Die Wolfpatrouille
Es gibt immer mehr Wölfe in der Schweiz. Deshalb geht Riccarda Lüthi die Arbeit nicht aus. Mit Schutzhunden zusammen bilden sie eine Art schnelle Eingreiftruppe – eine Einmaligkeit in Europa.
Die Herdenbesitzerin Véronique Mottiez und ihre Familie haben nach eigenen Angaben in diesem Jahr schon 50 Schafe verloren. Schuld daran ist ein Wolf. Wegen ihrer hohen Verluste rief Véronique Mottiez Anfang August bei der Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums (Agridea) an, die in Absprache mit den regionalen Herdenschutzzentren für den Fall einer schweren Wolfsattacke eine Art schnelle Eingreiftruppe schickt.
Surftipps
Hier finden Sie Hilfe, Unterstützung und Adressen:
• agridea, die Schweizerische Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums
• bafu, Berner Konvention: Wolf bleibt streng geschützt
• der Wolf im Internet
Die Truppe besteht neben der Hundeführerin und ihren Hirtenhunden aus zwei bis drei Herdenschutzhunden, die während rund zwei Wochen an die Besonderheiten der neuen Umgebung und vor allem an die Herde gewöhnt werden. Aber auch die Schafe brauchen Zeit, um mit ihren neuen Begleitern zurechtzukommen. Dazu kommt eine kurze, aber intensive Aufklärungs- und Zusammenarbeit mit den Alpbewohnern, welche die Hunde bis zum Alpabzug behalten und weiter betreuen.
Die Baselbieterin Riccarda Lüthi ist seit sechs Jahren dabei. Sie lacht, wenn sie die scherzhafte Bezeichnung «Anti-Wolfs-terror-Einheit» hört und erklärt gleich den Unterschied zu einer militärischen Organisation. «Wir wollen die Wölfe nicht vernichten, sondern den Bewohnern der Alpen Instrumente in die Hand geben, damit sie mit der Wolfspräsenz leben können.» Die Möglichkeit mobil und schnell dort einen Schutz aufzubauen, wo ein Wolf oder ein Bär auftaucht, ist in Europa einmalig.

Nothilfe nur auf Anfrage
Während des Sommers kennt sie fast nur noch den Schlafsack als Bettdecke. Hier auf der Alp Véla auf rund 1700 Meter Höhe hat sich die gelernte Biologin eine Unterkunft in einer halb verfallenen Hütte eingerichtet. Als einzige persönliche Begleitung sind die eigenen Hirtenhunde Cisco und Arusha dabei. Die Border-Collies unterstützen die drei Herdenschutzhunde um die Herde zusammenzuhalten.
Während der Sommersaison werden die Hunde jeweils nur als Nothilfe auf die Alpen gebracht. Die wird dann gewährt, wenn ein Alpchef um Hilfe bittet. Dabei handelt es sich um Hilfe zur Selbsthilfe, denn nach einem Einsatz müssen die Verantwortlichen einer Alp entscheiden, welche Massnahmen sie für die folgende Saison treffen wollen. Für die Schutzarbeit werden neben den Abruzzenhunden auch die Montagne de Pyrenées verwendet. Beide Rassen stammen aus traditionellen Wolfsgebieten. Nach 12 bis 16 Wochen Sozialisierung mit den Schafen werden die jungen Zuchthunde oft im Team mit einem älteren Hund an interessierte Bauern verkauft. Dabei müssen die Herdenschutzhunde für eine Herde sorgfältig nach Geschlecht, Erfahrung und Autorität ausgewählt werden und charakterlich zusammenpassen.
Erst hüten, dann schiessen
Der Einsatz dieser Hunde ist politisch gewollt. Denn das «Konzept Wolf Schweiz» des Bundesamtes für Umwelt sieht einen konsequenten Herdenschutz vor. Erst wenn es trotz Herdenschutz zu einer grösseren Anzahl Opfer unter den Nutztieren kommt, darf ein Kanton eine Abschussbewilligung erteilen. Ziel ist es, den Schutz der Nutztiere im Alpenraum zu optimieren, so dass die Wölfe von ihnen ablassen und sich auf das Wild konzentrieren.
Fotos: © Martin Arnold
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