Die Versteinerten
Mit Steiner-Schulen, der biodynamischen Landwirtschaft oder als Zweig der Alternativmedizin durchdringt die Anthroposophie viele Bereiche unseres Lebens. Doch welches Weltbild hinter der Bewegung steht, ist für die meisten unklar.

Anthroposophie ist für mich, wenn die Ideenwelt Sonne auf die Realität Erde trifft», sagt der Biobauer Martin Ott im Vorspann des Films «Zwischen Himmel und Erde», der ab Februar in den Schweizer Kinos zu sehen sein wird. «Anthroposophen sind Menschen, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und der Welt wie Hunger und Durst empfinden», ergänzt Bodo von Plato, Vorstandsmitglied des Goetheanums in Dornach (SO). Das Goetheanum ist Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der sogenannten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Ob Rudolf-Steiner-Schulen, anthroposophische Medizin oder beliebte Konsumgüter wie biodynamisch produzierte Lebensmittel von Demeter und Kosmetika von Weleda: Die Anthroposophie ist selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags. Doch ihr Weltbild bleibt ein schwer fassbares. Was ist Anthroposophie?
Surftipps
Hier finden Sie Hilfe, Unterstützung und Adressen zum Thema Anthrosophie
• Internetportal Anthrosophie
• Antroposophische Gesellschaft in der Schweiz
• Goetheanum
• Die Rudolf Steiner Schulen
Glauben an die Wiedergeburt
Die Anthroposophie ist untrennbar mit der Person Rudolf Steiners verbunden. Geboren 1861 im heutigen Kroatien, wuchs Steiner in konservativen, von einem mystischen Katholizismus geprägten Verhältnissen auf, die sein Weltbild stark beeinflussten. Schon als Kind erlebte er hinter der materiellen Realität eine Welt voller Geistwesen. Steiner studierte in Wien Natur- und Geisteswissenschaften und promovierte in Rostock in Philosophie. 1909 veröffentlichte er das Werk «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?». Darin erläutert er, wie seine persönliche Wahrnehmung der geistigen Welt für jedermann erfahrbar werden soll. Laut Steiner ist Übersinnliches genauso wissenschaftlich erklärbar wie Körperliches. Dieses Credo ist für die Anthroposophie bis heute wichtig: Was sie lehrt, soll Wissenschaft sein, nicht Religion. 1913 gründete er die Anthroposophische Gesellschaft und legte in Dornach den Grundstein für das Goetheanum, das als Zentrum der anthroposophischen Bewegung dienen sollte. In Dornach starb er 1925 auch.
Steiner nahm für sich in Anspruch, die sogenannte Akasha-Chronik lesen zu können. Dieses «geistige Buch des Lebens» soll in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis enthalten. Zugang zur Akasha-Chronik erhalten laut Steiner nur Menschen, welche die höchste Ebene der übersinnlichen Wahrnehmung erreicht haben.
«Die Anthroposophie ist eine Reinkarnationslehre », sagt Georg Schmid von der Evangelischen Informationsstelle in Rüti. «Ein Wesen entwickelt sich demnach von Leben zu Leben weiter – wer einmal Mensch ist, kann nicht mehr Tier werden.» Der Mensch ist nach diesem Verständnis aber nicht die höchste Wesensform. Über ihm steht eine Hierarchie aus Engeln.
«Nach Ansicht der Anthroposophen bestehen wir zudem aus verschiedenen Schichten, wobei nur der physische Leib direkt erfahrbar ist», erklärt Schmid. Der meiste Teil eines Menschen ist aus anthroposophischer Sicht übersinnlicher Natur. Erst sein Ätherleib macht ihn zu einem Lebewesen und unterscheidet ihn von blosser Materie. Der Ätherleib soll als eine Art Baumeister wirken und den Aufbau und Unterhalt des Körpers steuern. Der Astralleib ist der Träger des Innenlebens, hier sitzen Gefühle und Triebe. Im Schlaf verlässt er den Menschen. Pflanzen haben keinen Astralleib und schlafen sozusagen dauernd. Von den Tieren unterscheidet sich der Mensch durch sein Ich. Dieses soll ihm ein höheres Bewusstsein und vernünftiges Denken ermöglichen.
Ein spirituelles Weltbild
«Die Anthroposophie möchte den Menschen befähigen, Zugang zu dieser angenommenen übersinnlichen Welt zu finden», erklärt Susanne Schaaf von der Fachstelle für Sektenfragen Infosekta in Zürich. Diese, dem Alltagsbewusstsein verschlossene Welt, lasse sich nach Ansicht der Anthroposophen durch einen bestimmten Meditationsweg erschliessen. Dieser Erkenntnisweg führt über mehrere Stufen und beginnt mit einer Initiation, bei der sich der Geistesschüler von geistigen Wesen führen lässt. «Christus ist in Steiners Modell die höchste geistige Wesenheit», erläutert Schaaf. Bei der nachfolgenden Imagination soll der Schüler astrale Bilder wahrnehmen und ausserkörperliche Erfahrungen machen. Auf der letzten Stufe erkennt er seine Reinkarnationen und sein Karma. «Ziel ist es», so Schaaf, «dass sich der Mensch sowohl selber erlöst, als auch seine ‹Genossen in der Sinnenwelt› mitbefreit.»
Laut der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gibt es in 78 Ländern insgesamt über 10 000 anthroposophische Einrichtungen. Trotzdem sei die Bewegung vor allem im deutschen Sprachraum verankert, sagt Schmid, aber etwa in den USA praktisch unbekannt. Die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz zählt nach eigenen Angaben rund 4900 Mitglieder.
Hierzulande gibt es zudem rund 40 Rudolf- Steiner-Schulen. «Während öffentliche Schulen religiös neutral sind, liegt den Steiner-Schulen das spirituelle Weltbild der Anthroposophie zu Grunde», sagt Anton Strittmatter vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Es gebe allerdings beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Steiner-Schulen, betont er. Inwieweit das anthroposophische Weltbild eine Rolle spiele, hänge von der Trägerschaft der jeweiligen Schule ab. «Es gibt sowohl eher laizistische als auch solche, die sich stark an der reinen Steiner-Lehre orientieren.»
Manipulative Elemente
Was Steiner-Schulen auszeichnet, ist die grosse Bedeutung musischer und gestalterischer Fächer. Der Individualität der Schüler kommt eine grosse Bedeutung zu, ebenso dem selbstständigen Arbeiten. «Die öffentlichen Schulen haben viele dieser Aspekte, die typisch für die Reformpädagogik Ende 19. und anfangs 20. Jahrhundert sind, inzwischen ebenfalls aufgenommen», sagt Strittmatter.
Ein deutlicher Unterschied besteht nach wie vor bei der Leistungsbeurteilung. Steiner Schulen verzichten auf Noten und eine Selektion und beurteilen ihre Schüler mit Wortberichten. Die Schüler müssen zudem in Portfolios die geleisteten Arbeiten dokumentieren. «Übertritte in eine öffentliche Schule können aufgrund des deutlich anderen Aufbaus von Steiner- Schulen zu Problemen führen», sagt Strittmatter. «Es braucht dann viel Anpassungswillen auf allen Seiten.»
Einen kritischen Aspekt der Steiner-Pädagogik sieht der Fachmann bei den ritualisierten Elementen, die im Schulalltag eine wichtige Rolle spielen. «Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet, in der die Sterne funkeln, in der die Steine lagern, die Pflanzen lebend wachsen, die Tiere fühlend leben, in der der Mensch beseelt dem Geiste Wohnung gibt», rezitieren Schüler beispielsweise Tag für Tag Rudolf Steiners Morgenspruch. Eurythmie-Übungen, tänzerische Bewegungsabfolgen, sollen Lernprozesse unterstützen und verbessern. «Solche Elemente sind pädagogisch wertvoll und wirksam, haben aber auch etwas Manipulatives und erinnern mich teilweise an Koranschulen», so Strittmatter. «Wo die gute pädagogische Wirkung aufhört und die Gehirnwäsche anfängt, ist für mich nicht immer klar.»
Übervater Rudolf Steiner
Trotzdem sieht er in der weltanschaulichen Fundierung von Steiner-Schulen kein Problem, denn in der Schweiz seien alle Privatschulen der staatlichen Schulaufsicht unterstellt, die bezüglich Lehrplan oder Verfassungskonformität Vorgaben mache und Grenzen setze. «Bei manchen evangelikalen Privatschulen kann man viel eher von Indoktrinierung der Schüler sprechen», sagt der Pädagoge.
Dennoch haftet der Anthroposophie für viele etwas Sektiererisches an. «Wir erhalten aber kaum Anfragen zur Anthroposophie», sagt Susanne Schaaf von Infosekta. Doch bestehe das Risiko, dass Anhänger ihr Denken und Fühlen so stark den Vorgaben der Steiner-Lehre anpassten, dass ihre Eigenständigkeit verloren gehe. «Wenn man sein ganzes Leben nach einer Doktrin ausrichtet, kann man sich darin verlieren», sagt Schaaf.
Religionswissenschaftler Georg Schmid kritisiert die oft starke dogmatische Ausrichtung der Anthroposophen auf Rudolf Steiner. Je näher man Dornach komme, desto stärker grassiere der Steiner-Fundamentalismus, sagt er. «Steiner war in vielem seiner Zeit voraus, doch heute sind seine Ansichten, etwa jene zum Rollenverständnis der Geschlechter oder seine altväterische Sexualethik, zumeist überholt.» Wie steht es um die Rassismusvorwürfe, die gegen Steiner und die Anthroposophie in den 1990er-Jahren laut wurden? «In Steiners Schriften gibt es tatsächlich einige äusserst rassistische und antisemitische Aussagen», sagt Schaaf.
«Steiner war ein Kind seiner Zeit», meint Schmid, «rassistische Aussagen gehörten damals zum Welt- und Menschenbild.» Da für viele Anthroposophen ihr Vordenker auch heute nicht überholt sei, bemühten sie sich, seine Aussagen umzuinterpretieren und gelängen selber in die Nähe des Rassismus. «Liberale Anthroposophen stehen den problematischen Aussagen Steiners jedoch durchaus kritisch gegenüber», betont er.
Für Aussenstehende sei es aber immer wieder erstaunlich, wie stark die Tendenz zu relativieren und auch schönzureden sei, sagt Schaaf. «Hier zeigt sich, dass die Anthroposophie eben nicht eine Wissenschaft ist, als die sie sich gerne versteht, sondern vielmehr eine Weltanschauung.»
Literatur
Thomas Marti: «Anthroposophie – heute noch modern?», LIT Verlag 2008, Fr. 34.50
Maurice Martin: «Anthroposophie, was ist das?», Oratio Verlag 2006, Fr. 17.50
Fotos: © Charlotte Fischer
Kommentare
bin sehr entäuscht über ihren Artikel.
Ausserungen wie "Uebertritte in eine öffentliche Schule können aufgrund des usw. zu Problemen führen." Das Gegenteil trifft zu. Steiner Schüler sind sehr gerne gesehen und bringen ihre Leistungen! Unsere Kinder besuchten die in ihren Augen so komische Schule und haben den Uebertritt gut geschafft. Es sind gute kritische Menschen geworden und mir stösst so Phrasen wie sie in ihrem Artikel bringen sauer auf. Besuchen sie doch einmal einen Eurythmiekurs und sie werden am eigenen Leibe erfahren wie schwierig und anspruchsvoll diese Uebungen sind.
Ich möchte behaupten sie haben kein Ahnung von der Antroposophie und trotzdem fühlen sie sich kompetent darüber zu schreiben.
Mit freundlichen Grüssen
H.Maag
Der Pressesprecher am Goetheanum, Wolfgang Held, sagt in Jordis Beitrag, dass in der Anthro-posophie „das freie Urteilsvermögen jedes Einzelnen“ zähle. Das stimmt so nicht! Was Steiner gesagt und geschrieben hat ist bis heute sakrosankt und darf nicht angezweifelt werden. Somit gilt bis in die Gegenwart hinein das ungeschriebene Gesetz: Rudolf Steiner darf als Inaugurator der Anthroposophie nie in Frage gestellt oder gar angegriffen werden. Äussert man eine andere Ansicht in einer von Steiner vertretenen Sache, wird man subito zurechtgewiesen: Dann hast du das nicht verstanden! – Indem Wolfgang Held wenig später Aristoteles, Thomas von Aquin und Sigmund Freud als „grosse Geister“ der Naturwissenschaft, der katholischen Kirche und der Psychoanalyse erwähnt, hätte er ja vollständigkeitshalber gleich erwähnen können, dass zwei der drei aufgeführten Persönlichkeiten (siehe oben!) Vorinkarnationen des Anthroposophen-Gurus waren.
Das leidige Thema um die rassistischen Verlautbarungen Steiners wird von den angegriffenen Anthroposophen oft mit einem gelangweilten „Nicht schon wieder; das ist doch längstens ab-gehakt!“ zurückgewiesen oder damit begründet, dass damals „halt andere Zeiten geherrscht“ hätten. Mit solchen Entgegnungen kann und darf der damalige Mensch, der sich rassistisch geäussert hat, heute nicht entschuldigt werden, weil dieserart auch das Nazi-Regime reingewaschen würde!
Felix C. Studer
Spycherstrasse 8a
8596 Scherzingen