Die Familie trotzt allem
Die Familie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Trotzdem ist sie die wichtigste Institution für den sozialen Zusammenhalt geblieben. Dies wird bis heute kaum honoriert.
Meine Grosseltern hatten 12 Kinder. Als Bauern lebten und arbeiteten sie am selben Ort. Meine Mutter arbeitete nach der Heirat nie mehr ausser Haus. Sie gebar fünf Kinder, die heute zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Deren Beziehungsformen widerspiegeln den Wandel im Modell Familie: Der Älteste mit zwei Kindern lebt die klassische Rollenteilung. Meine Schwester hat drei Kinder und wählte das sogenannte Zweiphasenmodell. Sie kehrte nach 15 Jahren mit einem Pensum in den Beruf zurück, das ihr finanzielle Unabhängigkeit sichert. Ich blieb auch nach der Geburt eines Kindes erwerbstätig; in dessen zweitem Lebensjahr wurden wir zur Einelternfamilie. Meine beiden jüngeren Brüder sind Single.
Hausfrau: Privilieg des Mittelstandes
Die «Ernährerfamilie» meiner Eltern war bis in die Siebzigerjahre eine Errungenschaft des Mittelstandes. Arbeiten gingen nur die Frauen aus der Arbeiterklasse. Das änderte sich, als die Eigenständigkeit jedes Einzelnen zum
zentralen Wert der Gesellschaft wurde, wie Nicole Bruggmann von der Universität Zürich in einer Untersuchung der Familiensituation seit den Sechzigerjahren festgestellt hat. Der Beruf gewann an Gewicht, der Wert der Familienarbeit sank. Kinder konnten dank der Pille geplant werden.
Der Wandel zeigt sich heutzutage in einer Vielzahl von Familienformen. Guy Bodenmann vom Institut für Familienforschung der Universität Freiburg sagt: «Am stärksten wird die Familie heute von der hohen Instabilität geprägt, einer-seits durch den Verlust von Konstanz, anderseits durch Fortsetzungsfamilien.» Über 400'000 Kinder und Eltern leben laut Bodenmann in einer Eineltern-,
jedes vierte Kind in einer Patchworkfamilie.
Familie als Armutsfalle
Heute sind drei Viertel der Mütter mit Kindern unter 16 Jahren erwerbstätig. Viele haben keine Wahl, obwohl das immer wieder behauptet wird. Denn die Hälfte der Schweizer Lohnempfänger verdient weniger als 5670 Franken, jeder Siebte hat einen Bruttolohn unter 4000 Franken. Für eine Familie reicht das nirgends hin: Das erste Kind bringt Zusatzkosten von 18 Prozent des effektiven Einkommens, drei Kinder benötigen 35 Prozent und Alleinerziehende mit einem Kind sogar 44 Prozent. Durchschnittlich kostet ein Kind im Monat 1950 Franken.
Vor allem Frauen gehen mit der Familiengründung ein hohes Armutsrisiko ein. Als Single verdienen sie mit derselben Ausbildung und Funktion wie ihre Kollegen durchschnittlich 5 Prozent weniger; nach der Familien-gründung steigt die Lohn-differenz auf bis zu 40 Prozent an. Und zu Hause übernehmen sie im Schnitt sechsmal mehr Familien- und Hausarbeit als die Väter. Der ökonomische Wert der Familienarbeit beläuft sich auf 130 Milliarden Franken. Die Belastungen erwerbstätiger Mütter über-steigen den Achtstundentag oft bei Weitem. Eine Umfrage in der Stadt Zürich zeigte, dass jede fünfte erwerbstätige Mutter abends arbeitet, jede siebte nachts. Eine Mehrheit der Mütter ist mehr als 50 Prozent erwerbstätig.
Sechs von zehn Müttern nehmen kein öffentlich geregeltes Betreuungsangebot in Anspruch, sondern organisieren die Betreuung selber. «Gründe dafür sind die hohen Kosten einer externen Betreuung und die unregelmässigen Arbeitszeiten, die durch diese nicht abgedeckt werden», sagt die Zürcher SP-Nationalrätin und Familienpolitikerin Jacqueline Fehr.
In Zürich wurde 2005 immerhin eine Volksinitiative angenommen mit der Forderung nach genügend Betreuungsplätzen für Kinder vom Säuglingsalter bis Ende Schulzeit. Die Stadt hat heute landesweit eines der besten Angebote, doch neue Betreuungsplätze sind oft von Privaten organisiert und die Kosten durch Elternbeiträge gedeckt. Überdies wurden die hart erkämpften Subventionen des Bundes für neue Krippen 2007 wieder halbiert. «Dies obwohl nachgewiesen ist, dass für einen in Betreuungsangebote investierten Franken bis zu 3,5 Franken an die gesamte Gesellschaft zurückfliessen», betont Fehr.
Der Weg zur Patchworkfamilie Brenn
Franziska Brenn war Vollzeitmutter und Alleinerziehende. Heute lebt sie in der Kleinfamilie mit geteilter Verantwortung. Ein Rückblick auf 27 Jahre Erfahrungen mit verschiedenen Familienmodellen.
«Heute ist es selten, dass die ganze Familie beisammen ist», sagt die 48-jährige Franziska Brenn. Mit der gan-zen Familie meint sie ihre vier Kinder Seraina, Sebastian, Lucretia und Maria-Lena aus der früheren Ehe, ihren heutigen Lebenspartner Carl und den gemeinsamen Sohn Aaron (Bild).
Die Grossen sind ausgezogen. «Heute lebe ich in einer Kleinfamilie.» Ihr Leben pendelt zwischen der Familie und den 70 Prozent Erwerbsarbeit als Sozial-arbeiterinGemeinderätin. Nach fast 30 Jahren Familienarbeit ist sie darin ge-übt. «Vom Moment an, als die Kinder kamen, war die Familie der Mittelpunkt und alles andere entstand darum he-rum», sagt sie. Dass sie eine grosse Familie wollte, war für sie schon immer klar.
Vollzeitmutter
Als sie das erste Mal Mutter wurde, war sie 22 Jahre alt. Sie brach ihre Aus-bildung als Krankenschwester ab. Mit ihrem Partner vereinbarte sie, dass sie später nach seinem Studium ihre Ausbildung nachholen würde. «Geplant war, dass er sobald als möglich eine Teilzeitstelle sucht, doch mit vier Kindern war das finanziell dann nicht mehr realisierbar.» Sie blieb Vollzeitmutter. Nach 10 Jahren, als die Jüngste 3 Jahre alt war, beschlossen Franziska Brenn und ihr Mann Marcel die Trennung. «Erst jetzt merkten wir, wie unterschiedlich unsere Vor-stellungen vom Leben waren», erklärt sie. Vorher seien sie rund um die Uhr mit den Kindern beschäftigt gewesen. «Die Scheidung war ein Schock und doch die richtige Entscheidung», meint sie rückblickend. Und bemerkt, dass sie zum Glück nicht geahnt habe, was alles auf sie zukomme.
Ein Jahr nach der Trennung begann sie mit der Teilzeitausbildung zur Sozial-arbeiterin. «Damit löste ich die frühere Vereinbarung ein», betont sie und be-merkt: «Es war die Zeit, in der ich manchmal Ablehnung und Kritik spürte, weil ich mir das mit vier Kindern erlaubte.» Während der Schule übernahm der Vater die Kinder. «Ihnen zuliebe versuchten wir Konflikte zu vermeiden», bemerkt sie.
Allein erziehend
Nach der Ausbildung fand sie eine 60-Prozent-Stelle. Als grösstes Glück be-zeichnet sie heute, dass sie über ein Inserat eine Frau fand, die an drei Tagen Kinder und Haushalt betreute. Dafür nahm sie in Kauf, dass unter dem Strich gerade genug Geld zum Leben blieb. «Ich war schon hie und da am Anschlag und froh, dass meine Brüder hüteten und meine Mutter finanziell einsprang.»
Sie ging nur noch Partnerschaften ein, die ausserhalb der Familie stattfanden. «Ich fürchtete Konflikte und dass ich zwischen den Kindern und dem Partner aufgerieben würde», erklärt sie. Dann lernte sie mit 39 Carl kennen. «Bald war uns klar, dass wir gerne noch ein Kind hätten.» An ihrem 40. Geburtstag teilte
sie Familie und Freunden mit, dass sie schwanger sei. «Alle waren irgendwie geschockt», sagt sie.
Nach der Geburt von Aaron blieb sie mit den fünf Kindern im Familienhaus, das ihr der Ex-Mann überlassen hatte. Aaron wechselte zwischen dem «Mamahaus» und dem «Papahaus». Die grossen vier – damals zwischen 12 und 19 Jahre alt – freuten sich über den kleinen Bruder. «Doch mir gegenüber waren sie eine Zeit lang ziemlich distanziert.» Einfach sei diese Übergangszeit nicht gewesen.
Grossfamilie
Als sie vor drei Jahren dann mit Carl zusammenzog, waren sie am Anfang noch zu viert, dann bald nur noch zu dritt. Auch er hat drei erwachsene Kinder, mit denen er einige Zeit allein gelebt hatte. «Wir mussten uns wieder daran gewöh-nen, nun zu zweit den Alltag zu organisieren», sagt Franziska Brenn. Aaron geht an drei Tagen in die Krippe, den Donnerstag verbringt Carl mit ihm, den Freitag Franziska. «Am Abend essen wir wenn möglich zusammen.»
Eigentlich lebe sie den Alltag jetzt so, wie sie es sich immer gewünscht habe, betont sie. «Wir teilen uns Betreuung und Haushalt.» Fast nur noch an Fest-tagen ist die ganze Familie zusammen, oft auch mit Ex-Mann und dessen Part-nerin. «Das mischt sich heute alles», erklärt sie. Rückblickend sagt sie trotz allem: «Ich möchte keine der drei Familienphasen missen.» Schwierig sei immer dasselbe gewesen: Familie und Beruf so verbinden zu können, dass weder das Eine noch das Andere zu kurz kommt.
Zukunftsmusik Vaterschaftsurlaub
Der schwierige Spagat zwischen Beruf und Familie führte in den letzten Jahr-zehnten dazu, dass die Geburtenrate auf unter 1,4 Kinder pro Frau gesunken ist. Für stabile demografische Verhältnisse wäre eine Quote von 2,3 nötig. Heute leben in einem Drittel der Privathaushalte Paare ohne Kinder und in jedem sechsten nur eine Person. «Bei den Gründen, sich gegen eine Familie zu ent-scheiden, spielen die mangelnde ausserfamiliäre Entlastung und die einseitige Verteilung der Familienarbeit die grösste Rolle», sagt Fehr.
Vor allem wegen der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung wurde die Familie in den letzten Jahren auch politisch ein umkämpftes Thema. Von Rechts etwa wird propagiert, dass Mütter von Kleinkindern zu Hause bleiben sollen. «Diese Diskussion ist weit weg von der Realität der Familien», bemerkt Fehr. Denn nicht nur Frauen, auch immer mehr Männer haben Mühe, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen: Die vom Arbeitsmarkt zunehmend gefor-derte Flexibilität und Mobilität degradiert sie oftmals zu Wochenendvätern. Vor drei Jahren versprach die Wirtschaft, das Geld, das sie aufgrund der Einführung der Mutterschaftsversicherung einspart, künftig für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie einzusetzen – zum Beispiel in Form eines bezahlten Vaterschaftsurlaubs. Tatsächlich bieten heute aber erst zwölf Unternehmen, darunter die Migros, eine solche Auszeit von zwei bis vier Wochen für frisch-gebackene Väter an. Und familiengerechte Arbeitszeiten, die trotzdem eine Karriere erlauben, sind für Frauen und Männer weiterhin selten.
Väter zurück in die Familie
Die Familie von heute ist für die Mütter eine Karrierenfalle und für die jungen Väter ein Burnoutrisiko. Die tiefen Geburtenraten und die hohen Scheidungsraten zeigen eines: Kinder zu haben ist für zu viele junge Eltern ein Projekt, an dem sie scheitern – wenn sie überhaupt noch den Mut aufbringen, es zu wagen. Jeder Frei-, Voll- oder Teilzeithausmann kennt die mehr oder weniger charmanten Kommentare, mit denen die Umwelt reagiert, wenn er mit seinem Kind unterwegs ist. Sie laufen in der Regel darauf hinaus, dass man einem Mann nicht zutraut, mit einer zweijährigen Tochter ohne fremde Hilfe einen Nachmittag zu verbringen. Das ist der diffuse Anfang einer Skala, an deren Ende eine Scheidungspraxis steht, die Väter gegen ihren erklärten Willen und ohne ein konkretes Verschulden von einem selbst bestimmten Kontakt zum eigenen Kind abhält. Zwischen beiden Punkten steht die Weigerung von Arbeitgebern, Vätern Teilzeitanstellungen zu gewähren. Alles zusammen steht für ein überholtes Bild von Elternschaft.
Das Familienmodell von gestern kann in einer Gesellschaft nicht mehr funktio-nieren, die so stark von Individualität, Mobilität und Gleichstellung geprägt ist wie unsere. Die Familie von morgen ist eine Familie, in der Väter und Mütter sich solidarisch und gleichberechtigt um das Wohl der Kinder, um den Gelderwerb und um ihre persönliche Entwicklung kümmern. Um dahin zu kommen, braucht es neue Bilder in den Köpfen und eine Gleichstellungspolitik, die gezielt die Väter darin unterstützt, in ihrer Familie aktiv zu werden. Ansatzpunkte einer solchen Politik sind die Schaffung von flexibleren Arbeitszeiten und die Einführung bezahlter Elternzeit. Junge Väter sollen einen Elternurlaub erhalten, den sie in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder dafür einsetzen können, um ihre Kinder in der Krippe abzuholen, mit ihnen ganze oder halbe Tage zu verbringen oder um ganz alltäglich im Haushalt arbeiten zu können. Eine Entlastung im Umfang von drei Monaten würde ausreichen, um über zwei Jahre hinweg das Pensum um 10 bis 20 Prozent zu reduzieren.
Eine Gleichstellungspolitik, die Väter in die Familie holt, ist die notwendige Entsprechung zu einer Politik, die Mütter ins Erwerbsleben holt. Beides ist notwendig, wenn wir der Familie eine Chance geben wollen. Die Kinder von morgen sollen Eltern haben, die solidarisch und selbst bestimmt, beruflich aktiv und familiär engagiert sind. Es ist in unserem Interesse. Und gar nicht so neu.
Ivo Knill ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Er ist Alltagsvater, Historiker, Berufsschullehrer und Redaktionsleiter der «Männerzeitung». Die «Männerzeitung» wurde 2001 gegründet und bietet Männern in einer sich in Richtung Emanzipation, Gleichberechtigung und Rollenflexibilität
entwickelnden Gesellschaft ein öffentliches Forum.
Infos: www.männerzeitung.ch
Keine Alternative zur Familie
Doch die Familie lebt – trotz ihres immer wieder prophezeiten Untergangs. Es gibt dazu auch in der heutigen Gesellschaft keine Alternative, kommt Nicole Bruggmann in ihrer Untersuchung zum Schluss: Keine andere Institution könne die Familie bezüglich Solidarität, Schutz und Unterstützung ersetzen.
Was braucht es demnach in der Zukunft für eine positive Entwicklung? «Diese hängt wesentlich davon ab, ob Familien entlastet werden», betont Guy Boden-mann: bei den Arbeitszeiten, mit Betreuungsangeboten, finanziell bei den Steuern und mit Unterstützungsangeboten für die Erziehung und Partnerschaft. Entlas-tend wäre auch eine breitere gesellschaftliche Wertschätzung der Familien-arbeit.» Seit 1993 besteht die Forderung, die Familie als gesellschaftliche Institution mit einem Bundesamt für Familien zu stützen und zu fördern.
Ein radikales Umdenken fordert Iris Radisch, Berufsfrau und Mutter von drei Kindern, in ihrem Buch «Die Schule der Frauen – Wie wir die Familie neu erfinden». Sie schlägt vor, dass Mütter und Väter Anspruch auf eine nach dem Alter der Kinder gestaffelte Familienzeit mit Arbeitsplatzgarantie erhalten sollen. Die Lohneinbusse soll durch die gesamte Gesellschaft über eine Anpassung der Lebensarbeitszeit mitfinanziert werden.
Meine Grosseltern feierten ihre eiserne Hochzeit im Kreise von über 100 Kindern, Enkeln, Urenkeln. Von den 6 Enkeln meiner Mutter, die zwischen 25 und 32 Jahre alt sind, leben 2 im Zweipersonenhaushalt ohne Kinder, 4 in einem Einzelhaushalt.
Das Familienbild mag sich im Lauf der Zeit wandeln – die Bedürfnisse der Kinder nach Spiel und Abenteuer bleiben die gleichen. Darum bieten wir Ihnen das Buch «KIDS – 1001 Ausflüge für die ganze Familie» zu einem exklusiven Preis als Leserangebot an.
Bilder: irisblende.de
Literatur
• Bauer/Strub/Stutz: «Familien, Geld und Politik»,
Verlag Rüegger 2004, Fr. 46.–
• Tobias Bauer: «Die Familienfalle»,
Verlag Rüegger 2000, Fr. 46.–
• Iris Radisch: «Die Schule der Frauen – Wie wir die Familie neu erfinden»,
Deutsche Verlags-Anstalt 2007, Fr. 27.50
Links
• www.hoepflinger.com/fhtop/fhfamil1.html
Aktuelle Ausstellung zum Thema
• «Familien – alles bleibt wie es war», Schweizerisches Landesmuseum Zürich, bis 16. September 2008, www.landesmuseum.ch
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