Der Strohmann
Der Bündner Architekt Werner Schmidt setzt auf Stroh als Baustoff. Das wiederentdeckte Naturmaterial könnte beim Hausbau Backstein und Beton dereinst den Rang ablaufen.
Bei Recherchen entdeckte Schmidt, dass in Nebraska, wo es kaum Holz gibt, schon seit dem 19. Jahrhundert mit Strohballen gebaut wird. Viele der Bauten aus der Anfangszeit waren als temporäre Bleiben gedacht. Sie erwiesen sich aber als vollwertige, über die Jahrzehnte beständige Unterkünfte. Das älteste erhaltene Strohhaus der Welt steht in Nebraska, wurde 1903 erbaut und weist kaum Bauschäden auf.
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Trotz der extremen Temperaturen im Mittleren Westen der USA ermöglichten die Strohhäuser im Sommer und Winter ein angenehmes Wohnen. Denn Stroh hat eine herausragende Wärmedämmfähigkeit und zudem sehr gute statische Eigenschaften. Strohballen-Konstruktionen sind hoch belastbar und sehr elastisch; deswegen werden sie in den USA auch wegen ihrer Erdbebensicherheit geschätzt.
Die meisten Strohhäuser werden in sogenannt lasttragender Bauweise, ohne Holzständertragsystem, errichtet. Auch Schmidt zieht diese Variante vor. Zum einen weil Stroh billiger sei als Holz; vor allem aber weil es besser dämme. In manchen Ländern, etwa in Deutschland, erschwert oder verbietet die Bauordnung jedoch lasttragende Strohbauten. Die Vorzüge des Baustoffs Stroh werden dort deshalb vor allem für Stroh- und Reetdächer genutzt, die speziell an der Nordsee zum gewohnten Bild gehören. Die Dächer halten über Jahrzehnte dicht, ohne dass dabei das Stroh zu schimmeln oder vermodern beginnt – ein Beweis dafür, dass die Einwirkung von Feuchtigkeit kaum Probleme verursacht, wenn sie wieder entweichen kann.Im Gegensatz zu den Strohdächern werden die Wände von Strohhäusern erst gar nicht wirklich feucht, sind sie doch durch den Putz und durch den Dachüberhang geschützt. Wände und Decken können übrigens auch nachträglich mit Stroh isoliert werden, weshalb sich der Naturstoff hervorragend zur ökologischen Sanierung von Altbauten eignet.
Hinweis
Bauen + Wohnen Luzern, 30. September - 3. Oktober 2010, 10-18 Uhr, Sonderschau Sonne+Energie, Halle 2, Stand A45, Messegelände Allmend, Luzern, www.fachmessen.ch
Energieautark
Schmidt baute in New Mexico erstmals Häuser aus Stroh. Seither ist er überzeugt vom Baumaterial aus der Natur: Es lässt sich leicht bearbeiten und kann mit der Kettensäge beinahe in jede beliebige Form gebracht werden – organische Formen wie runde Wände, Torbögen, Gewölbe lassen sich problemlos realisieren. Das passt ideal zur sogenannten Bioarchitektur. Bei dieser gehe es nicht nur um rein technische Aspekte, sondern darum, den Umweltgedanken kreativ in Architektur umzusetzen, so Schmidt: «Es gilt, neue Ausdrucksformen zu entwickeln.» Was bislang fast nur bei Experimentalbauten einiger Selbstbauer der Fall war, wollte Schmidt nun auf professioneller Ebene verwirklichen.
Zurück in der Schweiz unterbreitete er fortan jedem Bauherrn zwei Varianten: ein konventionelles Haus und eines aus Stroh. Vor acht Jahren konnte er hierzulande sein erstes Strohhaus realisieren – in Disentis, auf 1300 Meter über Meer: Das «Haus Braun» ist vom Boden abgehoben, um das Stroh vor Feuchtigkeit zu schützen; nach Süden ist es grosszügig verglast, was einen hohen Wärmeeintrag über die Sonne garantiert. «Der Bauherr braucht zum Heizen drei bis vier Bananenkisten Holz pro Jahr», sagt der Architekt. Seither hat er 16 Strohhäuser verwirklicht, 6 weitere sind baubewilligt, 5 in Planung. «Ich hatte nie so viele Aufträge für Strohhäuser wie in den letzten zwei Jahren», so Schmidt.
«Meist wird für ein Haus schon unheimlich viel Energie verbraten, bevor man überhaupt einzieht», sagt Schmidt. Hinzu kommt der oft hohe Energieverbrauch
während der Betriebsjahre. Schmidts Strohhäuser hingegen sind nahezu energieautark; die 120 Zentimeter dicken Strohwände des Hauses in Disentis zum Beispiel haben einen Dämmwert (U-Wert) von zirka 0,05 Watt pro Quadratmeter und Kelvin und übertreffen die Vorgabe für ein Passivhaus (U-Wert von weniger als 0,15) bei weitem.
Nun ist die Realisierung von bloss 16 Strohballenbauten innerhalb der letzten acht Jahre für die Umwelt nicht wirklich von grosser Bedeutung. Das weiss auch Schmidt. «Die Baugesetze verhindern die Entwicklung, die Regelungen müssten offener sein», fordert er. «Man sollte nur noch Häuser bauen dürfen, die weitgehend energieautark sind. Aber die Energieproduzenten wehren sich mit Händen und Füssen dagegen.» Auch die Baulobby verhindere den Fortschritt. «Die Firmen wollen ihr Styropor verkaufen», so Schmidt.
Stroh und Nachhaltigkeit
Rund zehn Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts werden für Errichtung, Erhaltung und Ausstattung von Gebäuden aufgewendet. In keinem Verhältnis dazu steht der Anteil am globalen Energieverbrauch für Herstellung und Transport der Baumaterialien, der laut World Watch Institute rund 45 Prozent beträgt. Kein Wunder: Die Herstellung einer Tonne Beton benötigt 6000 Megajoule (MJ) an Energie. Im Gegensatz dazu braucht die gleiche Masse Stroh nur 115 MJ. Die Betonproduktion verursacht zudem sieben Prozent der menschgemachten CO2-Emissionen, während Stroh CO2 sogar einlagert und der Atmosphäre entzieht. 70 Prozent der Industrie- und Siedlungsabfälle fallen am Bau an. Stroh dagegen kann in den natürlichen Kreislauf der Natur zurückgegeben werden.
Belastbar und feuerfest
Mittlerweile wurden aber zahlreiche Strohgebäude in der ganzen Welt mit Architektur- und Umweltpreisen ausgezeichnet, so auch Schmidts Feriensiedlung Esserhof in Lana im Südtirol, und nicht zuletzt dank umfangreicher Studien wächst das Vertrauen in den Baustoff Stroh allmählich. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur zum Beispiel zeigte, dass die 350 Kilogramm schweren Strohballen, die Schmidt wegen der unerreichten U-Werte gerne verwendet, mit 15 Tonnen pro Quadratmeter belastet werden können, ohne Schaden zu nehmen. Wenn die Strohwände verputzt sind – innen verwendet Schmidt meist Lehm, aussen Kalk –, erfüllen sie zudem die Feuerwiderstandsklasse F90 und entsprechen diesbezüglich einer 25 Zentimeter dicken Betonwand. Auch Schädlinge wie Mäuse oder Insekten hausen keine in den extrem dicht gepressten Ballen.
Seine Bauherren legen oft selber Hand an beim «Strohinestopfe», vor allem weil es Freude mache, am eigenen Haus mitzubauen. Auch können so die Baukosten etwas gesenkt werden. Diese sind etwa gleich hoch wie bei einem herkömmlichen Haus: bei Strohhäusern mit Holzkonstruktion etwa 10 bis 20 Prozent höher, bei lasttragender Bauweise etwa 10 bis 20 Prozent niedriger. Der grosse finanzielle Vorteil eines Strohhauses ergebe sich über die Jahre hinweg, sagt Schmidt: «Die Betriebskosten für das Heizen sind minim.»
Literatur
Herbert Gruber: «Bauen mit Stroh», Ökobuch-Verlag 2008, Fr. 23.50
Fotos: Atelier Werner Schmidt
Kommentare
in der Mongolei wurden mehrfach an verschiedenen Orten Strohhäuser gebaut, auf Initiative der UNo und anderer Institutionen. In Nairamdal, am Rande der Wüste Gobi, zum Beispiel ein 200 m2 grosses Schulhaus.
Ebenfalls auf Initiative der UN Mongolia haben englische Jugendliche 12 Spitäler in Strohballenbauweise errichtet. Kurzer Text (Englisch) und Fotos dazu hier: http://alt.global2000.at/pages/mongolia.htm
Und auf D hier: http://alt.global2000.at/pages/gnews01_4wi2.htm
Ich nehme an, Pläne gibt es (auf Mongolisch vielleicht eher nicht) - aber wo sie die bekommen? Evtl. bei http://www.raleighinternational.org.
Vielleicht auch bei UN Mongolia (http://www.un-mongolia.mn/web/contactus.php); die können Ihnen wohl auch detaillierter Auskunft geben, wo wieviele Strohhäuser gebaut wurden - und werden.
Ich hoffe, Ihnen mit dieser Auskunft gedient zu haben.
Herzlich
Andreas Krebs