Die besten Bauern

Andreas Krebs | Ausgabe 02 - 2011

Demeter, das älteste Biolabel überhaupt, gilt als höchste Qualitätsstufe in der Öko-Branche. Doch was hat es mit der dahinter stehenden biologisch-dynamischen Landwirtschaft nach Rudolf Steiner auf sich?

Kurt Schüle schlendert durch den Garten des Buechehofs im solothurnischen Lostorf. Schnee liegt, die Natur scheint zu ruhen. Aber das ist nur oberflächlich so. «Im Winter sind die Lebenskräfte in der Erde zurückgezogen», sagt der Gärtner und erzählt von kosmischen Rhythmen, Pflanzengemeinschaften, Erd- und Sonnenkräften und von Kuhmist, der in Kuhhörnern in der Erde ruht und die umgebenden Kräfte in sich konzentriert. «Im Frühling kann dieses Konzentrat an Lebenskräften ausgegraben und zur Aktivierung der Lebensprozesse angewendet werden», erklärt Schüle. Gemeinsam mit den «seelenpflege-bedürftigen Erwachsenen» der sozialtherapeutischen Einrichtung Buechehof erzeugt er mit solcherlei hergestellten Präparaten Gemüse, Salate, Kräuter und Setzlinge in Demeter-Qualität.

Der Buechehof ist kein Einzelfall: Überdurchschnittlich viele der rund 240 Demeter-Betriebe in der Schweiz engagieren sich mit sozialen Dienstleistungen. Die biodynamische Landwirtschaft sei dafür wie geschaffen, sagt Schüle. Weil viel Handarbeit anfalle und das Arbeiten mit den Präparaten auch ein persönlicher Weg sei. «Immer wieder eröffnen sich mir bei der Arbeit neue Zusammenhänge. Ich merke, wie gut das mir und dem Leben im Garten tut.»

Das zeitaufwendig herzustellende Hornmistpräparat ist zentraler Bestandteil der weltweit 3500 nach Demeter-Grundsätzen arbeitenden Betriebe. Ebenso gehören Hornkiesel (aus gemahlenem Bergkristall) sowie sechs Kompostpräparate (aus Heilpflanzen) zu den biodynamischen Mitteln, die von den geistig behinderten Bewohnern des Buechehofs hergestellt werden. In kleinsten Dosen sollen die Präparate zur Gesundung des Bodens, Veredlung des Mists und Vitalisierung der Pflanzen beitragen. Es sind Rezepte im Sinne der Alchemie: Mittel, die einen Umwandlungsprozess erwirken können. Sie sollen es dem Boden und den Pflanzen ermöglichen, sich wieder mit den harmonisierenden Kräften des Kosmos zu verbinden.

Das Gärtner-Manifest

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, ist geistiger Vater dieser Präparate und Schöpfer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, dem ersten bewussten Ökolandbau überhaupt. Im Jahr 1924 hat Steiner in Koberwitz den «Landwirtschaftlichen Kurs» gehalten. Der «Landwirtschaftliche Kurs» ist auch als Buch erschienen. Es ist das Manifest aller biologischdynamischer Gärtner, die Arbeitsgrundlage aller Bauern, die sich im Demeter-Verbund zusammengeschlossen haben. «Am Pflanzenwachstum ist der ganze Himmel mit seinen Sternen beteiligt! Das muss man wissen», ist da zu lesen, und dazu eine komplette Anleitung, wie Bauern und Gärtner ihre Arbeit «wesensgemäss» zu verrichten haben.

Demeter-Bauern und -Gärtner richten sich insbesondere nach dem Aussaatkalender von Maria Thun. Dieser erläutert Tag für Tag die Einflüsse der Planetenkonstellationen auf das Pflanzenwachstum. Es geht dabei um Synchronizität von Rhythmen im Organischen, um die Verbindung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. Die ackerbauenden Völker haben stets den Einfluss des himmlischen Firmaments auf Wetter, Jahreszeiten, Pflanzenwachstum sowie Tier- und Menschenverhalten feststellen können; sie haben ihre Arbeit, ja ihr ganzes Leben nach kosmischen Fingerzeigen ausgerichtet. Im «Landwirtschaftlichen Kurs» sind diese Zusammenhänge erläutert.

Auch die Herstellung der einzusetzenden Präparate ist genau beschrieben. Heilmittel, nennt sie Kurt Schüle vom Buechhof und präsentiert sie dem Besucher. In einer Holzkiste, in Gläser verschlossen, lagern die Präparate, bereit ihre gespeicherten Kräfte der Natur wieder zurückzugeben: Schafgarbe, Kamille, Löwenzahn, Eichenrinde, Brennnessel und Baldrian – in der Volksheilkunde schon in alten Zeiten hochgerühmte Heilpflanzen. Was dem siechen Menschen wohl bekommt, soll auch die Selbstheilungskräfte der überstrapazierten Natur anregen.

Mehr Weltsicht als Wissenschaft

Humbug, schimpft das Gros der Wissenschaftler und verbannt die biologisch-dynamische Weltsicht ins Reich der Esoterik. Der weltweit einzige Lehrstuhl für dieses «pseudowissenschaftliche Glaubenssystem» müsse wieder aufgehoben werden, fordern sie. Im Jahr 2003 wurde er an der Universität Kassel eingerichtet, ein Affront für die «seriöse Wissenschaft». «Wissenschaft? Wir wissen wissenschaftlich schon lange, dass die Welt zugrunde geht, wenn wir so weiter machen. Wir Demeter-Bauern machen es anders. Aber ständig werden wir angefeindet», sagt ein genervter Martin Ott, Präsident des Stiftungsrats des Forschungsinstituts für biologischen Landbau und Mitbetreiber des Guts Rheinau in Zürich, einem der grössten Biobetriebe der Schweiz.

Seit zehn Jahren wird er biodynamisch geführt. Die Erfahrungen damit sind vielversprechend, auch ökonomisch. Die eigens dafür gegründete Stiftung Fintan hat das Gut Rheinau 1998 übernommen, damals ein konventioneller Betrieb, der bis zu einer halben Million Franken Minus im Jahr schrieb. Innert drei Jahren wurde auf Demeter umgestellt; parallel wurde eine sozialtherapeutische Gemeinschaft aufgebaut. Heute wirft das Gut Rheinau Gewinn ab. «Die tiefe Verbundenheit zwischen Natur und Einkommen fasziniert mich. Der Bauer ist mit seiner ganzen Existenz in der Landwirtschaft drin, das ist ja das schöne am Beruf», sagt Ott und wettert über die Dünger- und Giftwirtschaft, die in den letzten 50 Jahren weltweit die Ackerfläche von der Grösse Indiens kaputt gemacht habe. «Aber was wir Biodynamiker tun, gilt als skurril. Das ist doch pervers.» Dabei sei das natürliche Wirtschaften mit geschlossenen Kreisläufen, wie es die Demeter-Bauern machen, von höchster Bedeutung.

Fotos: zvg


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