Die Revolution des Herzens

Leila Dregger | Ausgabe_01-02/2017

Unsere Autorin rät, wieder zu vertrauen wie ein Kind. Denn Vertrauen bringt das Beste in Menschen hervor und schmiedet Verbundenheit über alle Grenzen hinweg.

@ Lina Hodel

Die Frage klingt naiv: Angesichts von Rechtspopulismus und Hassparolen sollen wir ausgerechnet vertrauen? In was denn? Und doch kommen Verhaltensforscher, Biologen, Ökonomen genau zu der Ansicht: Vertrauen ist eine Macht, die stärker ist als Gewalt. Denn sie bringt das Beste in Menschen hervor und schmiedet tiefe Verbundenheit über alle Grenzen hinweg.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», sagte Lenin einst – und irrte sich gehörig. Es ist viel zu aufwendig, jeden Menschen zu kontrollieren. Vertrauen ermöglicht uns schnellere und grösstenteils richtige Entscheidungen. Vertrauen ist evolutionär ein viel älterer und erprobterer Wahrnehmungssinn als alle von Menschen erfundenen Organisationsmethoden. Jedes Kind kommt mit einem gesunden Paket an Urvertrauen zur Welt. Ohne Urvertrauen könnte es nie die Hand der Mutter loslassen und die ersten eigenen Schritte tun. Wir steigen in Autos und Flugzeuge, deren Technik wir kaum verstehen. Schon allein abends einzuschlafen, ist ein Zeichen von Vertrauen: Wir vertrauen darauf, morgens wieder aufzuwachen.

Doch unter Menschen haben wir mit dem Vertrauen so unsere Probleme. Schmerzhafte Erfahrungen wie Zurückweisung, Ignoranz, Verlassenheit machten aus vertrauenden Kinderherzen misstrauische Erwachsenenherzen. Nach dem Motto: Das Herz lieber gar nicht öffnen, dann kann uns auch nichts mehr verletzen, begannen wir, andere zu kontrollieren und stets das Schlimmste anzunehmen. Misstrauen – mit dieser Motivation wird jeder Mensch zum Feind. Wer aber keine Offenheit ausstrahlt, erlebt auch weniger. Misstrauen wird dann zu einer Self-fulfilling Prophecy.

Was ist Vertrauen eigentlich? Die schönste Antwort kam von meiner lebensweisen Nachbarin: «Der Glaube an das Gute im Menschen, auch in mir selbst. Ich vertraue jedem Menschen sofort, wenn ich seinen Kern wahrnehmen kann.»

Eine beliebte Frage der Vertrauensforschung ist: «Wenn Sie eine Geldbörse verlieren, glauben Sie, dass sie jemand zurückbringt?» Menschen, die diese Frage mit ja beantwortet haben, sind mehrheitlich nicht nur intelligenter und erfolgreicher im Beruf, wie eine Studie der Oxford-Universität nahelegt. Sie haben sogar sehr oft Recht: In europäischen Städten wurden im Experiment zwei Drittel der Geldbörsen zurückgegeben. Mit Inhalt!

Wer sich selbst vertraut, kann auch anderen leichter vertrauen, und doch ist Vertrauen nicht blind: Forscher der Universität Berkeley stellten fest, dass Vertrauen das Resultat von blitzschneller Datenerfassung ist. Bereits nach einigen Sekunden wissen wir, ob wir einem fremden Menschen vertrauen oder nicht. Und die meisten Testpersonen wählten dieselben Menschen. Was nehmen wir wahr, wenn wir vertrauen? Alle, die ich gefragt habe, antworteten mehr oder weniger dasselbe: Offenheit, jemand, der nichts zu verbergen hat, kurz: Authentizität.

Eine Studie aus Berkeley fand heraus, dass Menschen, die als vertrauenswürdig eingestuft werden, sich genetisch ähneln. Es gibt ein «Vertrauens-Gen»: einen Rezeptor für das Hormon Oxytocin. Seine Träger öffnen sich eher für andere, handeln häufiger emphatisch, halten Blickkontakt, lächeln öfter. Doch wie wir aus der Epigenetik wissen, können sich ungenutzte Gene durch stetige Verhaltensänderung aktivieren: Vertrauen ist lernbar.

Vertrauen birgt immer ein gewisses Risiko. Wenn ich dem neuen Nachbarn meinen Wohnungsschlüssel gebe, um meine Blumen zu giessen, einem Kollegen persönliche Gedanken anvertraue, als Teamleiter eine wichtige Arbeit delegiere, dann zeige ich mich verletzlich. Doch gerade das macht glücklich, wie Studien aus Kanada beweisen. Schon der Akt des Vertrauens hebt das Wohlgefühl – nicht erst dann, wenn es gerechtfertigt war. Vertrauen ist eines der grössten Geschenke unter Menschen: Es ist das soziale Kapital, das wir alle brauchen, in der Liebesbeziehung, im Beruf, in allen Gemeinwesen. Vertrauen ermächtigt einen, eine Leistung zu vollbringen, ein Versprechen einzuhalten oder treu zu sein.

Apropos treu: Vertrauen und Treue haben denselben Wortstamm. Viele Liebespaare würden besser harmonieren, wenn sie wüssten: Nicht Eifersucht und Misstrauen sind Zeichen von Treue. Treue beweise ich dadurch, dass ich meinem Partner glaube, dass er mich liebt, ohne dass er es mir immer wieder beweisen muss.

Allerdings hat nur echtes Vertrauen diese Wirkung, nicht das Lippenbekenntnis. Und echtes Vertrauen kann nicht eingefordert werden. Wir können uns noch nicht einmal selbst dazu zwingen. Die Entscheidung zu vertrauen, so kinderleicht und beglückend sie für einige ist, ist für andere ein Kraftakt des Herzens. Und manchmal auch gar nicht angesagt: Wer in einer Diktatur auf Menschlichkeit vertraut, wer in einem verseuchten Gebiet Lebensmittel anbaut, wer den Aussagen manipulativer Werbung glaubt, ist tatsächlich schlecht beraten. Deshalb ist es wesentlich, die sozialen, politischen und ökologischen Bedingungen zu schaffen, die Vertrauen überhaupt ermöglichen.

Ich habe im Rahmen meiner Arbeit für das Global Ecovillage Network viele Gemeinschaften und Ökodörfer in aller Welt besucht und lebe selbst in einer Gemeinschaft, in Tamera in Portugal. Deren Gründer, Dieter Duhm, nennt Gemeinschaften «Gewächshäuser des Vertrauens». Es ist z. B. bei uns nicht nötig, den eigenen Wohnraum, das Auto oder das Fahrrad abzuschliessen. Wenn ich meine Tasche nicht mehr herumtragen will, dann lasse ich sie einfach am Wegrand liegen und hole sie später ab, selbst wenn sie Wertgegenstände enthält. Unser gemeinsames Kapital, das Vertrauen untereinander, ist viel zu kostbar, als es durch persönliche Bereicherung aufs Spiel zu setzen. Unser Reichtum besteht darin, dass die Kinder sich überall frei bewegen, dass wir unkonventionelle Entscheidungen gemeinsam treffen und tiefere Wahrheit untereinander wagen können, ohne Angst vor Verurteilung. Liebespaare finden die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen und dadurch ihr Vertrauen zu erhöhen. Damit eine solche Vertrauensbasis entsteht, braucht es allerdings viel Einsatz, Mut zur Wahrheit und Öffnung.

Sechs Vertrauensregeln für Verantwortungsträger und Gruppen
Transparenz. Miteinander reden statt übereinander. Gelegenheiten für wahrheitsgemässen Austausch unter allen Beteiligten schaffen, auch für Themen, über die sonst nicht gesprochen wird: tiefere Motive, Zu- und Abneigung, Sorgen, Ärger oder Wünsche aneinander.
Zuverlässigkeit. Sagen Sie, was Sie tun, und tun Sie, was Sie sagen.
Zeit für Kommunikation und Entscheidungen. Nehmen Sie sich Zeit, um alle Stimmen zu hören. Kontakt und Interesse erzeugen Vertrauen.
Wahrheit. Auch wenn Sie nicht immer die Wahrheit sagen können – lügen Sie nicht. Wenn Sie Fehler eingestehen, unterminiert das nicht Ihre Führungsqualität, im Gegenteil.
Ein klares Ziel, aber manchmal auch Zusammensein mit weniger Zielstrebigkeit, gepflegtes Nebenbei, Musik, Spiel, Malerei und Humor helfen, eine entspannte Atmosphäre zu erzeugen, in der Vertrauen leichter gedeiht.
Entschuldigung. Wenn Sie Vertrauen erringen wollen, entschuldigen Sie sich. Egal wofür. «Entschuldigen Sie den starken Regen, können Sie mir kurz Ihr Handy leihen?» – diese Anrede war in einer Studie der Harvard-Universität viel erfolgreicher, als nur die Bitte um das Handy. Wieso? Weil eine Entschuldigung uns verwundbar zeigt und öffnend wirkt.

Das Resultat ist nicht nur eine höhere Lebensqualität, sondern eine politische Kraft: Es gibt Dörfer in Krisen- und Konfliktgebieten, die nur deshalb überleben, weil sich ihre Bewohner voll aufeinander verlassen können.

Für mich sind Vertrauensgemeinschaften Modelle für eine nachhaltige und gesunde Gesellschaft. Für eine schöne Welt, die unser Herzen kennt. Was in diesen Gemeinschaften geht, geht im Prinzip überall: Vertrauen unter Menschen ist möglich.

Zur Person
Autorin Leila Dregger ist freischaffende Journalistin und Mitarbeiterin des Global Ecovillage Networks. Sie lebt in Tamera, Portugal, ist Autorin verschiedener Bücher, u.a. «Frau-Sein allein genügt nicht – mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe», erschienen im Januar 2017 in der Edition Zeitpunkt.

Illustration: Lina Hodel

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