Die Handy-Seuche

Nicole Amrein | Ausgabe 10 - 2009

Was wäre die Welt ohne Handy? Viel ruhiger! Für Öko-Lisa steht fest: Mit dem praktischen Gerät produzieren wir hauptsächlich Müll.

Mir stinkt es! Immer öfter möchte ich mir die Nase zuhalten, um nicht mehr hören zu müssen. Was bin ich diesen akustischen Müll satt, der ständig ungefragt auf mich niederprasst: im Bus, auf der Rolltreppe, beim Überqueren des Fussgängerstreifens, in der Warteschlange vor der Supermarktkasse. Selbst im Saunatauchbecken muss ich mir so bedeutungsschwangere Sätze anhören wie «Wollte dir nur sagen, dass ich mich jetzt dusche und mir anschliessend noch kurz die Haare föhne. Wir sehen uns dann später! Rufe dich an, wenn ich mich auf den Weg mache…»

Das Handy als Psychokrücke

Was jener Anrufer Ultra-Wichtiges mitzuteilen hatte, der kürzlich in den italienischen Abruzzen einen Leichenbestatter über dessen Handy kontaktieren wollte, ist leider nicht überliefert. Sicher ist nur, dass er ins Leere sprach, weil dem Bestatter bei der Präparation der Leiche das Mobiltelefon aus der Brusttasche seines gestärkten Hemdes in den Sarg gefallen war. Dort hat es dann – unter den Tränen der am offenen Grab versammelten Trauergemeinde – bis zur vollständigen Entleerung der Batterie geklingelt.

Nicht leer, aber überhitzt war hingegen die Batterie bei einer Urlauberin, der auf Kalabrien ihr Handy am Ohr explodiert ist. Die Frau musste mit schweren Brandverletzungen ins Spital gebracht werden, die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den Importeur des aus China eingeführten Geräts aufgenommen.

Dabei kann ein Mobiltelefon in den Ferien durchaus Sinn machen. So bietet das iPhone – die Literaturkritikerin Elke Heidenreich nennt es nur «blöde Glasplatte» und Microsoft-Gründer Bill Gates hat seiner Familie sogar den Umgang damit verboten – unter den mittlerweile mehr als 30 000 Applikationen auch einen Trinkgeld-Ratgeber (Tip Master) an. Der sagt einem dann, wie viel «Mancia» es sein soll, damit man nach dem Ristorante-Besuch vom Cameriere noch einigermassen freundlich verabschiedet wird, ja vielleicht sogar noch einen Grappa aufs Haus kredenzt bekommt.

Doch längst nicht nur in Bella Italia, auch in den eigenen vier Wänden erweist sich die vom US-Magazin Time ernannte «Erfindung des Jahres 2007» mitsamt ihren Apps als nützlich: für den Farbenblinden zum Beispiel, der dank «HueVue» nun nicht mehr länger schweine-rosa Pullis mit apfelgrünen Hosen und kanarien-gelben Socken kombinieren muss. Genauso wie für den Hunde-Allergiker, der unter iPuppy seine Tierliebe ohne lästigen Juckreiz ausleben kann, inklusive Füttern, Gassi gehen, Ohren shampoonieren und Mäntelchen kaufen. Oder für die ideenlose Hausfrau, deren Familie nach zwei Wochen Käse-Omelette geschlossen in den Eierstreik tritt. «160 000 Recipes – Big Oven» schafft Abhilfe. Täglich ein anderes Rezept für die nächsten 438 Jahre. Das dürfte selbst der härteste Daumen nicht aushalten.

Bienen ohne Anschluss

Doch wer mag im Zusammenhang mit Mobiltelefonen schon von Gesundheit sprechen, wo sich die hoch frequentierte, elektromagnetische Strahlung in den letzten zwanzig Jahren sage und schreibe verzehnfacht hat, die Forscher in Betracht ziehen, dass die Orientierung und die Fortpflanzung der Bienen dadurch gehemmt wird? Immobilien in der Nähe von Mobilfunksendern erschreckend an Wert verlieren? Es Menschen wie den einstigen Technikfreak Ulrich Weiner gibt, die aus Angst vor Handy-Strahlen freiwillig im dunklen Wald wohnen und sich nur noch in weissen Strahlenschutzanzügen aus ihren Funklöchern trauen?

Handyfreie Zonen, sie erreichen allmählich den Status einer Eier legenden Wollmilchsau. Noch nicht einmal in den Tiefen der Weltmeere herrscht anscheinend Ruhe. Man kann sich nur ansatzweise vorstellen, wie genervt jener Kabeljau gewesen sein muss, der das Mobiltelefon des britischen Geschäftsmannes Andrew Cheatle verschluckt hat. Das gute – wenn nicht gar beste – Teil des Mannes war ihm beim Spaziergang an der Atlantikküste verloren gegangen. Eine ganze Woche lang war das Gerät verschwunden, bis es ein Berufsfischer im Magen des inzwischen verstorbenen Kabeljaus gefunden hat. Über die Chipkarte gelang es dem Profi-Angler, den Besitzer des Handys ausfindig zu machen. Andrew Cheatle war natürlich hoch erfreut über den Fund, umso mehr, als das Mobiltelefon nach wie vor funktionierte. Dass es darüber hinaus etwas stank, dürfte kaum interessieren. Denn mal ganz ehrlich: Was ist schon ein bisschen Fischgeruch gegen den akustischen Müll, den wir Handy-Benutzer tagtäglich produzieren?

Die Autorin
Geboren 1970 in Bern, arbeitet Nicole Amrein als freie Journalistin und Romanautorin. Nach ihrer Tätigkeit als News-Moderatorin bei einem Schweizer Fernsehsender war sie unter anderem Redaktionsleiterin verschiedener Frauenmagazine sowie Autorin bei einem Gastromagazin. Sie hat mehrere satirische Frauenromane und Romanserien verfasst, darunter einige Bestseller. Jeden Monat gewährt sie uns einen unterhaltsamen satirischen und intimen Blick ins Tagebuch von Öko-Lisa. Noch mehr Informationen unter www.nicoleamrein.ch

Illustraion: © Manuela Lanfranconi

Tags (Stichworte): HandyNatelOekolisaSeuche

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