Die Ohren spitzen
Fledermäuse sehen mit den Ohren. Wissenschaftler machen es genau umgekehrt: Sie hören Fledermäuse mit den Augen.
Bei diesem Grössenvergleich können weder Elefant, Feldhase noch Basset-Hund mithalten: Mit einer Länge von rund vier Zentimetern sind die Ohren des Braunen Langohrs nämlich fast so gross wie der ganze Körper der Fledermaus. Dieser misst zwischen 4,2 und 5,3 Zentimetern.
Doch auch in anderer Hinsicht ist das Tier des Jahres rekordverdächtig: Wie alle Fledermäuse orientiert es sich mittels Echoortung. Es sendet Ultraschall aus und erkennt am Echo den Standort von Beutetieren oder Hindernissen. Doch sein Gehör ist noch ein Tick besser als das anderer Fledermäuse. Das Braune Langohr ortet Insekten auch anhand von leisesten Krabbelgeräuschen. Wenn ein Nachtfalter vor dem Wegfliegen zum Aufwärmen seine Muskeln bewegt, entgeht dies seinen riesigen Ohren beispielsweise nicht.
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Im Gegensatz zu den anderen 29 Fledermausarten, die in der Schweiz vorkommen, beherrscht das Braune Langohr noch ein weiteres Kunststück: den Rüttelflug. Wie ein Falke kann es an Ort und Stelle verharren und dabei in Ruhe Insekten von Bäumen und Sträuchern fressen. Es kann problemlos senkrecht starten und beim Manövrieren sogar kurz rückwärts fliegen. Darum lassen sich Braune Langohren auch mitten in dichtem Gestrüpp beim Jagdflug beobachten. Flugkünstler sind jedoch alle Fledermäuse. So gelingen ihnen in der Luft sowohl Drehungen um die eigene Achse als auch Loopings.
Dritte Art entdeckt
Bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) ist ein kleines Forschungsteam derzeit daran, die Laute des Braunen Langohrs genauer zu analysieren. Der Grund: Man hat vor Kurzem herausgefunden, dass es in der Schweiz nicht nur das Braune (Plecotus auritus) und das Graue Langohr (Plecotus austriacus) gibt, sondern dass noch eine dritte Art existiert, der man nun den Namen Alpen Langohr (Plecotus macrobullaris) gegeben hat. Alle drei sind zum Verwechseln ähnlich und auch für Zoologen von blossem Auge nur schwer zu unterscheiden.
Die akustische Erforschung von Fledermäusen hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt. Martin Obrist, Fledermausverantwortlicher bei der WSL, erinnert sich: «Vor 25 Jahren schleppte ich noch Hochgeschwindigkeitstonbänder mit einem Gewicht von rund 20 Kilo ins Feld, die damals so viel kosteten wie ein Personenwagen.» Heute kann Obrist auf den sogenannten Batlogger zurückgreifen. Ein handliches Gerät, das an ein etwas zu gross geratenes Mobiltelefon erinnert. Die Forscher des WSL haben es in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Firma Elekon selbst entwickelt. Letztes Jahr wurde der Batlogger auf den Markt gebracht und kostet im Vergleich «nur» rund 2000 Franken. Erstmals sind in diesem Aufnahmegerät auch ein GPS und ein Temperaturfühler integriert.
BatScope visualisiert die Töne
Parallel dazu entwickelte Ruedi Boesch, ein WSF-Kollege von Martin Obrist, eine Mac-Software namens BatScope, mit der man die Aufnahmen visuell darstellen, analysieren und sämtlichen Schweizer Fledermausarten zuordnen kann. Oder um genau zu sein: fast allen Schweizer Fledermausarten. Denn derzeit wird BatScope so erweitert, dass sich in Zukunft auch die drei verschiedenen Langohren sauber auseinanderhalten lassen. Bei diesem Projekt arbeitet temporär auch Martin Decurtins mit.
Decurtins hat Biologie studiert und arbeitet als Informatikleiter bei einem Finanzinstitut. Anlässlich seines 10-Jahr- Dienstjubiläums hatte er Anspruch auf einen längeren Urlaub, und da er Martin Obrist als Fledermausexperten kannte, kam er auf die Idee, drei Monate lang wieder zum Tierforscher zu werden.
23 000 Fledermaus-Aufnahmen hat er in den letzten knapp vier Monaten in die BatScope-Software eingelesen. Diese wurden durch Fachleute in Frankreich, England, Israel, Ägypten und der Schweiz gesammelt. Davon stammen rund 2200 Aufnahmen von den verschiedenen Langohr-Arten. Die durch das BatScope-System automatisch vermessenen Rufe wurden danach statistisch analysiert, um Muster der einzelnen Arten zu erkennen und sie zuzuordnen. Am Schluss von Decurtins Arbeit wird klarer sein, ob sich die Langohr Arten verlässlich durch Rufanalysen unterscheiden lassen. Damit könnten Forscherinnen und Forscher auch ohne aufwendige genetische Analysen wissen, ob es sich nun um ein Braunes, ein Graues oder ein Alpen Langohr handelt, denn bis anhin teilt BatScope die Aufnahmen nur in Braune oder Graue Langohren ein. Alles in allem dauert der Einsatz von Decurtins etwas länger als geplant, aber der Spass an der Sache ist es ihm wert, noch einige Überstunden anzuhängen: «Wissenschaftsinformatik ist ein extrem spannendes Gebiet, es war jedenfalls toll, wieder eine Brücke zwischen meinem Studium und meiner Berufserfahrung zu schlagen.»
Für den Menschen hörbar
Die Aufnahmen in BatScope sind auch für Laien interessant, denn dank zehnfacher Verlangsamung werden die Rufe für den Menschen hörbar. Die Unterschiede der einzelnen Arten sind enorm. So klingt eine Fransenfledermaus beispielsweise nervös wie ein klappernder Schlüsselbund, die Hufeisennase ruft mit hohem Pfeifen und ein Grosser Abendsegler gibt eher einen satten Ton von sich. Die Laute des Braunen Langohrs zeichnen sich durch zusätzliche Obertöne aus. Auch optisch als Spektrogramme dargestellt, unterscheiden sich die Laute deutlich. Auf dem Bildschirm hinterlassen sie ganz verschiedene Muster, je nach Dauer, Frequenz (Tonhöhe) oder Lautstärke der Rufe.
Für die Wissenschaftler ist BatScope jedoch einiges mehr als eine digitale Spielerei, denn Fledermäuse sind ein wichtiger Indikator für intakte Landschaften. Faktisch ist die Hälfte der Schweizer Fledermausarten gefährdet. Ihr Aussterben wäre ein Verlust für das Ökosystem: Insgesamt gibt es in der Schweiz 87 Säugetierarten, wie zum Beispiel Mäuse mit verschiedenen Ordnungen. Mit 29 Arten machen die Fledermäuse ziemlich genau einen Drittel dieses Naturschatzes aus.
In der Schweiz werden die Wälder intensiv genutzt. Das bedeutet, dass Bäume in der Regel schneller geschlagen werden, als sie Alterserscheinungen wie Baumhöhlen entwickeln. Zudem werden viele alte Häuser abgerissen oder renoviert und abgedichtet. Wie die meisten Fledermausarten bringen Braune Langohren pro Jahr nur ein Junges zur Welt. Sie vermehren sich also langsam und ein geschädigter Bestand kann sich nur schwer erholen. Dank Batlogger und BatScope wird die Forschungsarbeit effizienter und kostengünstiger, was den Schutz dieser liebenswerten Nachtschwärmer erleichtert.
Fotos: Mirella Wepf, Dietmar Nill
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