreiheit nach Belieben einschränkt; Despoten, denen die Menschenrechte egal sind; eine Rechtsordnung, in deren Namen nicht nur öffentliche Erschiessungen statt-finden, sondern auch Oppositionelle und Missliebige ermordet werden.
Der Aufstand der Tibeter ärgert nicht nur die chinesische Regierung, nein, er stellt auch die Industrieländer (wir!) und das Internationale Olympische Komitee an den Pranger, die genau
gewusst haben, auf wen sie sich einlassen, als die Spiele an Peking vergeben wur-den. Doch das wurde im naiven Glauben an die Kraft des olym-pischen Geistes und in der Hoffnung auf gute Geschäfte mit den Diktatoren verdrängt.
Für einen Rückzug ist es nun wohl zu spät, denn die Investi-tionen sind gemacht, die Ge-winne budgetiert – der beschämende Kniefall der freien Marktwirtschaft vor einem menschenverachtenden System ist getan.
Wenn Staaten und Organisationen versagen, bleibt uns zum Glück noch die Zivilcourage. Das heisst: Im Interesse der Freiheit Tibets – und nicht nur der – müssen wir uns als Bürger, Zuschauer und als Sportler folgende Frage stellen, und dann die entsprechenden Konsequenzen ziehen: Wie viele Menschenleben sind uns die Olympischen Spiele in China eigentlich wert?
Markus Kellenberger
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