Die Macht der Göttin

Susanne Strässle | Ausgabe 11 - 2009

Zum Arzt, zum Schamanen oder zum Medium? Am besten alles. Im indischen Darjeeling gehen eine Vielzahl von Heilkulturen erfolgreich Hand in Hand. Einsichten in eine andere Moderne, in der sich Naturheilkunde, Götterglaube und Schulmedizin ergänzen.

Für die Nepalesen, die in der indischen Himalajaregion Darjeeling ethnisch die Bevölkerungsmehrheit stellen, können Krankheiten viele Ursachen haben und diverse Einflüsse zusammenwirken. Deshalb ist der eigentliche Auslöser oft schwer zu ergründen. Neben «natürlichen» Krankheiten kann eine Hexe Speisen verwünschenoder der «böse Blick» einer Nachbarin Leid bringen. Vor allem aber machen eine Vielzahl von Geistern, unzufriedenen Ahngottheiten und Seelen unglücklich Verstorbener den Menschen das Leben schwer. Sie hängen sich Angehörigen an oder befallen Fremde in dunklen Gassen, verlassenen Häusern oder öffentlichen Toiletten und machen physisch und psychisch krank. Stehen die Planeten schlecht, ist ein Mensch umso anfälliger für solche Unbill. Deshalb wundert es nicht, dass viele Patienten im Spital erzählen, sie hätten noch keine endgültige Antwort gefunden, und dass die Schamanen und Göttermedien nicht arbeitslos werden.

Der Schamane auf der Vespa

Man ist als westlicher Beobachter geneigt, Bilder wie den Schamanen in Jeans, der auf der Vespa zur Arbeit fährt, als kuriosen Sonderfall zwischen Tradition und Moderne zu sehen. Dieser Mix ist jedoch längst normaler Alltag einer Zeit geworden, in der eine hoch technisierte Medizin ebenso Platz hat wie spirituelle Praktiken und Rituale. Selbst gebildete Patienten können neben dem Arzt einem Schamanen oder Guru vertrauen und leitende Beamte von Göttern zu Heilern berufen werden.

Darjeeling und seine Matas
Neben den Schamanen und den buddhistischen Lamas sind die Matas (= Mutter) die wichtigsten spirituellen Heilerinnen im indischen Himalaja. Matas sind hinduistische Medien der weiblichen Gottheit Devi, oft in der Gestalt der zornvollen Gottheiten Kali oder Durga. Unter den Medien können auch Männer sein. Matas verstehen es als Trägerinnen Devis, teilweise in Trance, mit Mantras (Gebetsformeln) und Ritualen zu heilen. Einige Matas führen hoch geachtete Tempel, unter ihnen Mataji Sushri Kumari Cintury im Ma Singha Dham Tempel in Darjeeling.

Gesegnete Schulmedizin

Darjeeling hat ein Medizinsystem, in dem Schamanen, Matas, Lamas, Naturheiler und Ärzte nebeneinander existieren, wenn auch nicht immer spannungsfrei. Der Besuch bei der Mata oder beim Schamanen hat für Rat Suchende wenig mit einem Selbsterfahrungstrip zu tun. Die Heiler bieten in der Stadt eine Art religiöse und soziale Dienstleistung an. Auch wenn manch Probleme umfangreiche Rituale erfordern, in grösseren Tempeln gibt es feste Konsultationszeiten, wo Menschen gegen eine freiwillige Spende im Alltag Hilfe finden. Schamanen und Matas weissagen heute häufig, ob ein Patient in den Tempel oder ins Krankenhaus gehört. Oft werden die Namen passender Spezialisten oder Kliniken in der Prophezeiung mitgeliefert. Einige segnen Medizin aus der Apotheke, um deren Wirksamkeit zu erhöhen. «Können auch bei Malaria Geister im Spiel sein?», frage ich einmal Mataji Sushri Kumari Cintury und ernte nur Gelächter: Die Heiler nutzen die Schulmedizin bei «natürlichen» Krankheiten selber und haben nicht den Anspruch, alle Krankheiten zu heilen.

Die Autorin
Susanne Strässle ist Ethnologin und Journalistin und hat in der indischen Region Darjeeling, dem multiethnischen Grenzgebiet zwischen Nepal, Bhutan und Tibet, die Beührungspunkte zwischen traditionellem Heilen und Schulmedizin untersucht. Ihr Buch zeigt, wie die Schulmedizin (in der Ethnologie Biomedizin genannt) das Wirken der Matas und Schamanen in den Städten beeinflusst und herausfordert, wie aber auch viele Ärzte in der Praxis ihren kulturellen Hintergrund nicht ausblenden.

Das Unerklärliche anerkennen

Was für die Patienten gilt, trifft in den Darjeeling Hills unerwarteterweise auch für eine ganze Reihe von Ärzten zu: Sie leben mit der Ambivalenz, «Söhne der Wissenschaft und gleichzeitig Söhne der Kultur» zu sein. Wie jedes Kind in Darjeeling wissen auch sie, dass Mittwoch schlecht ist: Was am Mittwoch begonnen wird, kommt nie zu einem guten Ende, sei es eine Strickarbeit, oder eine Reise. Und schon gar nicht eine Operation. So mancher Arzt wird sich, soweit medizinisch vertretbar, nach seinen Patienten richten, die vor einem Eingriff auch ihr Horoskop berechnen lassen. Die Mediziner respektieren dies, weil es auch in ihrer Familie beherzigt wird, weil es die Moral des Patienten stärkt oder auch nur, um sich keine Probleme einzuhandeln, sollte ein Eingriff nicht nach Plan verlaufen.

Literatur
• Susanne Strässle: «Biomedizin im Kontext: Medizin, Glauben und Moderne in den Darjeeling Hills» Argonaut Verlag 2007, Fr. 28.50
• Claudia Müller-Ebeling, Christian Rätsch, Surendra Bahadur Shahi: «Schamanismus und Tantra in Nepal: Heilmethoden, Thankas und Rituale aus dem Himalaya», AT Verlag 2008. Fr. 81.–
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 Fotos: © Vera Hartmann

Tags (Stichworte): ArztDarjeelingIndienMediumSchamane

Kommentare

  1. Von JW am Sonntag, 08.11.2009 Sehr intressantes Thema. Haben Sie in diesem zusammenhang auch von Therapie mit Nagelmatten gehört? Es gibt jetzt Produkte wie z B die "Shaktimatte" die aus diesem Gebiet stammen soll.

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