Der Ökoirrweg
Agrotreibstoffe sind kein Ersatz für fossiles Benzin und keine nachhaltige Lösung für die Klimakrise. Sie konkurrieren die Nahrungsmittelproduktion und verschärfen die Hungerproblematik.
Seit jeher liefert die Land- und Forstwirtschaft nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Grundstoffe für Textilien, Baumaterialien und Brennstoffe. Im 19. und 20. Jahrhundert verloren die Brennstoffe aus der Landwirtschaft in dem Mass an Bedeutung, in dem zunehmend fossile Energieträger wie Erdöl und Kohle verwendet wurden. Fossile Energieträger sind jedoch nicht unendlich vorhanden. Und sie heizen das Klima auf – mit den bekannten Folgen: Gletscher schmelzen, Meeresspiegel steigen, Stürme nehmen zu, die Verteilung der Niederschläge verändert sich.
Die Menschheit steht daher in den nächsten Jahren vor der Herausforderung, von fossilen auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Alternativen reichen von der Solar- und Windenergie über die Wasserkraft bis zur Möglichkeit, die in Pflanzen gespeicherte Energie zu nutzen. Jetzt, wo die Klimaproblematik auf der politischen Agenda steht, sind all diese alternativen Energieträger im Aufwind, insbesondere flüssige Treibstoffe wie Agroethanol oder Agrodiesel.
Subventionierung von Agrotreibstoffen
Agroethanol wird aus zucker- oder stärkehaltigen Pflanzenteilen, vor allem
aus Zuckerrohr, Mais und Zuckerrüben hergestellt. Der Zucker wird durch Mikroorganismen zu Ethanol vergärt. Agrodiesel wird aus Ölen und Fetten hergestellt, vor allem aus Früchten von Ölpalmen, Rapssamen und Sojabohnen.
Seit 2000 hat sich die Produktion von Agroethanol verdoppelt und die Herstellung von Agrodiesel verdreifacht. Die stark steigende Menge an Agrotreibstoffen ist in erster Linie staatlichen Förderungen zu verdanken.
So subventioniert etwa die EU die Produktion von Agrotreibstoffen jährlich mit fast 6 Milliarden Franken; in den USA betragen die staatlichen Zuschüsse über
8 Milliarden Franken pro Jahr. Zudem werden Klimaschutzziele definiert und Steuererleichterungen eingeführt, welche die Verwendung von Agrotreibstoffen zusätzlich ankurbeln.
Auch die Schweiz möchte fossile Treibstoffe künftig verstärkt durch Treibstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen ersetzen. Deswegen wurde auf den 1. Juli 2008 eine Gesetzesänderung in Kraft gesetzt, mit der gewisse Agrotreibstoffe von der Mineralölsteuer befreit werden.

Abholzung von Regenwäldern
Doch es gibt grundlegende Probleme mit den heute gebräuchlichen Agrotreibstoffen. Wie unter anderem eine weltweit beachtete Studie der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt zeigt, sind die flüssigen Agrotreibstoffe zum Beispiel bei Weitem nicht CO2- beziehungsweise klimaneutral. Ganz im Gegenteil: Vor allem bei der Produktion werden grosse Mengen Treibhausgase freigesetzt. Zudem ist die Umweltbelastung für Agrotreibstoffe aus Ölpalmen, Raps, Soja, Mais, Zuckerrüben und Zuckerrohr insgesamt – von der Produktion bis zum Verbrauch – zum Teil bedeutend höher als bei Benzin oder Diesel.
Um Agrotreibstoffe in grossem Rahmen produzieren zu können, müssen grossflächig Urwälder gerodet werden. Und wo Wälder verschwinden, da wird zusätzliches CO2 frei: 18 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stammen bereits heute von Abforstungen. Besonders dramatisch sind die Wirkungen beim Palmölanbau in den tropischen Torfwäldern Indonesiens. Durch Rodung und Bodenerosion gelangt so viel Treibhausgas in die Luft, dass die schädliche Wirkung auch in 200 Jahren durch den Anbau von Agrotreibstoffen nicht wieder ausgeglichen werden kann. Die Abholzung der Regenwälder führt zudem zu einem massiven Verlust von Pflanzen- und Tierarten.
Überdies ist der industrielle Anbau für Agrotreibstoffe eng mit der intensivierten Landwirtschaft verbunden. Da in Monokulturen die Böden langfristig unfruchtbar werden und die Anfälligkeit für Pflanzenkrankheiten erhöht ist, sind höhere Pestizidmengen und mehr Dünger nötig. Die intensive Landwirtschaft führt auch zu erhöhter Bodenerosion.

Konkurrenz zur Nahrungsproduktion
Um 10 Prozent der fossilen Treibstoffe durch Agrotreibstoffe zu ersetzen, müssten in der EU 70 Prozent der Agrarfläche für den Anbau von Agrotreibstoffen verwendet werden, in der Schweiz gar sämtliche landwirtschaftlichen Flächen des Landes. Dabei kann die Schweiz bereits heute nur einen Teil der benötigten Lebens- und Futtermittel selber produzieren – der Rest wird importiert.
Die weltweit nur begrenzt zur Verfügung stehende Agrarfläche reicht nicht aus, um sowohl Agrotreibstoffe als auch genügend Nahrungs- und Futtermittel zu produzieren. Deswegen konkurriert die Nachfrage nach Agrotreibstoffen mit der Ernährungssicherung.
Die steigende Nachfrage nach Agrotreibstoffen ist auch dafür mitverantwortlich, dass die Preise für Nahrungsmittel in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Seit Anfang 2006 bis ins Frühjahr 2008 stieg der durchschnittliche Weltpreis für Reis um 217 Prozent, Weizen um 136 Prozent, Mais um 125 Prozent und Sojabohnen um 107 Prozent. Gemäss einem vertraulichen Berichtsentwurf eines leitenden Ökonomen der Weltbank sind Agrotreibstoffe für etwa drei Viertel des Preisanstiegs im Zeitraum von 2002 bis 2008 verantwortlich. Steigende Preise von Grundnahrungsmitteln bedeuten für Menschen, die bereits mit einem Minimum leben müssen, eine existenzielle Bedrohung.
Heute schon verbraucht die Landwirtschaft 75 Prozent der verfügbaren Süsswassermenge. Wenn nun Agrotreibstoffe in grossem Rahmen produziert werden, wird sich die Wasserkrise deutlich verschärfen. Nach Angaben des Stockholm International Water Management Institutes werden in Indien oder Brasilien 3500 Liter Wasser zur Herstellung eines Liters Agroethanol aus Zuckerrohr verbraucht. Bei einer Massenproduktion von Agrotreibstoffen rechnet das Institut bis 2050 mit einer Verdopplung der Nachfrage nach Wasser aus der Landwirtschaft. Agrotreibstoffe und Nahrungsmittel stehen somit miteinander in direkter Konkurrenz nicht nur um Anbaufläche, sondern auch um Wasser.
Kleinbauern haben das Nachsehen
Um möglichst grosse Flächen für den Anbau von Agrotreibstoffpflanzen zu erhalten, würden in Entwicklungsländern bereits heute Kleinbauern von guten Produktionsstandorten verdrängt oder vertrieben, berichtet die international tätige Nichtregierungsorganisation Grain. Denn Agrotreibstoffe sind nur dann international wettbewerbsfähig, wenn sie möglichst kostengünstig produziert werden und dies ist nur industriell möglich. Deswegen liegt die gesamte Produktion in den Händen von grossen Konzernen.
Während für hundert Hektaren, die von Kleinbauern in der Dritten Welt bewirtschaftet werden, durchschnittlich 35 Arbeitskräfte gebraucht werden, gibt es auf Plantagen zum Anbau von Agrotreibstoffen laut Eric Holt-Giménez von der amerikanischen Denkfabrik Institute for Food and Development Policy auf der gleichen Fläche nur zwischen 0,5 und 10 Arbeitsplätze. Zudem sind die Arbeitsbedingungen oft sehr schlecht, Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung, sogar Sklavenarbeit kommt vor.
Könnte die Jatropha-Pflanze die Probleme lösen? Das Wolfsmilchgewächs wird von verschiedenen Experten als die perfekte Agrotreibstoffpflanze angepriesen, weil sie einerseits nur wenig Wasser braucht und andererseits auch auf wenig ergiebigem Brachland wachsen kann (siehe Kasten). Daher soll ihr Anbau nicht mit der Nahrungsmittelproduktion um Wasser und Land konkurrieren, so die Argumentation.
In Realität fallen sowohl in Indien als auch in Afrika Gemeinschaftsland, extensives Weideland und Wald unter die Bezeichnung Brachland, obwohl viele Kleinbauern und die indigene Bevölkerung von dort ihre Nahrungsmittel und Brennstoffe beziehen. Wenn nun wie geplant, zum Beispiel in Indien ganze 14 Millionen Hektaren solches «Brachland» zu Jatropha-Anbauflächen werden, verlieren viele Menschen ihre Lebensgrundlage.
Weiter gedeiht Jatropha zwar unter kargen Bedingungen, aber um profitable Ernten zu liefern, braucht auch sie ausreichend Nährstoffe und Wasser. In Indien und in Afrika verdrängen Grossproduzenten teilweise Kleinbauern von fruchtbaren Flächen, um Jatropha grossflächig und gewinnbringend anbauen zu können; Wasser, das für Nahrungspflanzen gebraucht würde, wird umgeleitet.
Jatropha im Kleinen macht Sinn
Der Anbau der Jatropha-Pflanze als Lieferant für Biotreibstoff macht Sinn – aber nur, wenn die tropische Pflanze am Ort des Anbaus als Energielieferant genutzt wird. Zu diesem Resultat kommt der Umweltwissenschaftler Simon Gmünder, der im Auftrag der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungsanstalt) verschiedene Jatropha-Projekte in Indien untersuchte.
Jatropha wächst auf Böden und in Gebieten, die für den Anbau von Nahrungsmitteln ungeeignet sind. Aus diesem Grund kann die Pflanze respektive deren hochwertiges Öl für Bauern in Randgebieten eine wichtige Einnahmequelle sein. Das Besondere am Öl des genügsamen Gewächses: Es kann praktisch ohne weitere Aufbereitung als günstiger und relativ umweltfreundlicher Motorentreibstoff dienen. So werden zum Beispiel in Ranidehra, das inmitten eines Anbaugebietes liegt, mit Jatropha-Öl Stromgeneratoren betrieben, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung deutlich verbessern. Gerade diese Form der direkten Verwertung ist es, die
gemäss Gmünder die Ökobilanz von Jatropha bestens dastehen lässt. «Jatropha schneidet viel besser ab als Dieselgeneratoren oder ein Anschluss des Dorfes an das nationale Stromnetz», sagt Gmünder.
Ein wichtiger Grund für die gute Ökobilanz von Jatropha ist aber, dass die
Pflanze nicht in Grossplantagen angebaut wird. In Ranidehra rentiert der
Anbau, weil Jatropha ausschliesslich an Wegrändern und Feldrainen
angepflanzt wird und so bisher unrentable oder gar nicht bewirtschaftete
Lücken im Landbau genutzt werden.
Markus Kellenberger
Fragwürdige neue Technologien
Um die Kritik an der heutigen Produktion von Agrotreibstoffen zu kontern, wird häufig auf das theoretische Potenzial zukünftiger Technologien hingewiesen. Befürworter von Agrotreibstoffen vertreten die Meinung, dass die Produkte der zweiten Generation die Nahrungsmittelproduktion nicht konkurrieren werden, da sie nicht aus Nahrungspflanzen, sondern aus Gräsern, Bäumen oder pflanzlichen Abfällen hergestellt und nicht auf Äckern, sondern auf Brachland wachsen werden.
Beim näheren Hinsehen zeigt sich jedoch, dass auch die Verwendung solcher Treibstoffe sehr problematisch wäre. Denn wie am Beispiel von Jatropha ersichtlich, ist schon die Definition von Brachland oft sehr willkürlich und man kann davon ausgehen, dass Treibstoffpflanzen nicht nur auf kargen Böden produziert würden, wenn sich mit ihrem Anbau auf guten Böden mehr Geld machen liesse.
Bei der Herstellung von Agrotreibstoffen der zweiten Generation sucht man zudem das Heil vermehrt in der Gentechnik, deren Risiken noch viel zu wenig bekannt sind. Wenn in grossem Stil gentechnisch veränderte Treibstoffpflanzen angebaut würden, könnten möglicherweise Futter- und Nahrungsmittelketten sowie auch die natürlichen Pflanzenpopulationen durch Pollendrift verunreinigt werden. Zusätzlich kann beim Anbau gentechnisch manipulierter Pflanzen im Extremfall der Pestizidverbrauch steigen, Nützlinge können geschädigt werden, durch Auskreuzung können sogenannte Superunkräuter entstehen, welche die Artenvielfalt bedrohen.
Darüber hinaus gelten einige der für Agrotreibstoffe auserkorenen Energiepflanzen wie zum Beispiel Chinaschilf in gewissen Regionen als invasive Arten. Diese können sich in Gebieten, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen, stark ausbreiten, die einheimische Artenvielfalt schädigen und wirtschaftliche Probleme verursachen.
Swissaid fordert Moratorium
Auch für das Hilfswerk Swissaid ist klar, dass Agrotreibstoffe den Hunger auf der Welt verschärfen. Nichts könne dies besser illustrieren als eine simple Rechnung, sagt Geschäftsleiterin Caroline Morel: Für eine Tankfüllung mit 95 Litern Agrotreibstoff brauche es 200 Kilogramm Mais – genug, um einen Menschen ein Jahr lang zu ernähren. Swissaid hat ihre aktuelle Kampagne deshalb dem Kampf gegen den Agrotreibstoff-Boom gewidmet.
In der Schweiz fordert Swissaid-Präsident und SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner mit einer parlamentarischen Initiative ein Moratorium für den Import industriell produzierter Agrotreibstoffe. In den neun Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens, in denen das Hilfswerk tätig ist, propagiert es eine auf den lokalen und regionalen Markt aus-gerichtete ökologische Landwirtschaft – etwa in Kolumbien, wo sich die Palmölplantagen für die Agrotreibstoffproduktion immer weiter ausdehnen und Kleinbauern von ihrem Land verdrängen.
Weitere Informationen unter: www.swissaid.ch/agrotreibstoffe
Agrotreibstoffe sind keine Alternative
Flüssige Agrotreibstoffe sind weder klimaneutral noch umweltfreundlich oder nachhaltig. Sie lösen weder die Probleme der nachhaltigen Energieversorgung noch des Klimawandels. Im Gegenteil, es besteht die Gefahr, dass sie die Umwelt zusätzlich schädigen, mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren und soziale Missstände verursachen. Viele Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftsvertreter, und Kirchen aus aller Welt haben deshalb in den letzten Monaten gegen Agrotreibstoffe Stellung genommen. Auch manche Politiker realisieren nun, dass die alternativen Kraftstoffe nicht frei von Problemen sind und versuchen die negativen Auswirkungen mit Gegenmassnahmen einzudämmen. So wird versucht, Kriterien zu erarbeiten, um gute von schlechten Agrotreibstoffen zu unterscheiden.
Allerdings ist es schwierig, die wesentlichen Probleme in solchen Kriterien zu berücksichtigen. Es ist beispielsweise fast unmöglich, indirekte, grossräumige Auswirkungen wie Abholzungen als Folge von Landnutzungsänderungen zu eruieren. Auch Vertreibungen oder ungerechter Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen sind kaum nachzuweisen, insbesondere nicht in Entwicklungsländern, in denen Richtlinien schwierig zu kontrollieren sind.
Durch Agrotreibstoffe würde das jetzige, ineffiziente und umweltschädigendes System, das einseitig auf fossile Energie ausgerichtet ist, mit anderen Mitteln fortgeschrieben. Profiteure wären vor allem grosse transnationale Unternehmen, die Leidtragenden, all jene, deren Zugang zu Boden, Nahrungsmitteln und Wasser durch die neue Konkurrenz geschmälert würde. Daher ist es nötig, bei der Suche nach umweltschonenden und sozial verträglichen Treibstoffen der Zukunft grundlegend umzudenken und die Probleme der Ernährungssicherheit, der Energieversorgung und des Klimawandels in ihrer wechselseitigen Verflechtung zu sehen und nachhaltig zu lösen.
Autorin
Die promovierte Biologin und Ökologin Eva Vojtech verfasste für die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation «Erklärung von Bern» eine umfassende Dokumentation zur Problematik der Biotreibstoffe: «Bis zum letzten Tropfen – Wie Agrotreibstoffe denKampf um Ressourcen verschärfen» kann zum Preis von Fr. 6.– bezogen werden unter:
www.evb.ch.
Bilder: © FOTOLIA
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