Die grosse Seele

Andreas Krebs | Ausgabe 1 - 2008

Mahatma Gandhi zeigte vor hundert Jahren einen Weg auf, der zu einer Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens führen könnte. Sein Konzept des gewaltfreien Widerstands und zivilen Ungehorsams findet auch heute noch Anhänger, etwa den Friedens- und Konfliktforscher Wolfgang Sternstein.

Wolfgang Sternstein vom Insti-tut für Umweltwissenschaft und Lebensrechte in Stuttgart ist überzeugt: «Um Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durchzusetzen, ist gewaltfreie Aktion das einzig sinnvolle Mittel. Es gibt nur dann Rettung, wenn wir dem Weg Gandhis folgen.»

Das grosse Vorbild des deutschen Friedens- und Konfliktforschers wurde am
2. Oktober 1869 als Mohandas Karamchand Gandhi in der indischen Kleinstadt Porbandar geboren. Schon zu Lebzeiten nannte man ihn aber Mahatma, was «dessen Seele gross ist» bedeutet. Gandhi selber legte auf diesen Titel keinen Wert. Nach indischer Tradition wurde Gandhi mit 13 Jahren verheiratet. Die Ehe mit der gleichaltrigen Kasturbai Nakanji hielt bis zu seinem Tod. Den Brauch der Kindsehen verurteilte Gandhi später aber heftig.

Schüchterner Rechtsanwalt

Von 1888 bis 1891 studierte Gandhi Recht in England. Zurück in Indien scheiter-te der junge Anwalt vorerst kläglich an seiner Schüchternheit. Bei seinem ersten Fall brachte er im Gerichtssaal kein Wort heraus und musste ihn abgeben. Jahre später sagte er: «Meine Schüchternheit war in Wirklichkeit immer mein Schirm und mein Schild. Sie hat mir erlaubt zu wachsen.» Doch damals war er völlig verunsichert und deprimiert.

In jener Zeit erhielt er ein Angebot für ein Jahr als juristischer Berater nach Pretoria zu gehen, um eine Firma in einem hängigen Prozess zu unterstützen.
Er nahm das Angebot ohne zu zögern an und verliess im Frühjahr 1893 Indien erneut, diesmal Richtung Südafrika. Zwanzig Jahre sollte es dauern, bis Gandhi schliesslich erstmals wieder in seine Heimat zurückkehren würde. In Afrika wurde aus dem ängstlichen Rechtsanwalt der kämpferische Mahatma.

Diskriminierung in Südafrika

In Südafrika erfuhr Gandhi die menschenverachtende Behandlung von Indern und anderen Farbigen am eigenen Leib. Die Zugfahrt von Durban nach Pretoria gleich zu Beginn seines Aufenthaltes bezeichnete er als Schlüsselerlebnis für sein späteres Engagement: Gandhi wollte erster Klasse reisen. Doch seine Bahnfahrt endete schon bald abrupt. Denn ein weisser Passagier beschwerte sich, dass ein «Kuli» in der ersten Klasse sitze. Als ihn ein Bahnbeamter aufforderte, das Abteil zu verlassen, weigerte sich Gandhi. Beim nächsten Halt wurde er aus dem Zug geworfen.

Was er in Südafrika persönlich erdulden musste, sei bloss ein Symptom der tiefer liegenden Krankheit des Rassenvorurteils gewesen, schreibt er in seiner Biografie. «Ich musste versuchen, diese Krankheit auszurotten und die Leiden auf mich nehmen, die daraus entstehen würden.» Mit friedlichen Mitteln wollte er von nun gegen die Diskriminierung ankämpfen. Denn Böses sei mit Gutem zu vergelten und so aus der Welt zu schaffen, war Gandhi überzeugt.

Streben nach Wahrheit

Er begann sein Konzept des gewaltfreien Widerstandes und des zivilen Unge-horsams zu entwickeln, das er Satjagraha, «Streben nach Wahrheit», nannte. Satjagraha baut auf Selbstachtung und Selbstbeherrschung. Gedanken aus der Bhagavadgita, der zentralen heiligen Schrift des Hinduismus, und der Bibel sind darin enthalten. Vor allem die Bergpredigt beeindruckte Gandhi; besonders überwältigt war er von Jesus’ Haltung, dem Gegner auch die andere Backe hinzuhalten. Auge um Auge, befand Gandhi, führe nur in eine Welt der Blindheit.

In seine gewaltfreie Kampfmethode flossen auch Ideen des englischen Schriftstellers und Sozialphilosophen John Ruskin, des amerikanischen Sozialreformers Henry Thoreau und des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi.

Gandhi war bereit, für seine Ziele zu sterben. Immer wieder nutzte er im Laufe seines Kampfes geschickt märtyrerhaftes Fasten, um über die Medien und die Bevölkerung moralischen Druck auf Entscheidungsträger auszuüben. «Mit dem gewaltfreien Widerstand und zivilen Ungehorsam übte Gandhi eine ungeheure Macht aus», sagt Wolfgang Sternstein. «Das unbegrenzte Fasten aber war wohl eine seiner stärksten Waffen, denn keiner wollte Schuld am Tod des Heiligen auf sich nehmen.»

Auf Gandhis Spuren
An der Friedensuniversität Tamera in Portugal werden Studenten im Geiste Gandhis zu einer Art «Satjagrahis» ausgebildet, um in der ganzen Welt mit gewaltfreien Aktionen zu wirken. 2005 begleitete der Autor Andreas Krebs rund vierzig von ihnen auf einer «spirituell-politischen Pilgerreise» durch Israel und das Westjordanland. Diese Pilgerschaft sei ein Beispiel, wie mit gut durchge-führten Aktionen Hoffnung und Versöhnung geschaffen werden könnten –
selbst an Orten, wo Angst und Gewalt zum Alltag gehöre:

«Wir trafen jüdische Siedler und Soldaten, palästinensische Bauern und Politiker, wir meditierten vor der acht Meter hohen Mauer, die Israel seit 2002 illegal er-richtet und die nach ihrer Fertigstellung siebenhundert Kilometer lang sein wird. Gemeinsam mit lokalen Friedensbewegungen führten wir gewaltfreie Aktionen durch, zum Beispiel Schweigemärsche, Theaterspiele oder Olivenpflücken im besetzten Gebiet. Vor allem aber brachten wir Menschen zusammen, Israeli und Palästinenser, die ihre von Staatspropaganda geschürte Angst voreinander überwinden konnten. Endlich redeten sie miteinander und hörten sich zu, sie lachten und weinten zusammen – echte Versöhnung fand statt.»

Sieg und Niederlage

Mit seinen gewaltfreien, meist symbolträchtigen Aktionen, bei denen zeitweilig gegen hunderttausend Mitstreiter gemeinsam mit ihm zivilen Ungehorsam leisteten, errang Gandhi beachtliche politische und soziale Siege für seine Ideale. Dafür musste er mehrmals ins Gefängnis. Seinen Kampf gegen Unterdrückung und Diskriminierung führte Gandhi später auch in Indien weiter, wohin er 1914 nach Ausbruch des ersten Weltkrieges zurückkehrte. Unter seiner Führung befreite sich Indien schliesslich von der Kolonialherrschaft des British Empire.

Gandhi gelang es allerdings nicht, Moslems und Hindus im entstehenden Staat zu versöhnen. Mit der Unabhängigkeit Indiens im August 1947 kam es denn auch zur Spaltung des Subkontinents und es wurde gleichzeitig die Gründung des islamischen Pakistans verkündet – für Gandhi eine «geistige Tragödie». Unermüdlich setzte sich der mittlerweile 79-jährige für die Versöhnung zwischen den beiden Volksgruppen ein. Mit seinem «Fasten bis zum Tode» gelang es im noch einmal die Widersacher zum Frieden zwingen. Doch am 30. Januar 1948 erschoss ihn ein fanatischer Hindu aus nächster Nähe. Vor seinem Tod verzieh er seinem Attentäter. Indien und Pakistan konnte dies hingegen nicht versöhnen.

Gandhis Erben

Indien ist seither sogar zur Atommacht aufgestiegen. «Gandhi würde sich darob im Grab umdrehen», meint Sternstein. «Selbst nach zwanzig Jahren Schulung in Gewaltfreiheit scheint Indien nicht wirklich begriffen zu haben, dass Satja-graha eine aktive, kämpferische Haltung jedoch ohne den Wunsch nach Rache oder Vergeltung ist.»

Trotzdem könne von einem grundsätzlichen Scheitern Gandhis nicht die Rede sein: «Gandhi rettete vielen Menschen das Leben.» Und er habe eine enorme Wirkungsgeschichte, indem er mit seinen Ideen andere bedeutenden politische Führer befruchtete: den amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Südafrikas ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela, Albert Schweizer oder der polnischen Gewerkschafter und späteren Präsi-denten Lech Walesa. Aber auch die neuen sozialen Bewegungen in Deutschland, die Anti-AKW-Bewegung und die Friedensbewegung hätten von Gandhi gelernt, sagt Sternstein.

Die Wirkung, die Gandhis Protestbewegungen  aus-lösten, wurden später allerdings nie mehr erreicht. Mit Gewaltfreiheit und zivilem Ungehorsam könne man aber auch heute noch eine unglaubliche Macht ausüben», ist Sternstein überzeugt. Er ist der Meinung, dass sich damit auch heute Konflikte – von der persönlichen Ebene bis zur globalen – dauerhaft lösen lassen.

 

(Ein ausführliches Interview zum Thema mit dem Friedens- und Konfliktforscher Wolfgang Sternstein finden Sie in der «Natürlich»-Printausgabe, Seiten 72 und 73.)

 

 

Literatur
Matthias Eberling: «Mahatma Gandhi», Suhrkamp Verlag 2006, Fr 14.70
Mahatma Gandhi: «Denken mit Mahatma Gandhi», Diogenes Verlag 2006, Fr. 10.90
Bernard Imhasly: «Abschied von Gandhi? Eine Reise durch das neue Indien», Herder Verlag GmbH 2006, Fr. 39.90
Mahatma Gandhi: «Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit», Hinder + Deelmann 2005, Fr. 31.50
Mahatma Gandhi: «Mein Leben», Suhrkamp Verlag 2004, Fr. 16.70
Sigrid Grabner: «Mahatma Gandhi - Politiker, Pilger und Prophet», Evangelische Verlagsanstalt 2002, Fr. 25.90

Links
www.gandhiserve.org
www.uwi-ev.de

 

Tags (Stichworte): FriedenGandhiGewaltfreiheitIndienMenschenrechteRassismus

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