Dschungel

Andreas Krebs | Ausgabe 1 - 2009

Die Botanischen Gärten der Schweiz bieten das ganze Jahr viel Sehens- und Staunenswertes. Beim Eintauchen in die exotische Welt eines Tropenhauses vergisst man die kalten und trüben Wintertage.

Botanischer Garten Basel: die grössten Seerosen der Welt


«Dass es so etwas gibt!» Die zwei Besucherinnen stehen im Viktoriahaus des Botanischen Gartens der Universität Basel vor einem acht Meter grossen Wasserbecken. Das Haus ist eine genaue Nachbildung des Originals aus dem 19. Jahrhundert, es ist einzigartig in der Schweiz. Beeindruckend auch dies, doch nicht das, was die beiden Frauen aus der Fassung bringt. Sie staunen über die Pflanze, die im Becken lebt. Botanische Gärten sind Museen der Pflanzenwelt. Sie werden unterhalten von Universitäten, Kantonen oder Gemeinden; daneben gibt es auch private Einrichtungen. Die Gärten der Universitäten, etwa jene in Zürich, Bern oder Basel, leisten den botanischen Instituten unverzichtbare Dienste. In den meist gut ausgebauten systematischen Teilen der Gärten werden die Pflanzen geordnet präsentiert: da die Familie der Lippenblütler, dort die Hülsenfrüchte, drüben die Rosengewächse. Hier erlebt der Interessierte jene Pflanzen, die er nur aus Büchern kennt, in natura.

Für die Natur sensibilisieren

Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Umweltfragen ist eine relativ neue Aufgabe der botanischen Gärten. François Felber, Direktor des Botanischen Gartens der Universität und Stadt Neuenburg, schreibt im Vorwort des Buches «Botanische Gärten der Schweiz»: «Ausstellungen und Veranstaltungen leisten ebenso wie der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit einen Beitrag zur Vermehrung des Wissens über unser Erbe und zu dessen Wertschätzung. Diese grünen Museen er-möglichen es jedem und jeder, eine engere Bindung zur Natur zu knüpfen.»

Weltweit gibt es schätzungsweise 2500 botanische Gärten. Sie beherbergen ungefähr 80 000 Pflanzenarten – das entspricht fast einem Drittel der heute bekannten Gefässpflanzen. In der Schweiz gibt es einige Dutzend öffentlich zugängliche Gärten. Es ist schwierig, den einen oder anderen für eine bestimmte Pflanzenkategorie oder Spezialität hervorzuheben.

Und dann wird man so überrascht! Die beiden Frauen vor dem Wasserbecken in Basel sind noch immer fassungslos. Diese Schwimmblätter! Kreisrund und die Ränder hochgeklappt wie riesige Kuchenbleche, die Symmetrie vollendet. Und einige zwei Meter gross. Die Blattflächen ruhen auf einem Gerüst von fingerdicken Nerven, die mit zahlreichen, kleinen Luftkammern durchsetzt sind. Der Auftrieb dieser Hohlräume ist so gross, dass die Blätter sogar einen erwachsenen Menschen tragen können.

In Spitzenzeiten wachsen sie täglich bis zu 30 Zentimeter; die hochgeschlagenen Blattränder schieben rigoros alle anderen Pflanzen zur Seite. In ihrer Heimat im Amazonas und seinen Nebenflüssen erreichen die Blätter einen Durchmesser von mehr als drei Meter. Damit ist die Amazonas-Seerose (Victoria amazonica) die grösste Wasserpflanze der Welt.

Basel, der kleinste und älteste Botanische Garten der Schweiz, hat noch mehr zu bieten als die gigantische Seerose. Auf 70 Aren wachsen rund 7000 Pflanzenarten. Die Orchideensammlung ist von internationaler Bedeutung – für die Öffentlichkeit aber nur sehr beschränkt zugänglich. Wieso, erklärt Hanspeter Haller, Landschaftsgärtner des Gartens: «Viele Orchideen sind sehr klein und unscheinbar und deshalb für Laien uninteressant. Ausserdem könnten sie gestohlen werden.»

Wir verlassen Basel und fahren nach Zürich in den Botanischen Garten der Universität. Die Gewächshäuser in Kuppelform sind einzigartig in Europa. Wir gehen ins Tropenhaus. Die Kamera beschlägt sofort, bald rinnen Tropfen von der Stirn. Wandeln unter Bananen- und Schraubenbäumen. Die Blätter des Meertraubenbaums wie Elefantenohren, filigran die Blüten der Spinnenlilie. Eine andere Welt. Anderswo fleischfressende Pflanzen, Kakteen aus aller Welt, Heilkräuter. Und draussen strecken bereits Schneeglöckchen ihren weissen Hut durch eine dünne Schneedecke.

Es ist immer Blütezeit

Wir steigen in den Zug und fahren nach Bern, gehen zur Aare über die Lorraine-Brücke in den Botanischen Garten. Das Alpinum ist ein wichtiger Teil mit seinen rund 1500 Arten. «Hier blüht das ganze Jahr etwas», sagt Christian Bühler, langjähriger Gärtner des Alpinums und Technischer Leiter Hortikultur. Auf den Klimawandel angesprochen, sagt er: «Man hat manchmal das Gefühl, es ist etwas im Wandel. Es passieren Dinge, die konnte man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen.» Zum Beispiel Schneeglöckchen, die im Botanischen Garten schon im November blühen.

«Auch in den Schauhäusern ist das ganze Jahr etwas los», verspricht Bühler. «Eine Perle unseres Gartens ist das Mittelmeerhaus.» Während sich draussen die Natur zurückziehe, werde sie im Mittelmeerhaus aktiv, so der Gärtner. Hier fange bereits im Spätwinter der Frühling an. Und der Duft als sei man in mediterranen Gefilden im Urlaub – an einem trüben Wintertag eine wahre Seelenmassage. Im ungeheizten, offenen Steppenhaus blühen schon im Februar die ersten Wildtulpen, Krokusse und anderen Geophyten. Daneben erwähnt Bühler den Heilpflanzengarten mit seinen ungefähr 400 Arten als eine der Besonderheiten seines Gartens.

Vor dem Aus

Botanische Gärten haben viel zu bieten, und das bei meist freiem Eintritt. Botanische Gärten haben eine wichtige Funktion für Wissenschaftler und Bevölkerung. Und doch wird immer wieder über fehlende Finanzen und Schliessungen diskutiert. Bern ist auch da nur ein Beispiel. Die Universität wollte die Kosten nicht mehr tragen, der «BoGa» stand vor dem Aus. Eine Motion im Stadtrat hat dies verhindert. Im Juni 2008 haben Universität und Kanton den Auftrag erhalten, den botanischen Garten weiterzuführen.

Trotzdem: «Seit 15 Jahren ein solcher Knorz», Christian Bühler, der bald pensioniert wird, schüttelt den Kopf. «Dabei haben wir so viel zu bieten und der Garten wird ständig weiterentwickelt. Wir müssen den Menschen doch die Natur nahe bringen.»

Botanische Gärten der Schweiz

Merian-Park Brüglingen (Bild)
Fläche: 13,5 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 8000
Gewächshäuser: nicht öffentlich zugänglich
Gründungsjahr: 1968
Inhaber: nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft Merian-Park
Öffnungszeiten: 8 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, Eintritt frei
Besonderheiten: prächtige moderne Parkanlage mit Arzneipflanzengarten;
Bauerngarten, Bestimmungslabyrinth; englischer Landschaftspark; Spielplatz
Anreise: Ab Bahnhof Basel SBB Tram 10 Richtung Dornach, Haltestelle Dreispitz; von dort in 10 Minuten bis zum Eingang West
Internet: www.bogabrueglingen.ch

Botanischer Garten der Universität Basel

Fläche: 0,8 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 8000
Gewächshäuser: 5 öffentlich zugängliche mit einer Fläche von total 800 m2 Gründungsjahr: 1898
Eigentümerin: Universität Basel
Öffnungszeiten: 8 bis 17 Uhr; Gewächshäuser 9 bis 17 Uhr, Eintritt frei
Besonderheiten: Das Viktoriahaus wurde 1995 rekonstruiert; Tropenhaus mit exotischen Vögeln; Sukkulentenhaus; Kalthaus; weltweit bedeutende Orchideensammlung mit über 4000 Arten.
Orchideenausstellung vom 31. Januar bis 15. Februar 2009 jeweils von 12 bis 19 Uhr; Eintritt 10 Franken
Anreise: Ab Bahnhof Basel SBB Bus 30 Richtung Badischer Bahnhof oder Tram 2, 8, 10 oder 11 bis Haltestelle Bankverein, umsteigen auf Tram 3 Richtung Burgfelden Grenze. Haltestelle Spalentor.
Internet: http://pages.unibas.ch/botgarten

Conservatoire et jardins botaniques ville de Genève
Fläche: 28 Hektaren
Anzahl Arten: über 12 000
Gewächshäuser: 6 öffentlich zugängliche mit einer Fläche von total 1483 m2
Gründungsjahr: 1902
Eigentümerin: Stadt Genf
Öffnungszeiten: 9.30 bis 17 Uhr, Eintritt frei
Besonderheiten: Garten des Riechens und Tastens; international bedeutende botanische Bibliothek und Herbarium mit 5,5 Millionen Belegen; Spielplatz und Zauberwald; alte Haustierrassen der Schweiz
Anreise: Ab Bahnhof Cornavin Bus 1 Richtung Jardin Botanique, von der Stadt aus Bus 11 oder 28. Haltestelle Jardin Botanique
Internet: www.ville-ge.ch/cjb

Botanischer Garten Bern
Fläche: 2,5 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 6000
Gewächshäuser: 3 kleine und 3 grosse mit einer Fläche von total 840 m2
Gründungsjahr: 1859
Eigentümer: Kanton Bern. Finanzierung durch Uni und private Stiftung
Öffnungszeiten: 8 bis 17 Uhr, Eintritt frei
Besonderheiten: Steppenhaus Mittelmeerhaus, Orchideenhaus,
Palmenhaus, Farnhaus, Sukkulentenhaus; Alpinum; Zier-, Nutz- und Heilpflanzen; Terrassen bis zum Ufer der Aare
Anreise: Zu Fuss vom Bahnhof zirka 10 Minuten oder Bus 20 Richtung Wankdorf, Haltestelle Gewerbeschule.
Internet: www.boga.unibe.ch



Botanischer Garten der Universität Freiburg

Fläche: 1,5 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 5500
Gewächshäuser: 3 öffentlich zugängliche mit einer Fläche von total 300 m2
Gründungsjahr: 1937
Eigentümerin: Universität Freiburg
Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 bis 17 Uhr, Gewächshäuser von 12 bis 13 Uhr geschlossen, Sa und So 10 bis 16 UhrEintritt frei
Besonderheiten: Schauhäuser (tropischer Regenwald, tropische Nutzpflanzen, Trockengebiete); Feuchtgebiet, Walliser Felsensteppe; Rosengarten; Schlangen im Vivarium
Anreise: Bus 1 Richtung Pérolles/Marly, Haltestelle Charmettes; oder Bus 7
Richtung Cliniques, Haltestelle Clinique Garcia
Internet: www.unifr.ch/jardin-botanique

Jardin botanique Université et cité de Neuchâtel
Fläche: 7,8 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 3600
Gewächshäuser: öffentlich, mit einer Fläche von total 170 m2; eine Orangerie von 75 m2
Gründungsjahr: Neueröffnung 1998; der erste Garten in Neuenburg wurde 1845 eröffnet
Eigentümerin: Universität, Kanton und Stadt Neuenburg
Öffnungszeiten: 9 bis 17 Uhr, Eintritt frei Besonderheiten: hoch über der Stadt gelegen, moderne Gestaltung, grosse, naturbelassene Flächen, Grill- und Spielplatz; in unmittelbarer Nähe befindet sich auch das sehenswerte Centre Dürrenmatt
Anreise: Zu Fuss ab Bahnhof Neuchâtel zirka 15 Min., ab Bahnhof Bus 9b
Richtung Ermitage, Haltestelle Fontaine-André oder Bus 9 Richtung Denis de Rougemont, Haltestelle Ermitage
Internet: www.unine.ch/jardin
 
Botanischer Garten der Universität Zürich
Fläche: 5,3 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 9000
Gewächshäuser: 3 öffentlich zugängliche mit einer Fläche von total 1000 m2 Gründungsjahr:1977
Eigentümer: Kanton und Universität Zürich
Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 bis 18 Uhr; Sa und So 8 bis 17 Uhr, Eintritt frei
Besonderheiten: Alpinum; Nutz- und Heil-pflanzensektor, einzigartige Kuppelgewächs-häuser (Tropen-, Subtropen-, Savannenklima); Piranhas; Färberpflanzengarten; Wadi (Trockenflusslauf); Frühlingsgarten Jeweils dienstags 12.30 Uhr öffentliche Gratisführungen
Anreise: Bus 33, Haltestelle Botanischer Garten. Bus 31, Tram 11 und Forchbahn (S18), Halte-stelle Hegibachplatz. Tram 2 und 4, Haltestelle Höschgasse
Internet: www.bguz.uzh.ch



Botanischer Garten St.Gallen

Fläche: 2 Hektaren
Anzahl Arten: zirka 8000
Gewächshäuser: 4 öffentlich zugängliche mit total 1020 m2
Gründungsjahr: 1945
Eigentümerin: Stadt St. Gallen
Öffnungszeiten: Täglich von 8 bis 17 Uhr (ausser am 25.12. und 1.1.);
Gewächshäuser: 9.30 bis 12 und 14 bis 17 Uhr,Eintritt frei
Besonderheiten: Tropenhaus, Alpinenhaus, Lithopshaus (Lebende Steine), Orangerie, Gift- und Heilpflanzen, Mähwiese; öffentlicheFührungen jeweils am ersten Sonntag einesMonats um 10.15 und 15.15 Uhr
Anreise: Tram 1 Richtung Stephanshorn oder Guggeien, Haltestelle Botanischer Garten
Internet: www.botanischergarten.stadt.sg.ch

Internet
www.hortus-botanicus.info
www.botanica-week.org

Literatur
Colette Gremaud: «Botanische Gärten der Schweiz»,
Ott Verlag 2007, Fr. 48.–
Fischer, Mathis, Möhl: «Erdbeerbaum und Zaubernuss – Pflanzengeschichten aus dem Botanischen Garten Bern»,
Haupt Verlag 2006, Fr. 19.90

Bilder: © Andreas Krebs

Tags (Stichworte): BotanikDschungelGartenNatur

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