Editorial:
Bärenland Schweiz

Andres Jordi | Ausgabe 6 - 2008

«Der Abschuss des Bären ist auf reine Bequemlichkeit der Behörden und Profitgier der vielfach sogar identischen Schafbauern zurückzuführen.» (www.naturschutznetz.ch/jj3)

Liebe Leserin, lieber Leser

«Das ist ein untrügliches Zeichen für mangeln-de Zivilisation und neureiche Kultur», empört sich ein Naturliebhaber auf www.naturschutz-netz.ch. Die Naturschutz-plattform hat aus Anlass des Abschusses von JJ3, dem ins Bündnerland eingewanderten Braunbären, ein Forum eröffnet. JJ3 wurde am Abend des 14. April in offizieller Mission von einem Wildhüter erlegt. Nach Einschätzung des Bundesamtes für Umwelt war er zum Sicherheitsrisiko geworden. Über 800 Personen haben im Internet-Forum Stellung genommen, 90 Prozent von ihnen kritisieren den Abschuss. Von einer Rückkehr ins barba-rische Mittelalter oder einem skandalösen Vorfall ist unter anderem die Rede.

Nun, meiner Meinung nach war der Entscheid weder skandalös noch barbarisch, sondern vernünftig und verantwortungsvoll: keine emotionale Pauschalhetze gegen eine Kinder fressende Bestie, sondern eine nüchterne Risikoabschätzung bezüglich eines einzelnen Tieres – von Experten durchgeführt notabene und nicht von realitätsfernen Schreibtischbeamten. Was wäre geschehen, wenn es zu einem ernsthaften Zwischenfall mit JJ3 gekommen wäre? Wer hätte die Verant-wortung dafür übernommen? Das Wohlwollen gegenüber Meister Petz wäre wohl schnell in offene Ablehnung umgeschlagen. Dem rückkehrwilligen Grossraubtier hätte man einen Bärendienst erwiesen und die Vision eines Bärenlandes Schweiz vorzeitig begraben können.

Da haben wir Flachländer es gut. Wir können aus der Ferne gnadenlos über Bärentöter richten und in unserem privaten Gärtchen selber entscheiden, wie viel Wildnis wir zulassen wollen und wie wir mit ungebetenen Gästen, zum Beispiel mit Schnecken, verfahren: vergiften, zerschneiden, umsiedeln, abgrenzen oder erdulden? Als naturverbundener Mensch mit Achtung vor der Würde der Kreatur kommen erstere Methoden selbstverständlich nicht in Frage. Im Artikel unseres Autors Andreas Krebs über die faszinierende Welt der Schnecken erfahren Sie einige gewaltlose Strategien – unter anderem sollen die Tiere durchaus mit sich reden lassen.

Die Frage, wie wir reagierten, wenn statt der Schneckenkolonne regelmässig ein neugieriger Braunbär vor unserer Haustüre herumstreunen würde, bleibt wohl hypothetisch.

Andres Jordi

Tags (Stichworte): BärenEditorialNaturschutzTierschutz

Kommentare

  1. Von Skydiver am Dienstag, 03.06.2008 Stimmt schon, lieber Herr Jordi, alles hat mehrere Seiten und gegen Ihre moderate Betrachtungsweise mag ich jetzt nicht anknurren wie ein gereizter Braunbär.

    Aber immerhin: Die besorgten Braunbären-Jäger sind halt etwas unglücklich mit der Wahl ihrer Wortschöpfungen. Spätestens mit der Erfindung der Bezeichnungen "Problembär" und "Risikobär" ist klar geworden, ein guter Bär hat sich nicht an Schafen zu vergreifen, keine neugierigen Wanderer zu erschrecken, die mit ihm aufs gleiche Foto wollen, und er hat sich gefälligst im Migros-Restaurant zu versorgen. So wie das Normalmenschen, Problemmenschen und Risikomenschen auch tun.

    Eben doch auch verständlich, wenn die Volksseele im Flachland zuweilen etwas hochkocht. Der Wunsch und das Bekenntnis zum Bären, der sich aber nicht wie ein Bär benehmen darf, bleibt halt etwas schwer nachvollziehbar.

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