Die letzten Wildheuer
Sie bewirtschaften die steilsten Wiesen hoch über dem Urnersee und tragen mit ihrer traditionsreichen Arbeit zum Erhalt der Artenvielfalt und eines Stücks Schweizer Kultur bei.
Die Lage ist prächtig, der Blick reicht über den Urnersee. Karl und Andrea Gisler besitzen hier einen kleinen Bauernhof mit zwölf Kühen und zehn Rindern. «Hier auf 1200 Metern fühle ich mich wohl, da bin ich aufgewachsen und zu Hause», sagt Karl Gisler. Von Mai bis Januar leben sie mit ihren vier Kindern hier oben, die restliche Zeit auf ihrem Hof oberhalb von Altdorf.
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• wildheufoerderprogramm
• Wildheuerpfad am Rophaien
• Odro Wildheumuseum
• BAFU – Trockenwiesen und –weiden (TWW)
Hart verdientes Zubrot
Wie schon sein Vater und Grossvater macht sich Karl Gisler, 37, jetzt wieder frühmorgens auf, schnürt die schweren Bergschuhe, schultert den Rucksack und rüstet sich aus mit Sense und Wetzstein, Heugarnen und Seilen sowie Schuhen mit Steigeisen. Es gilt, die Wildheuernte einzubringen.
Oberhalb von Gruonberg im Sömmerungsgebiet ist Karl Herger an der Arbeit. Der 86-jährige Bauer und Wildheuer stammt aus Flüelen und ist seit Kindsbeinen mit der Landwirtschaft vertraut. Auf dem Hüttenboden mäht er mit der Sense Gras für sein Vieh. Drei Monate im Jahr lebt er oben auf der Alp am Rophaien. «Ich habe immer geheut und das tat mir gut, Joggen musste ich in der Freizeit nie.» Ab Mitte Juni steigen die Bergbauern jeweils von ihren Maiensässen zu den Wiesen an den steilen Abhängen unterhalb der Bergspitzen und -kämme auf. Schon in seiner Jugend begleitete Karl Gisler seinen Vater ins Wildheu: Der 64-jährige Augustin Gisler brachte ihm das Wildheuen bei. Das «erbärmliche Leben» und «entsetzliche Handwerk», von dem in Schillers «Wilhelm Tell» die Rede ist, blieb ihm dabei weitgehend erspart. «Arm sind wir Wildheuer und Bergbauern nicht. Es ist einfach ein Zubrot. Wenn das Wildheuen wirtschaftlicher wäre, würden das mehr Leute machen», sinniert Gisler junior.
Wildheuen ist eine arbeitsintensive Tätigkeit. Das Gratisfutter ist ebenso erwünscht wie die staatlichen Beiträge. Sie machen die Arbeit wirtschaftlicher. Ein Bauer, der eine Hektare Wildheufläche im Sömmerungsgebiet mähe – also ausserhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche –, erhalte rund 2500 Franken, sagt Georges Eich, Vorsteher des Amts für Raumentwicklung in Altdorf. «Mein Bruder und ich brauchen eine Woche, um an unseren stotzigen Planggen eine Hektare zu heuen und das gute, satte Heu einzubringen», so Gisler. «Wir mähen rund zehn Hektaren Gras pro Saison.» Das Heu sei gut im Geschmack, doch sei es nicht von hochwertiger Qualität. «Es ist Winterfutter für unser Galtvieh, für die Jungrinder und Ochsen», sagt er. Die Qualität des Futters hängt auch von der Erntetechnik ab. So muss ein zu tiefer Schnitt verhindert werden, um die Verschmutzung des Futters zu vermindern.
Auch die Frauen nehmen beim Heuen eine wichtige Rolle ein. Ist das Gras geschnitten, wird dieses mehrmals gewendet. Anschliessend werden Heuhaufen gemacht und in vielen Fällen von Bäuerinnen mit dem Rechen zusammengeführt. Es gibt auch Frauen, die das Wildheuen am Rophaien praktizieren. «Meine beiden Schwestern sind auf der Franzenalp immer bei der Wildheuerei dabei», sagt Gisler.
Gefährdete Artenvielfalt
Durch die zurückhaltende, Jahrzehnte bis Jahrhunderte zurückreichende Nutzung dieser meist trockenen, oft steilen Flächen hat der Mensch eine einmalige Kulturlandschaft geschaffen, die für 40 Prozent aller Pflanzen- und 50 Prozent aller Tierarten in der Schweiz Lebensraum und Heimat bedeuten. «Werden solche Trockenwiesen und -weiden gedüngt, zu oft oder zum falschen Zeitpunkt geschnitten oder beweidet, verlieren sie ihren immensen Wert für die Artenvielfalt der Schweizer Alpenlandschaft», sagt Urs Tester von der Naturschutzorganisation Pro Natura in Basel. Solche Eingriffe sind denn neben der Vergandung auch die Hauptgefahr für die Wiesen.
Das Erbe der Bergler
Der Film «Das Erbe der Bergler» (2006) des Zuger Regisseurs Erich Langjahr dokumentiert die letzten Wildheuer im Muotathal im Kanton Schwyz bei ihrer gefährlichen Arbeit. Langjahr zeigt in seinem Opus still, bildgewaltig und spektakulär seine Faszination für bäuerliche Welten in der Schweiz. Langjahr zeigt die Wildheuer als stille Heimathelden, auf deren Schultern eine ganze Welt ruht. Trotzdem glorifiziert er sie nicht, sondern zeigt auch die Brüche, die drohende Folklorisierung, weil die Arbeit ihre existenzsichernde Bedeutung verloren hat, und die Zeichen der Gegenwart. Der Wildheuer von heute fährt mit dem Motorrad zum Berg – oder er nimmt den Helikopter. Mehr dazu unter www.langjahr-film.ch
Rasende Talfahrten
Der einst gefahrvolle Schlittentransport des Heus im Winter hinab ins Tal wurde inzwischen durch das nicht weniger spektakuläre Sausenlassen der Pinggel an einem Heuseil ersetzt. Das Surren und Pfeifen der Bündel ist weit herum im Tal zu hören, wenn die 60 bis 100 Kilogramm schweren, in Nylonnetze gepackten Heubündel mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde zu Tal donnern.
100 Meter über den Abgrund rasen Gislers Pinggel zu Tal und prallen in den Puffer vor der Scheune. Je nach Saison kommen 200 Ballen Wildheu zusammen. Der Wildheuer lagert sie im Stall, gut belüftet.
Den Abtransport des Bergheus erleichtern heute in gewissen Orten auch nahe ans Heugebiet gebaute Wirtschaftswege. Gisler und seine Wildheuerkollegen mieten manchmal auch einen Helikopter, der dann in einem grossen Spezialnetz auf einem Transportflug 900 bis 1000 Kilogramm Heu zu Tal transportieren kann. Gisler: «Ein solcher Transport kostet rasch 1500 Franken, spart uns aber viel Arbeit, Zeit und Kraft.»
Trotz dem Einsatz moderner technischer Hilfsmittel ist das Wildheuen in den Steilhängen am Rophaien hoch über dem Urnersee eine harte, von Handarbeit dominierte Tätigkeit geblieben. «Ich gehe immer wieder gerne ins Wildheu, direkt in die Natur», sagt Karl Gisler. «Es mag sich komisch anhören, aber Wildheuen heisst für mich ein Stück weit innere Befreiung und Ferien.» Gislers grüne Augen strahlen.
Fotos: Urs Oskar Keller, langjahr-film.ch, Wildförderprogramm Uri
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