Die Entdeckung der Langsamkeit
Schritt für Schritt und deutlich langsamer als gewohnt – bei der Besteigung des Kilimandscharo entdeckt Susanne Hochuli den tieferen Sinn der Langsamkeit.

Auf dem Kilimandscharo bin ich vor Langsamkeit fast erfroren. Sie erinnern sich: Ich zog über Weihnachten los und machte mich darauf gefasst, die Midlife-Crisis auf dem Gipfel des Dachs Afrikas zu finden. Gefunden habe ich stattdessen die Langsamkeit. Mein Weg hat mich auf den Kili geführt, weil ich wissen wollte, wie es ist, langsam zu sein. Langsam wie es der britische Konteradmiral John Franklin gewesen ist. Er war so langsam, dass er als Kind keinen Ball fangen konnte. Schliesslich wurde er aufgrund seiner Beharrlichkeit aber doch zu einem der grossen Entdecker des 19. Jahrhunderts.
Grosse Wünsche, hehre Ziele, hohe Ideale, scheinbar aber nur geringe Möglichkeiten, ihnen nahe zu kommen – diese Polarität hat mich zu unterschiedlichen Zeiten in meinem Leben fasziniert und zugleich bedrückt. Vor allem aber hat sie mir gezeigt: Es ist kein Naturgesetz, dass die Schnellen, die Raschen, die Flinken jene sind, die zuerst oder überhaupt ans Ziel kommen. Kein Wunder habe ich das Buch «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Stan Nadolny auf meiner Kilimandscharo-Expedition wieder gelesen.
Die Langsamkeit war für mich denn auch das Anstrengendste. So langsam unterwegs zu sein, als hätte man ein dreijähriges Kind an der Hand, lässt viel Raum und Zeit für Gedanken. Aber auch die kommen nur spärlich und eben: langsam. Dafür sind es wohl die wesentlichen. Am letzten Tag des Aufstiegs begann um Mitternacht die Besteigung des Gipfels – im Wissen, dass man inklusive Abstieg zur Übernachtungshütte bis zu 17 Stunden unterwegs sein wird. Vorher war das Sechsergruppenleben, das Übernachten in einfachsten Hütten mit Mäusen als «Unteruntermieter», das dreckig Sein, die kuschelige Wärme im Schlafsack, die unglaublichen Landschaften vom Regenwald bis zu kargen Steinwüsten, die Weite, der Himmel voller Sternen in der Nacht …
Aber ab dieser Mitternachtsstunde galt es einfach, physisch und mental durchzuhalten: sechs Stunden in der Dunkelheit steil bergauf bis zum Gilman’s Point. Ich erfror fast vor Langsamkeit; schneller geht es in dieser Höhe einfach nicht. Um mich herum Leute, die erbrechen und wegen der Höhenkrankheit Durchfall haben – Erschöpfung als Grundtenor der Langsamkeit. Mir ging es im Vergleich gut. Nur einmal wurde mir speiübel. Über mir stand, so nah wie noch nie, mein Lieblingssternzeichen, bewachte mich und ich dachte: «He, Orion, wenn ich jetzt kotzend aufgeben muss, werde ich immer, wenn ich dich sehe, daran denken, dass ich spuckend unter dem Gilman’s Point, mein Ziel vor den Augen, den Kampf verloren habe.» Ich kämpfte also gegen das Aufgeben an und musste dabei an zwei Sätze aus dem Buch «Die Entdeckung der Langsamkeit» denken: «Seltsam, je näher John zum Ziel kam, desto mehr spürte er, dass er es gar nicht mehr brauchte.» – «Das Ziel war wichtig gewesen, um den Weg zu erreichen.» Im Alltag sagen wir so leichthin: «Der Weg ist das Ziel.» Ich meine dazu: ja, das stimmt. Aber Schritte, die bloss um des Weges willen getan werden, sind nutzlos. Die kleinsten Schritte auf dem schlechtesten Weg – ja, gerade diese – brauchen ein Ziel. Auch wenn sich dieses am Ende in nichts auflöst.
Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 18-jährigen Tochter und wohnt mit ihr, Hund und Pferden auf ihrem Bauernhof in Reitnau.
Foto: ActiveSteve / flickr / cc
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