Die Heilkunst von hier

Eva Rosenfelder | Ausgabe_03/2017

Die Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) ist ein Sammelpott diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten von der Antike bis hin zur Moderne.

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Längst haben die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), das indische Ayurveda und die tibetische Heilkunst bei uns Einzug gehalten. Man lässt sich Akupunkturnadeln setzen, trinkt reinigenden Tee aus fernöstlichen Kräutermixturen und ist von Begriffen wie «Qi», «Meridiane» oder «Yin und Yang» kaum mehr irritiert. Komplementäre Heilmethoden aus aller Welt werden zunehmend zum Allgemeingut. Sie sind eine sinnvolle Alternative respektive Ergänzung zur «Chemiekeule», mit der oft nur Symptome bekämpft werden können.

Im Zentrum all dieser sanften Naturheilmethoden steht die Vorstellung, dass der Körper normalerweise über genug Selbstheilungskraft verfügt, um sich selbst gesund zu erhalten oder im Krankheitsfall zu heilen. Deshalb werden bei diesen Methoden vor allem die natürlichen Selbstheilungskräfte angeregt und unterstützt. Diese ganzheitlichen Heilkulturen sind aber stets auch eingebettet in ihre natürliche und herkömmliche Umwelt: Jahreszeiten, geografische Begebenheiten, Wetter und Klima, die umgebende Tier- und Pflanzenwelt, und nicht zuletzt die Landschaft – das alles bildet die Grundlage für ein ganzheitliches medizinisches System. Eigentlich naheliegend, bilden doch auch Pflanzen Heilkräfte in sich, die an die Beschaffenheit vor Ort (Boden, Klima etc.) – und somit auch an unsere Konstitution – bestens angepasst sind. «Sie wollen Arzneien aus überseeischen Ländern, und im Garten vor ihrem Haus wächst besseres», sagte einst Paracelsus in prophetischer Voraussicht. Ähnlich ist es mit den Heilsystemen. Warum also in die Ferne schweifen?

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Naturärzte Vereinigung der Schweiz: Traditionelle Europäische Naturheilkunde TEN
Christian Raimann, Naturheilpraktiker: Traditionelle Europäische Naturheilkunge TEN

Endlich anerkannt. Oft geht vergessen, dass sich auch in Europa über viele Jahrtausende hinweg eine traditionelle Heilkunde entwickelt hat, die sich nicht minder als fernöstliche Heilkulturen der Vorbeugung und ganzheitlichen Heilung von Krankheiten verschrieben hat. Dieses Vergessen kommt nicht von ungefähr: Die heidnischen Vertreter dieser «alten Medizin» sind in Europa gnadenlos verfolgt worden; Kräuterkundige lebten gefährlich. Man denke nur an die Hexenverbrennungen.

Heute sind Arzneimittelgesetze, Zulassungsgebühren für Pflanzenheilmittel etc. (zu) grosse Hürden für viele Naturheilverfahren. Die Schweiz bildet diesbezüglich eine löbliche Ausnahme, zumal hier immerhin komplementärmedizinische Präparate und Behandlungen teilweise von den Krankenkassen übernommen werden. Seit 2015 ist sogar der Beruf des Naturheilpraktikers TEN (Traditionelle Europäische Naturheilkunde) offiziell zertifiziert mit eidgenössisch gültigem Diplom. Ein Meilenstein für die Naturheilkunde, denn dadurch existiert nun endlich ein gesamtschweizerisch anerkannter und geschützter Titel («natürlich» 12-2016).

Wurzeln bis in die Antike. «Im Gegensatz zur Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Traditionelle Europäische Naturheilkunde keine einheitlichen Wurzeln. Sie ist in gewisser Weise ein Kunstbegriff», sagt Christian Raimann, Naturheilpraktiker TEN und Buchautor aus Rüti (ZH). Aus historischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen stelle die europäische Naturheilkunde heute kein zusammenhängendes Medizinsystem mehr dar. Wie Satelliten stünden einzelne Methoden für sich allein im Raum, oder man grenze sich sogar bewusst voneinander ab. Die offizielle Anerkennung des Berufes bedinge nun aber, einige Fixpunkte zu setzen, so Raimann. «Dies, obwohl die Entwicklung nach wie vor im Fluss ist und es vielfältige Möglichkeiten gibt, mit den zahlreichen alten Heilmethoden zu arbeiten.»

TEN, auch Traditionelle Europäische Medizin (TEM) genannt, sieht den Menschen als nicht trennbar von seiner Umwelt. Sie geht in ihrem Kernanliegen davon aus, dass die Natur und ihre Elemente auch im Leben des Menschen wirken und Gesundheit und Krankheit beeinflussen.

Durch genaue Beobachtung der Natur entwickelte sich zum Beispiel die Vier- Säfte-Lehre (Hippokrates ca. 400 v. Chr.; Galen ca. 200 n. Chr.), die bis ins 19. Jahrhundert die Medizin prägte. Diese Humorallehre versteht die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft als die vier Wirkungsprinzipien. In der griechischen Antike ordnete man diesen vier Elementen vier «Säfte» zu: Blut (Sanguis), Schleim (Phlegma), Gelbgalle (Cholera) und Schwarzgalle (Melancholera), mit ihren je spezifisch gemischten Qualitäten warm oder kalt, feucht oder trocken. Dieses Konzept vermag die Zusammensetzung des Körpers, sein Funktionieren und Erkranken anhand des Zusammenwirkens dieser Säfte zu erklären und durch Wiederherstellung des Gleichgewichts zu behandeln.

Sammelpott an Heilmethoden. «Viele Einflüsse formten die TEN, von daher ist nicht so klar bestimmbar, welche Methoden genau dazugehören», sagt Raimann. «Entscheidend ist das zugrundeliegende Denk- und Arbeitsmodell.» Die Grenzen sollte man seiner Ansicht nach aber auch nicht zu eng setzen. Gängige Methoden bei TEN sind nach wie vor Heilpflanzenkunde, Schröpfen, Ernährungsheilkunde oder Säftelehre (Humoralmedizin). Manche Einflüsse gehen bis in die Mesopotamische Kultur um 4000–3000 v. Chr. oder nach Ägypten (ab 2500 v. Chr.) zurück. Die arabische Heilkunde spielte laut Raimann als Bewahrerin des alten Wissens eine wichtige Rolle. «Gerade zu Zeiten der Pestwelle in Europa, nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches oder als das keltisch-germanische Heilwissen mehr und mehr zurückgedrängt und heilkundige Frauen, Hebammen und Wurzelseppen als Hexen verfolgt wurden.»

Bis heute sei die TEN geprägt von Persönlichkeiten der Antike wie Hippokrates, Dioskurides, Galen, Avicenna, Hildegard von Bingen oder Paracelsus, so Raimann weiter. «Die Klöster haben das alte Wissen gerade zu Zeiten der Inquisition gehütet, zum Teil aber vielleicht auch ein bisschen zurechtgebogen.» So sei der magische Anteil dieser Art von Heilkunst weitgehend verloren gegangen.

In der neueren Zeit griffen Persönlichkeiten wie Sebastian Kneipp, Wilhelm Heinrich Schüssler, Rudolf Steiner, Pfarrer Künzle, Christoph Wilhelm Hufeland oder Hans-Heinrich Reckeweg das alte Wissen wieder auf. Seit einigen Jahrzehnten öffnet sich die TEN auch neuen Wissens- und Verständnisquellen aus interdisziplinär forschenden Naturwissenschaften wie etwa der Neuro- und Immunbiologie, der Biophotonenforschung und Quantenphysik sowie den System- und Chaostheorien.

Grundsätzlich sei jede Methode nicht mehr als eine Richtschnur, um den einzelnen Menschen besser erfassen und behandeln zu können, meint Raimann. So gehe es nicht darum, möglichst viele Methoden zu beherrschen. «Heilen ist immer Prozess, Fluss und Lebendigkeit – das ist es, was es mit dem Patienten zu erreichen gilt.»

Im Fluss der Zeit. In Fluss zu sein, bedeute auch, dass wir nicht mehr so leben wie vor Tausenden von Jahren. «Wir leben und ernähren uns heute anders. Die Umweltbedingungen haben sich stark verändert. Versucht man einen Teil dieser knapp 2000 Jahre alten Inhalte in ein der heutigen Zeit angepasstes Heilsystem einzubauen, braucht es ein entsprechend offenes System.»

Es gelte, die Terminologie anzupassen und auch neues Wissen zu integrieren – so etwa die Wirkstoffe der Pflanzeninhaltsstoffe, pharmakologische Abläufe, die den gesamten Körper- oder Gehirnstoffwechsel beeinflussen usw. «Heute gibt es erfreulicherweise verschiedene Ansätze einer Zusammenarbeit von Schulmedizin und Naturheilkunde», sagt Raimann. Allerdings bestehe dabei die Gefahr, dass Pflanzen nur noch wirkstoffbezogen und quasi mit «Etikett» versehen, verwendet werden. «Kernanliegen der TEN aber ist es, dass die individuelle und konstitutionelle Medizin erhalten bleibt. Und das ist mehr, als einfach einen Husten mit einem gängigen Naturheilmittel aus dem Kräuterbuch zu behandeln.» So gebe es beispielsweise verschiedene Arten von Husten. Je nach individueller Veranlagung sei beim selben Symptom eine andere Behandlung erforderlich. «Nicht jede Heilpflanze ist für jeden Menschen gleichermassen geeignet.»

In der TEN schaut man: Wie ist der Mensch zu seinen Beschwerden gekommen? Leidet er an übermässiger Kälte oder Feuchtigkeit, wäre die wärmende Thymianpflanze angezeigt. Bei einem Zuviel an Wärme und Trockenheit hingegen wäre eher Malve das entsprechende Mittel. Anders als in der Homöopathie, wo Gleiches mit Gleichem behandelt wird, schafft die TEN Ausgleich mit dem Gegenpol. Da immer der Mensch als Individuum mit spezifischer Konstitution im Zentrum stehe, gebe es keine allgemeingültige Therapieform, betont Raimann. «Deshalb kann man diese Behandlung auch schlecht für die Schulmedizin katalogisieren.»

Die Stärke dieser Art von «Ur-Medizin» ist ihre ganzheitliche Sicht: Über viele Jahrhunderte vereinte sie Erkenntnisse aus Chemie, Botanik, Philosophie, Religion, Mythologie, Astrologie, Mystik usw. Diesen Faden uralter Heiltraditionen wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen, ist ähnlich wie einen Schatz zu heben: Gelingt es, darin moderne Erkenntnisse der Medizin sowie Erfahrungswissen aus fremden Kulturen zu integrieren, könnte sich ein tiefes Verständnis eröffnen dafür, was Heilkunst wirklich ist.

Buchtipps
• Christian Raimann, Chrischta Ganz «Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde TEN», Bacopa Verlag, 2012, Fr. 102.–
• Wolf-Dieter Storl «Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde», AT Verlag, 2015, Fr. 31.90

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