Die Rückeroberung

Primin Schilliger | Ausgabe 7 - 2009

Viele Schweizer Städte sind keine lebensfeindlichen Betonwüsten, sondern Hort für eine erstaunlich vielfältige Tier- und Pflanzenwelt.

Eine solche Artenvielfalt haben wir nicht erwartet», staunt Thomas Sattler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern untersuchte der Biologe im Rahmen des Nationalfondsprojektes «BiodiverCity» die biologische Vielfalt in Schweizer Städten. Bereits der kürzlich veröffentlichte Bericht des Biodiversitäts-Monitorings Schweiz  zeigt, dass vor allem unversiegelte Siedlungsflächen eine erstaunlich hohe Artenvielfalt aufweisen, die jene in Landwirtschaftsgebieten übersteigt.

Sattler und seine Kollegen nahmen in den drei Städten Lugano, Luzern und Zürich je 32 Standorte speziell unter die Lupe, um Insekten und Spinnen zu bestimmen. Die Testgebiete umfassten alle für den städtischen Siedlungsraum repräsentativen Grünflächen, von überwucherten Industriebrachen bis zu Kleingärten und Parks. Insgesamt gingen den Jägern im Dienste der Wissenschaft in sieben Wochen rund 460 000 Tiere in die Fallen.

Surftipps
Biodiversitäts-Monitoring Schweiz
BiodiverCity
• Beratungsstelle Natur im Siedlungsraum

Dossier Stadtnatur
Stichwort Naturnaher Gartenteich (PDF)
Stichwort Amphibien-Garten (PDF)
Stichwort Igel (PDF)
Stichwort Schmetterlinge (PDF)
Stichwort Fledermaus-Garten (PDF)
Stichwort Wildsträucher (PDF)
Stichwort Wildbienen (PDF)
Stichwort Naturnahe Balkonbegrünung (PDF)
Naturnahe Gärten – attraktiv gestalten (PDF)
Gebäudebegrünung: Dach – Fassade – Innenraum (PDF)
Traditionelle Blumenwiesen ansäen (PDF)

Polizeischutz für Küken

Sogar im Kreis 3 mitten in Zürich wurde in einem begrünten Innenhof die erstaunliche Zahl von 360 Insekten- und Spinnenarten gezählt. Damit konnten die Forscher bestätigen, was der Biologe Stefan Ineichen, der seit 20 Jahren die urbane Tier- und Pflanzenwelt Zürichs erforscht, immer wieder betont: In der Zürcher Innenstadt leben doppelt so viele Arten wie vielerorts auf dem Land. Auf den Wanderungen durchs «Bioreservat Zürich», die Ineichen regelmässig anbietet, begegnen die Teilnehmer nicht nur omnipräsenten Stadtbewohnern wie Tauben und Spatzen, sondern an warmen Tagen auch Zaun- und Mauereidechsen. Und sie erfahren, womit bei regelmässiger Wildpirsch mitten durchs Stadtgefilde zu rechnen wäre: In der Limmatstadt sind rund 1200 Füchse, 140 Dachse und 200 Rehe sowie ein Rudel Wildschweine unterwegs.

Aber auch in Luzern tut sich was. Seit einigen Jahren haben Gänsesäger die Museggmauern als Aufzuchtrevier entdeckt, was nicht ganz unproblematisch ist. Denn wenn die Jungvögel schlüpfen, drängt es sie sofort ans Wasser. Dabei ist Polizeigeleitschutz erforderlich, damit die Tiere sicher und unbehelligt ihren Weg mitten durch die Luzerner Altstadt hinunter an die Reuss finden.

Botswanisches Faszinosum

Unter den 460 000 Insekten und Spinnen, welche die Wissenschaftler aus den Fallen schütteln und bestimmen konnten, waren mit einem Anteil von 47 Prozent Wespen-, Bienen- und Hummelarten am häufigsten, gefolgt von Käfern (20 Prozent), Blattläusen und Zikaden (zusammen 9 Prozent). Daneben fanden die Forscher zahlreiche Wanzen-, Spinnen- (5 Prozent) und Schmetterlingsarten sowie weitere Insekten. Nicht gezählt wurden Mücken und Fliegen. Die angetroffene Vielfalt sei durchaus vergleichbar mit artenreichen ländlichen Grünflächen. Die Natur erobert sich die Städte, die doch als künstliche Landschaften gelten, zurück. In Luzern entdeckten die Forscher gar den Exoten Heliophanus fascinatus, eine Spinnenart, die eigentlich in Botswana, Kongo und Ruanda heimisch ist. «Sie dürfte mit importierten Nahrungsmitteln eingeschleppt worden sein», schätzt Sattler. Zwar ist wenig wahrscheinlich, dass diese afrikanische Spinne den Winter überlebt.


Andere Einwanderer konnten sich erfolgreich ausbreiten, so etwa die an den Flüssen des Schwarzen Meeres beheimatete Wandermuschel, die vor vierzig Jahren als blinder Passagier von See- und Flussschiffen die Schweizer Seen erreichte. Sie hat sich in unseren Gewässern rasch vermehrt und als beliebte Nahrungsquelle weitere Einwanderer angelockt: Reiher-, Tafel- und Kolbenenten aus Sibirien zum Beispiel, die vor der Wandermuschel seltene Gäste waren, überwintern jetzt jeweils zu Tausenden in den Seebuchten von Luzern und Zürich. «Die Einwanderung exotischer Arten war vor Jahrzehnten der eigentliche Grund, dass sich Biologen stärker für die Natur der Städte zu interessieren begannen», sagt Stefan Herfort. Tatsächlich begünstigt das spezifische Stadtklima das Überleben vieler Einwanderer, die mit den modernen Verkehrsmitteln in neue Territorien vordringen.

Tipps für Natur in der Stadt
Einheimische Wildsträucher
Sind exotischen Zuchtformen vorzuziehen. Sie dienen unzähligen Insekten und Vögeln als Nahrungsquelle und Nistplatz.
Balkon begrünen
Viele Wildpflanzen gedeihen auch im Topf, auf Balkon und Terrasse. Selbst ein kleiner Balkon bietet Insekten und Vögeln Nektar und Nahrung.
Blumenwiese
Wer Blütenpracht einem englischen Rasen vorzieht, kann auch im Siedlungsraum eine vielfältige Blumenwiese mit einheimischen Arten ansäen – auch zur Freude von Schmetterlingen und anderen Insekten.
Kleinstrukturen
Neben Hecke, Krautsaum oder Blumeninsel bieten Ast- und Steinhaufen, eine kurze Trockenmauer, ein Insektenhotel oder ein kleiner Tümpel im Stadtgarten vielen Pflanzen und Tieren wertvolle Lebensräume.
Fassaden begrünen
Kletterpflanzen schützen und isolieren nicht nur die Fassade, sondern bilden einen grünen Kontrapunkt zu grauen Wänden und dienen vielen Vögeln und Schmetterlingen als Nahrung und Nistplatz.
• Dach begrünen
Neben vielen Vorteilen für Gebäude und Bewohner bieten Dachbegrünungen vielen seltenen Pflanzen- und Tierarten einen Ersatzlebensraum. Eine Dachbegrünung muss sorgfältig geplant werden.

Vielfalt im Garten fördern

Dieses neue Bewusstsein hat bewirkt, dass heute viele der grösseren Städte der Schweiz ihren natürlichen Reichtum hegen und pflegen. Die Vielfalt von Spinnen und Insekten wird am stärksten – so ein weiteres Resultat der Nationalfonds-Studie – durch die Bewirtschaftung der Grünflächen beeinflusst. «Je weniger oft gemäht wird, desto zahlreicher die Anzahl Arten», so Sattler. Erstaunlicherweise könne, selbst auf kleinen grünen Inseln inmitten asphaltierter Flächen die Artenvielfalt noch gross sein, falls die Vegetation nicht zu oft geschnitten werde.

Vielfältig, aber gepflegt
Welche Natur wünschen sich die Städtebewohner? Diese Frage hat Robert Home von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Projekt «BiodiverCity» untersucht. In einer repräsentativen Umfrage konfrontierte der Forscher 7000 zufällig ausgewählte Haushalte mit verschiedenen Bildern, die eine städtische Siedlung mit unterschiedlich gestalteten und bewirtschafteten Grünflächen zeigten. Dabei stellte sich klar heraus, dass die Leute eine abwechslungsreiche Vegetation aus mehr oder weniger locker verstreuten Büschen und Bäumen auf einer Wiese mit gemähten und nichtgemähten Abschnitten als Lebensraum bevorzugen. Nicht geschätzt werden dagegen eintönige Rasenteppiche und allzu wild wuchernde Wiesen.

Fotos: © Ralf Niemzig / buchcover.com / Blickwinkel

Tags (Stichworte): ArtenvielfaltLuganoLuzernSchweizerStädteZürich

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