«Du bisch sowieso nöd min Tyyyyyp!»

Thomas Widmer | Ausgabe 05 - 2010

Thomas Widmer über den Wandel der Werte – und warum der Herr «Schüch» im Zeitalter der allgemeinen Nabelschau schlechte Karten hat.

Der Mensch ist ein Shareholder des Lebens. Altern heisst, dass ihm Aktien abhandenkommen, Anteile an der Realität. Ich rede von mir: In letzter Zeit komme ich bei gewissen Dingen nicht mehr mit. Oder ich empfinde heftig: Das war früher aber anders!

Zum Beispiel fühle ich mich fremd, wenn im Tram zwei Teeniemädchen klatschen. Es geht um Jungs, und das Mädchen zur Linken sagt. «Dänn hät är gsäit, näi, sicher nöd mit diiiir! Und ich han gsäit: Eyyyyy, easy, Rafi, du bisch sowieso nöd min Tyyyyyyp!» Und so geht das über Minuten als ein einziges Flöten und Tschilpen. Junge Leute brauchen im Dialekt keine indirekte Rede mehr. Sie performieren das Erlebte als direkten Monolog oder Dialog. Sie bauen ein Hörspiel.

Ist das schlecht? Keineswegs! Es ist sogar kreativ. Bloss, ich bin anders. Und diese Erkenntnis stösst mir immer öfter zu. Mit 48 bin ich über der Mitte meiner Existenz. Die Gegenwart zählt allmählich schwächer, wohingegen das Gewicht der Erinnerungen zunimmt. Die Vergangenheit beginnt, alles zu überlagern. Ich entsinne mich zum Beispiel an jene Schweiz, in der es im «Blick» das Seite-drei-Girl gab: Jeden Tag eine blutte Frau mit einem Fantasienamen à la Ramona. Heute ist diese Frau auf der «Blick»-Frontseite zu sehen. Und sie hat einen echten Namen. Und einen echten Wohnort. Einmal war eine Doktorandin in Zürich abgebildet. Ich fragte mich dann: Was sagt oder denkt an dem Morgen, wenn seine Nachwuchsforscherin in der Zeitung ihr Unterbauch-Tattoo vorstreckt, der ETH-Professor?

Ja, auch da hat sich etwas verschoben: die Schamgrenze. Das empfinde ich am meisten, wenn ich die heutige Wirklichkeit anschaue: Der Schweizer und die Schweizerin sind lauter geworden. Extrovertierter. Es gab eine Epoche, da galt der Schweizer als das ruhigste, zurückhaltendste, scheuste Wesen Europas. Der Herr Schüch im «Nebelspalter» war sein karikaturistisches Abbild. An seiner Haltestelle kann der Herr Schüch nicht aus dem Bus aussteigen, weil der Billettkontrolleur, der sich noch nicht zu ihm vorgearbeitet hat, sonst eventuell meinen würde, er habe kein Billett und fliehe vor ihm – und also fährt der Herr Schüch zwei Haltestellen zu weit und kommt zu spät zur Arbeit. Was für eine Figur!

Heutzutage ist gar keiner mehr schüchtern. Bauern suchen per TV eine Bäuerin. Singles melden im «Blick am Abend» ihre Sexvorlieben an. Secondos hupen sich nach dem Fussballsieg im Cabrio durch Zürich. «Lara» steht auf einem Riesenschild vor dem Häuschen im hinteren Wägital, in dem ein Kind geboren wurde. Und unglaublich laut streitet sich der Geschäftsmann im vollen Intercity per Handy mit seiner Gattin.

Ja, da ist viel gegangen. Ich bitte nun aber ernsthaft darum, dass man den letzten Satz dieser Kolumne unbitter lese. Nicht einen grämlichen Widmer stelle man sich dabei vor. Es ist keine Klage. Dieser Widmer möchte ganz wertfrei den Wandel seines Landes beschreiben. Und festhalten, dass es ihm fremder ist als einst. Und an dieser Stelle fällt ihm der Peter Bichsel ein, der vor ewigen Zeiten in irgendeinem Zusammenhang in die TV-Kamera nuschelte: «Da ’sch nümm mini Schwiiz.»

Zur Person
Thomas Widmer, 48, ist Reporter und Wanderkolumnist im «Tages-Anzeiger». Eben ist unter dem Titel www.echtzeit.ch sein drittes Wanderbuch erschienen.





Foto: helgasms! / flickr / cc

Tags (Stichworte): BlickNabelschnauSexTeenieTVWandelWerteZeitalter

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