Diener mehrerer Vögte
Im Naturschutzgebiet um den Grossen Arber im Bayrischen Wald prallen die unterschiedlichen Interessen von Naturschutz und Tourismus aufeinander.
Publikumsmagnet Grosser Arber
An einem der beiden Türme der Radarstation auf dem weitläufigen Gipfelplateau des Grossen Arbers im Bayrischen Wald radelt ein Biker vorbei. Der wellige Kulm mit seinen Riegel genannten steinigen Erhöhungen ist weiss gefleckt, denn vielerorts liegt noch Schnee. Freundlich, aber bestimmt fordert Isabelle Auer den Biker auf, vom Fahrrad zu steigen und dieses zu schieben, denn auf dem Arberplateau darf nicht geradelt werden. Sie habe ihm nichts vorzuschreiben, raunzt der Biker zurück. Gebietsbetreuerin Auer muss sich als solche zu erkennen geben, ist sie doch befugt, Leute, die sich im Naturschutzgebiet nicht an die Regeln halten, zurechtzuweisen. Der Biker geht nach einer abschätzigen Handbewegung zu Fuss weiter. Nur ein paar Meter davon entfernt tummeln sich Touristen jenseits der Abschrankungen auf dem steinigen Terrain. Auch diese Leute muss die Geografin auf den Weg zurückpfeifen.
Umstrittener Berg
Der ganze Arber samt den beiden Seen steht seit 1939 unter Naturschutz. Das Gebiet ist im grossen Ganzen des Naturparks Bayrischer Wald eingebettet. Eine heikle Balance, die da im eigentlichen Schutzgebiet aufrechterhalten werden muss, denn der Grosse Arber ist sowohl für den Wandertourismus als auch den Wintersport offen und erschlossen.
Der Grosse Arber: die höchste Erhebung im Bayrischen Wald und dicht an der tschechischen Grenze gelegen. Der Blick nach Osten über die blauen Höhen des Böhmischen Waldes ist ebenso wunderbar wie der nach Westen über das bayrische Gebiet. Hüben wie drüben Wald, soweit das Auge reicht.
Der Grosse Arber könnte ein Stück Paradies sein, wäre er nicht ein höchst komplizierter Berg. Man schaue sich bloss die Besitzverhältnisse an: Der östliche Abhang wurde 1872 dem Fürstenhaus Hohenzollern-Sigmaringen einverleibt; hier befinden sich heute Skipisten, Skilifte und eine Gondelbahn. Ein nördlicher Spickel ist im Privatbesitz von Waldbauern, während der Südwesten als Staatsforst zur Gemeinde Bodenmais gehört. Über das Schicksal der beiden noch während des kalten Krieges erbauten Radartürme bestimmt der Staatsschutz. Und dessen Interessen kommen vor denjenigen des Naturschutzes. Man kann nur hoffen, dass auf dem Arber nicht dereinst Raketenabwehrbasen gen Osten errichtet werden.
Geografie und Geologie
Als Teil des kristallinen Grundgebirges Mitteleuropas wurde der Bayrische Wald vor sechzig Millionen Jahren zum letzten Mal emporgehoben und mit ihm seine höchste Erhebung, der Grosse Arber (1456 Meter über Meer). Das Massiv ist vorwiegend aus sogenannten Paragneisen aufgebaut und aufgrund eines Sillimanit-Überzugs widerstandsfähig gegen Verwitterung. Während der Eiszeiten waren die Höhen im Bayrischen Wald mit Eis und Schnee bedeckt. Am Grossen Arber bildeten sich drei Gletscher, die schliesslich den Grossen und Kleinen Arbersee als Karseen hinterliessen. Der Grosse Arber reicht als einziger Gipfel im Bayrischen Wald über die Waldgrenze und beherbergt auch subalpine Vegetation und Fauna. So findet man ausserhalb der Alpen nur hier Vogelarten wie die Alpenbraunelle. Biogeografisch gesehen stellt der Arber ein subalpines Bindeglied zwischen den Alpen, dem Sudetengebirge und den Westkarpaten dar.
Naturschutz und Tourismus im Clinch
Die Skipisten auf der Hohenzollern-Seite sind im Winter stark befahren und werden für Weltcup-Rennen genutzt. Zwischen ihnen ziehen sich Waldflächen den ganzen Berg hinunter, die einen verwüsteten Eindruck machen, hat doch der Orkan vom Januar 2007 viele Bäume umgelegt. Trotz wüst durcheinander liegender Stämme und vieler Strünke wird das Terrain bei genügend Schnee von Variantenskifahrern durchkurvt, was ziemlich gefährlich ist und Tiere in ihrer Winterruhe stört. Doch das sei vielen Leuten egal, meint Auer.
Alle diese Komponenten bringen das diffizile Gleichgewicht auf dem Arber immer wieder in Gefahr. In einer einschlägigen Broschüre liest man: «Bei mehr als einer halben Million Besucher pro Jahr zeigt sich ein paradoxer Konflikt: Erholung in der Natur wider die Natur!» Und an anderer Stelle: «Wo tagaus tagein so viele Menschen Erholung suchen, wird die Natur selbst erholungsbedürftig. Auf der Suche nach einem ruhigen Platz bleibt kein Flecken unberührt. Vor allem die Felsen sind als Aussichts-, Sonnen- und Kletterplatz begehrt. Dass gerade hier viele bedrohte Pflanzenarten ihren Lebensraum haben, ist dabei kaum jemandem bewusst.» Das permanente Gerangel zwischen Tourismus, Sport und den Bedürfnissen der geschützten Natur ist hier höchst evident und ein exemplarischer Präzedenzfall. Verschiedene Massnahmen sollen die Natur einigermassen vor dem Besucheransturm schützen. So werden die unter Naturschutz stehenden Gebiete von Isabelle Auer und ihren Kollegen beaufsichtigt; im übrigen Naturpark schauen Ranger für Ordnung. Zudem sorgen entsprechende Markierungen, Abschrankungen und Infotafeln nach Möglichkeit für eine Besucherlenkung.
Im Norden des Grossen Arbers und von einer seiner Spitzen aus in der waldigen Tiefe gut zu sehen, liegt der Kleine Arbersee, im Süden sein grosses Pendant. Beide sind sie nach der letzten Eiszeit aus Gletschern entstandene Karseen und gehören ebenfalls zum Naturschutzgebiet. Der Wanderweg vom Berg bis zum Grossen Arbersee ist rund vier Kilometer lang. An der Südseite des Sees befindet sich ein Wirtshaus mit Bootsverleih – eine weitere Reibungsfläche zwischen Tourismus und Naturschutz. Ausflügler und Wanderer mit Kind und Kegel geniessen hier den Blick über den stillen See, der wie ein grosses grünblaues, zum Himmel blickendes Auge wirkt. Man glaubt sich an die Gestade des Sees in Coopers «Wildtöter» versetzt, wären da nicht die permanenten menschlichen Geräusche inklusive Kindergeschrei. Am hinteren Ende des Sees und direkt gegenüber dem Wirtshaus ragt 400 Meter hoch und mit deutlich sichtbaren Felswänden durchzogen die berühmte Arberseewand empor.
Sihlwald: keine Probleme zwischen Natur und Besuchern
Seit am 1. Dezember 2007 eine Revision des Bundesgesetzes über den Natur- und Heimatschutz in Kraft trat, ist es möglich, neben dem Nationalpark im Enga-din weitere Pärke von nationaler Bedeutung einzurichten. Auch die Betreuer des Sihlwaldes bewarben sich. Der Wald rund um das Sihltal ist seit rund 500 Jahren Eigentum der Stadt Zürich. Seit 1994 verzichtet man hier schrittweise auf Holznutzung, heute wird der Sihlwald ganz den natürlichen Prozessen überlassen – ein Urwald am Entstehen. «In der Schweiz gibt es eine Gliederung in drei Parktypen, den Nationalpark, den regionalen Naturpark und den Naturerlebnispark. Zu Letzterem würde der Sihlwald gehören», sagt Christian Stauffer, zuständiger Bereichsleiter für Wildnis und Tiere bei Grün Stadt Zürich.

Angestrebt wird im Sihlwald ein national anerkannter Park, in dem zwingend eine Zone unter Vollschutz steht, wo der Natur völlig freier Lauf gelassen wird und die Besucher diese nur von den Wegen aus erleben dürfen. Es handelt sich dabei vorwiegend um Gebiete am Nordosthang des Albis.
Der nächste Schritt zu einer nationalen Anerkennung ist die Gründung einer neuen Organisation, in der man die umliegenden Gemeinden, den Kanton und auch die Naturschutzorganisation Pro Natura einbinden will. «Der ganze Sihlwaldkomplex wäre dann nicht mehr Teil der Stadtverwaltung, sondern von der neuen Organisation namens Stiftung Naturpark Zürich mit städtischer Unterstützung getragen», erklärt Stauffer. Die damit verbundene Einbindung der Standortgemeinden sei die Vorstufe und eine Bedingung für eine bundesstaatliche Anerkennung. Am 1.Juni haben die Stimmberechtigten von Zürich diesbezüglich eine wichtige Entscheidung gefällt. Sie haben die Vorlage über die teilweise Finanzierung der Stiftung Naturpark Zürich mit fast 90 Prozent Ja-Stimmen angenommen: Von 2009 bis 2018 stehen dieser nun zwischen 3,3 und 3,8 Millionen Franken, ab 2019 noch jährlich 2,2 Millionen zur Verfügung.
Ähnlich gravierende Reibungen zwischen Natur und Tourismus wie im Arbergebiet kennt man im Sihlwald laut Stauffer bisher kaum. Die Biker etwa müssten auf den Wegen bleiben und dürften nicht quer durch den Wald radeln. Das werde manchmal nicht eingehalten. «Ansonsten verläuft die Benutzung des Waldes ruhig, sieht man einmal von der Sihltal-Autostrasse ab, wo die Leute immer wieder ihren Müll entsorgen», sagt Stauffer.
Bild: © Stadt Zürich
Regeln in freier Natur
Auf einem Rundgang um den See erklärt Isabelle Auer die Besonderheiten dieses Teils des Schutzgebietes. Der Weg, der im hinteren Teil auch auf Stegen über Bäche und sumpfiges Gelände führt, darf nicht verlassen werden. Da der Wald hier seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt wird, gibt es viele umgekippte Baumstämme, die man an etlichen Orten geschickt als Wegbegrenzung zurechtgerückt hat. «Eine psychische Schwelle für die Wanderer, die diese erstaunlicherweise meist respektieren», erklärt Auer. Kaum gesagt, muss Isabelle Auer schon wieder einschreiten: Im sumpfigen Teil hat eine Frau ab vom Weg ihr Kleinkind für eine Foto auf einen fast zwei Meter hohen Felsen gestellt. Kurz darauf muss Auer auch ein paar Kinder aus dem hier wie ein Urwald wuchernden Forst zurückpfeifen. «Einerseits will man ja, dass die Leute hier unberührte Natur beobachten können», sagt die Gebietsbetreuerin, «andererseits muss man von ihnen verlangen, dass sie minimale Regeln einhalten.»
Nach Fischen späht man in beiden Seen vergebens. Dazu ist das Wasser viel zu sauer. Obschon der saure Regen mittut, ist dies vor allem auf das saure Gneisgestein zurückzuführen, das in der ganzen Gegend dominiert und das von den Bächen ausgewaschen wird. Den Fröschen allerdings, deren Laich im Frühjahr zwischen den Sumpfdotterblumen wie schwarzer Kaviar glänzt, macht die Säure nichts aus. Auch die hier wachsenden Pflanzen wie Pestwurz, Sauerklee, Heidelbeeren und Wollgras vertragen saure Standorte.
Neben dem Arbergipfel ist der Grosse Arbersee der zweite Konfliktherd zwischen Natur und Touristen, von denen sich hier im Jahr etwa eine halbe bis zu einer drei viertel Million am See tummeln. Man kann diesen bis zu einer Absperrung aus zusammengebundenen Baumstämmen mit Booten befahren, darf aber nicht darin baden.
Je näher man dem Fuss der Seewand kommt, umso feuchter wird es. Es rauscht permanent. «In der Wand kommen sämtliche Gewässer vom Arber zusammen; das Gebiet ist stets nass und im Winter gefroren», sagt Auer. Zwar führt ein Pfad langsam ansteigend durch die Wand, in seinem letzten Abschnitt muss aber an einer Stelle geklettert werden. «Eigentlich möchten wir den Weg verfallen lassen, da die Wand unter absolutem Naturschutz steht.» Laut Auer leben und brüten hier 45 teilweise seltene Vogelarten, unter anderem der Weissrückenspecht und der Sperlingskauz.
Das Naturschutzgebiet rund um den Grossen Arber liegt zwischen den sehr unterschiedlichen Ortschaften Bodenmais und Bayerisch Eisenstein. Durch den Bahnhof von Eisenstein verläuft die deutsch-tschechische Grenze. Während der Ort heute eine starke Abwanderung erfährt, hält sich Bodenmais im Westen des Berges recht gut als Kur- und Touristenkleinstadt. Der Stadtkern liegt auf einem Hügel inmitten eines Tales, das rundherum von Wald begrenzt wird. Bodenmais lebt fast vollständig vom Tourismus, abgesehen von einer verbliebenen Glashütte, wie sie früher für den bayrisch-böhmischen Wald typisch waren.
Fast jedes Haus bietet hier Ferienwohnungen an, ist eine Pension, ein Hotel oder ein Restaurationsbetrieb. Die Stimmung des Ortes ist jedoch angenehm, da es hierher vorwiegend Leute verschlägt, die die Ruhe suchen oder zu wandern gedenken. Eben ins Naturschutzgebiet hinein, von dem das älteste Stück, die Risslochschlucht mit den grössten Wasserfällen des Bayrischen Waldes, nur eine Wanderstunde von Bodenmais entfernt liegt. Das Rissloch ist eine relativ ruhige, wildromantische Gegend, die allerdings wie andere vergleichbare Orte nicht selten als Mülldeponie missbraucht wird – ein weiterer Bereich in dieser schönen Gegend, wo sich Mensch und Natur in die Quere kommen.
Internet
• www.arber.de
• www.nationalpark-bayerischer-wald.de
• www.bayerischer-wald.de
• www.sihlwald.ch
Bilder Isabelle Auer, Michael Körner
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