Die Mediengrippe

Andres Jordi | Ausgabe 6 - 2009

Die Schweinegrippe hat viele Menschen verunsichert. Für den Arzt Erich Skala hat das mit einer Entfremdung im Umgang mit Krankheiten zu tun und mangelnder Abgrenzung.

Viele Menschen lassen sich durch Ereignisse wie die in Mexiko ausgebrochene Schweinegrippe stark verunsichern. Auf was
führen Sie dies zurück?

Ereignisse wie die Schweinegrippe rufen im Menschen unbewusste Ängste hervor, gerade durch die Art, wie sie von vielen Medien abgehandelt werden. Diese Ängste kommen auch als kollektives Empfinden zum Vorschein. In meinen Augen hängt dies damit zusammen, dass hinsichtlich unserer elementaren Daseins­fragen grosse Verunsicherung herrscht. Dadurch wird man beeinflussbar und sucht stärker Rat von aussen. Früher hat­ten die Menschen zwar weniger Wissen, waren aber besser in der Lage, eine eigene Lebensauffassung zu entwickeln und mehr in sich zu ruhen.

Wir haben heutzutage Zugang zu Informationen und zu Wissen wie nie zuvor und trotzdem ist unsere Unsicher­heit grösser. Ist das nicht paradox?

Dieses Wissen relativiert sich oft schnell. Das zeigt sich sogar in den Äusserungen der Experten. Bei der Schweinegrippe be­tonten die Fachleute anfangs, dass man das neue Virus noch nicht kenne und ­dessen Virulenz und Gefährlichkeit noch gar nicht abschätzen könne. Die Verant­wortlichen sichern sich verständlicher­weise ab, da sie letzten Endes für ihre Aus­sagen ­geradestehen müssen. Solche vagen Aussagen,verstärken aber die Verunsiche­rung in der Bevölkerung.

Wie beurteilen Sie im Fall der Schweine­grippe die Informationspolitik der Gesundheitsbehörden?

Die Schweizer Behörden haben sich sehr gut verhalten und von Anfang an versucht, nicht noch mehr Unsicherheit zu verbrei­ten. Die Verlautbarungen waren darauf ausgelegt, keine Panik zu verbreiten. Das ist bei einer solchen Episode auch ange­messen.

Die Rolle der Medien ist für mich dagegen zwiespältig. Gewisse haben durch die Art der Berichterstattung und das Darstellen spekulativer möglicher Szenarien die Un­sicherheit verstärkt, statt konkret darüber zu informieren, was jeder Einzelne tun kann und soll.

Rührt unsere Unsicherheit auch daher, dass wir heutzutage die Verantwortung sehr schnell an Experten abschieben und darum weniger gut mit Krankheiten umgehen können?

Meiner Meinung nach überfordern die un­zähligen, frei zugänglichen Informationen im Gesundheitsbereich den Einzelnen schnell. Mit dieser Informationsüberfülle geht eine zunehmende Unsicherheit ein­her, was wir damit eigentlich anfangen sol­len. Wenn man das Wissen nicht verarbei­ten kann, entsteht grössere Ratlosigkeit als zuvor und der Ruf nach Experten, die ei­nem Rat geben.

Also weniger ein Abdelegieren an den Arzt, sondern eher die Angst, etwas falsch zu machen?

Man will es möglichst recht machen, dem Wissen Rechnung tragen. Und wer sich dem zu stellen versucht, kann schnell überfordert sein: Bin ich kompetent ge­nug, kann ich mir überhaupt ein Urteil ­erlauben? Das lässt sich auch in anderen Gebieten beobachten, zum Beispiel bei der Erziehung.

Daneben spielt sicher auch eine Ent­fremdung im Umgang mit Krankheiten eine Rolle. Ich stelle fest, dass besonders alte Menschen meist eine gesündere Ein­stellung gegenüber Krankheiten zeigen als jüngere und noch ein Empfinden dafür ­haben, was etwas mit einem selbst zu tun hat und was in grossem Abstand – etwa in Mexiko – geschieht und dass mit Letzte­rem anders umzugehen ist. Dieses Sortie­ren hilft. Viele jüngere Menschen haben dagegen schnell das Gefühl, dass alles, was um sie herum passiert, auch mit ihnen selbst zu tun hat. Darum ist es etwa der an­throposophischen Medizin ganz wichtig, einem Patienten zu vermitteln, dass er ei­genverantwortlich mitentscheiden muss: Was ist für mich wichtig und richtig. Das führt zu einer Individualisierung der Be­handlung.

Diese Entscheidungsfreiheit kann Patienten aber auch überfordern. Viele Menschen sind froh, wenn sie Anwei­sungen einer Fachperson bekommen.

Kein Patient muss ganz alleine entschei­den. Vielmehr soll ein Arzt seinen Patien­ten partnerschaftlich betreuen und mit diesem gemeinsam herausarbeiten, was es für ihn individuell für sinnvolle Lösungen gibt. Dieser Ansatz setzt ein Gegen gewicht zur Standardisierung, wie sie die Schul­medizin oft betreibt. Was für alle Men­schen wichtig ist, kann nur mit grober Verallgemeine rung für alle gelten. Das In­dividuelle zu betonen hilft auch, den Men­schen physisch und psychisch wieder zu sich zu bringen, damit er besser einordnen und unterscheiden kann, was in Mexiko und was für ihn hier wichtig ist.

Eine solche partnerschaftliche Arzt-Patienten­-Beziehung kann also auch gegen diffuse Ängste wirken, wie sie bei der Schweinegrippe auftraten.

Es gibt die allgemeinen Empfehlungen, die sind gut und richtig. Daneben muss ein Arzt aber individuell schauen, was ein  Patient mitunter an Stütze für seinen Prozess braucht. Das hilft letztlich auch gegen Panik, damit man sich, wie man so schön sagt, zusammennehmen kann – sein Leben in die Hand nehmen, etwas aktiv tun. Wir konnten das bei vielen Patienten deutlich erleben, die sich wegen der Schweine­grippe bei uns im Spital gemel­det hatten.

Sehen Sie andere Möglichkeiten, wie wir besser mit solchen Ereignissen umgehen könnten?

Da gibt es schon weitere Gegenmittel. Diese liegen eher im sozialhygienischen Bereich. Den Ansatz der anthroposophi­schen Medizin, wie ein Mensch gesund er­halten werden kann, erachte ich als guten Weg. Dabei geht es um die individuell ­richtige Lebensgestaltung, Ernährung, Kindererziehung, Schulgestaltung, Land­wirtschaft und Tierhaltung, aber auch um biologische Rhythmen.

Ich bin überzeugt, dass unser Umgang mit Krankheit und solchen Ereignissen wie der Schweinegrippe stark damit zu tun hat, wie Kinder aufwachsen. Die Reiz­überflutung setzt heute sehr früh ein und es ist bereits für Kinder schwierig, ihre Grenzen zu spüren. Umgekehrt ist es für viele Eltern schwierig, ihren Kindern Grenzen zu setzen und ihnen eine schüt­zende Hülle zu geben. Das wäre gerade hinsichtlich des Medienkonsums wichtig und würde helfen, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Virtualität besser wahr­zunehmen. Damit lässt sich der grossen Suggestivkraft von Bildern oder Schlag­zeilen etwas entgegensetzen.

Sind Horrorszenarien von Millionen von Todesopfern wie bei der Spanischen Grippe von 1918 heute nicht sowieso nahezu ausgeschlossen? Wäre aufgrund der verbesserten Vorbereitung und Überwachung nicht generell etwas mehr Gelassenheit angesagt?

Bei der Spanischen Grippe war das dama­lige Abendland krank, der Erste Weltkrieg neigte sich dem Ende entgegen. Die Le­bensbedingungen schwächten die Men­schen so erheblich und es fehlte ihnen die Immunität. Das war nicht in erster Linie das Virus. Die Gesundheitsvoraussetzun­gen der Menschen wiegen in meinen ­Augen bei Grippeepidemien wesentlich schwerer als irgendwelche Erregereigen­schaften. Wir können bei den jährlichen Grippewellen feststellen, dass die Lebens­bedingungen einen grossen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben. Zudem war damals das gesamte Werte­system zusammengebrochen. Die gewalti­gen gesellschaftlichen Umwälzungen be­lasteten die Menschen auch psychisch stark. Solche Faktoren können die Ge­sundheit schwächen und anfällig auf Krankheiten machen. Heute sind die Ver­hältnisse grundsätzlich viel stabiler.

Erich Skala
studierte Medizin und Psycho­logie und ist Facharzt FMH für Innere Medizin, physika­lische und rehabilitative Medizin sowie Facharzt für allgemeine Medizin und besitzt einen Fähigkeitsausweis in anthroposophischer Medizin. Er leitet die Abteilung Innere Medizin an  der Paracelsus-Klinik in Richterswil und ist Mitglied der Spitalleitung. Die Klinik kombiniert schul- und komplementärmedizinische Therapien. Die Ärzte verfügen über eine schulmedizinische Ausbildung und komplementärmedizinische Weiter­bildungen. Das Spital verfügt über einen Leistungsauftrag des Kantons Zürich.


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