Der mit den Pflanzen spricht

Andreas Krebs | Ausgabe 05 - 2011

Wenn sich der Mensch von der Natur entfernt, wird er krank – und macht krank. Eindrücklich zeigt das die Atomkatastrophe von Fukushima. Für den Kulturanthropologen und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl steht deshalb fest: Der Mensch muss mit den Naturgeistern wieder reden lernen.

Wer Wolf-Dieter Storl besucht, der fährt den Berg hoch, tief in den Wald hinein, und wenn er denkt, «das kann doch nicht sein», dann fährt er noch ein gutes Stück weiter. Der Berg verwandelt sich in einen Drachen, bewohnt von Waldschratten, Zwergen, Riesen und Alben. So beschreibt Storl sein Zuhause im Buch «Streifzüge am Rande Midgards». Wo des Drachens Herz ist – das einzige Feuer auf dem Berg – steht die Herrenburg, ein vierhundert Jahre alter Einödhof, gebaut von einem Appenzeller auf 900 Meter über Meer. Hier ist der Winter hart; er dauert ein halbes Jahr. Die Einheimischen nennen den Berg «weisser Riese».

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Dr. Wolf-Dieter Storl – Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
AT Verlag
Welt der Indianer: Weisheiten und Indianer

«Dr. Dreadlock», wie Wolf-Dieter Storl auch genannt wird, bittet zu Tisch. Mit seinem wilden Zottelhaar und dem langen Bart passt er nicht ins gängige Bild des Gelehrten – Storl lehrte zwanzig Jahre lang als Dozent und College-Professor an verschiedenen Universitäten in den USA, Indien und Europa. Eher sieht er aus wie ein grosses Wurzelmännchen. Der kräftige 69-Jährige spricht mit einer überraschend sanften, schönen, klaren Stimme. Keine Spur von Eile. Im Gegenteil: Storl strahlt Ruhe aus. Das Leben in der Abgeschiedenheit verfeinert die Sinne, sagt er. «In der verschneiten Stille ist es möglich, tief in sich hineinzugehen, ohne den Faden zu verlieren.»

Botschafter des «grünen Volkes»

Über uns hängt ein Bild mit Shiva, dem indischen Gott der Götter, auf dem das Urmeer mithilfe der anderen Götter und Dämonen durcheinandergewirbelt wird. Auf der einen Seite ziehen die Devas (Götter), auf der anderen die Rakshasas (Dämonen). «Das Leben ist ein ständiges Hin und Her» erläutert Storl, «und wir sind da drin, in diesen Gegensätzlichkeiten. Aber unser wahres Selbst ist jenseits von Gut und Böse – und doch gehören diese spannungsreichen Gegensätzlichkeiten zu uns.»

Storl hat viele Jahre in Indien gelehrt und vor allem gelernt: bei den Sadhus, den heiligen Wandermönchen. Einer habe ihm gesagt, wer er sei und was er in dieser Erdenverkörperung tue. Genauer will er nicht darauf eingehen. Wenn man Storl aber als Botschafter des «grünen Volkes» bezeichnet, als Vermittler zwischen Mensch und Natur, dann trifft man es wohl ziemlich gut. Über jede Pflanze, jedes Kräutlein weiss er eine Geschichte zu erzählen, gerade so, als spreche er über gute Freunde.

Weg vom Hirn, hin zum Herz

Nach dem Studium in den USA, das ihn brutal von der Natur entfremdet habe («wir sind alle so verschult; das ist unsere Krankheit heute, diese Überintellektualisierung»), reiste Storl nach Europa. Eigentlich als Feldforscher, aber als Gärtner getarnt, arbeitete er südlich von Genf im Garten einer anthroposophischen Gemeinschaft. Nicht nur hat er da seine Frau kennengelernt, auch seine frühe Liebe zur Natur und zu den Pflanzen und den Elementarwesen hat er in der Schweiz wiederentdeckt. «Diese ganzen Begriffe, in die ich eingehüllt war, fielen weg und ich entdeckte einen verschütteten Aspekt meines Wesens wieder: Die Freude, die einen erfüllt, wenn man die Natur mit Leib, Seele und Geist erlebt und nicht nur mit dem kalten Intellekt.»

«Die Natur beseelen»

Später lernte Storl bei Kräuterkundigen im Emmental und Jura; er lernte die Werke von Maria Treben, Johann Künzle und Sebastian Kneipp kennen; er reiste zu Schamanen nach Nepal und Japan; und Medizinmänner der Cheyenne-Indianer lehrten ihn, mit Pflanzen zu reden, statt nur über sie. «Ich lernte die Pflanzen als mächtige Geistwesen kennen, die sämtliche Leiden heilen können. Selbst die gewöhnlichsten Kräuter haben ihren Wert. Ich lernte, dass wir als Bittsteller zu den Pflanzen gehen und ihnen sagen: Ihr habt eine grosse Kraft. Schaut, mir geht es schlecht, bitte helft mir. Ich komme mit reiner Seele und bringe Tabak als Opfer. So geht man zur Pflanze, mit offenem Herzen und nicht als wirkstoffinteressierter Hirnmensch.»

Storl ist überzeugt, dass die Pflanzendevas mit tiefen Schichten unserer Seele kommunizieren und uns sagen können, wie wir uns am besten heilen. Storl hat es an sich und seiner Familie, er hat zwei Kinder, schon zigfach angewandt. Seine Erkenntnisse schreibt er in Büchern nieder, etwa in «Borreliose natürlich heilen». Dafür wird er mitunter heftig angefeindet. Er bekommt aber auch viele Briefe und E-Mails von dankbaren Genesenen.

Ebenen der Wirklichkeit

Storl erzählt wie; und er berichtet von rational nicht fassbaren Erlebnissen, die er bei naturverbundenen Völkern in aller Welt immer wieder gemacht hat. «Alle Kulturen, ausser unserer gegenwärtigen, wissen um die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen, Steine und Elemente. Für sie sind es göttliche Wesenheiten, die aktiv und bewusst in das Erdgeschehen und in die Menschheitsgeschichte eingreifen. Das Reden mit dem Drachen, den Devas oder den Geistern ist keine Fantasiereise. Man geht dabei hinein in die tieferen Dimensionen der Wirklichkeit des Seins und ist dort aktiv. Das wirkt auf den Alltag zurück.» Es beseelt die Natur. Und es heilt den Menschen, ist er überzeugt. Es knarrt in den Bäumen und der Schnee tanzt, wo er noch locker ist. «Ist das ein herrlicher Wind!», freut sich Storl und wischt sich den flatternden Bart aus dem Gesicht. «Diese Windgeister! Wunderbar.»

Foto: zvg


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