Der Madendetektiv

Andreas Krebs | Ausgabe 2 - 2009

Andere könnten nicht mehr schlafen bei seinem Job. Claude Wyss hingegen liebt ihn. Mit Hilfe von Insekten macht der Lausanner Kriminalbiologe Mördern das Leben madig.

Was ist das für einer, der Leichen auf Maden überprüft – was ist das für ein Mensch? Claude Wyss öffnet die Tür zu seiner Wohnung in Lausanne. Als Erstes fallen auf: der lange Schnurrbart, die zerzausten Augenbrauen, die weisse Pfeife. Als Zweites der offene, freundliche Blick aus wachen blaugrünen Augen. «Bonjour. Bitte kommen Sie herein. Hatten Sie eine gute Reise?» Seine Ehefrau kommt, begrüsst den Gast. «Möchten Sie Kaffee? Chéri, toi aussi?» Dann erst geht Claude Wyss voraus in sein Reich: ein kleiner voll gestopfter Raum, Büro, Labor, Bibliothek und Raucherzimmer in einem.

Das Geheimnis der Pfeifen

Pfeifen überall, mordsmässig viele Pfeifen. Eine Bücherwand, zwei Totenköpfe auf dem Regal. Mikroskop und Gasbombe; Einmachgläser und Tabakdosen. «Bitte setzen Sie sich», sagt Wyss und nimmt Platz auf dem grossen Bürostuhl. «Rauchen Sie? Nicht. Schade!» Sagts und klopft seine weisse Pfeife aus, Fabrikat Fikri Baki, «eine meiner guten», sagt er und stopft sie neu, zündet den Tabak an, schmaucht genüsslich. Benutzen Sie die alle? «Mais bien sûr.»

Claude Wyss ist in Lausanne geboren. Mit der aus Wimmis stammenden Mutter redete er Berndeutsch. Ansonsten hat er sich an seine Vatersprache gehalten. Er habe viel gemacht in seinem Leben, fährt der 58-Jährige fort, zum Beispiel Skorpione und Spinnen gezüchtet. Er arbeitete vier Jahre als Psychiatriepfleger. Dann wechselte er zur Polizei. Rund 35 Jahre lang hat er dem Kanton gedient. Vor Kurzem wurde er pensioniert, Beamtenbonus. Das sei gut so.

Der Weg allen Fleisches

Vor 15 Jahren hat ein Gang in die Kantonsbibliothek Inspektor Wyss' Leben verändert. «La Faune des Cadavres» hat er entdeckt. Das Werk des französischen Arztes Jean Pierre Mégnin, 1894 erschienen, gilt bis heute als Standardwerk.

Seit er dieses Buch gelesen hat, klaubt Wyss Fliegen, Käfer und Maden aus Leichen. Bis zu 20 Arten siedeln sich in den ersten vier Wochen nach dem Tod in einem Menschen an. Er ist Brutstätte und Futterplatz zugleich. Die Madenuhr, könnte man sagen, löst die biologische Uhr ab. So lange, bis Insekten, Pilze und Bakterien den Körper nach Monaten oder Jahren vollständig zersetzt haben.

Faszinierend findet Claude Wyss diesen Prozess. Eifrig hat er sich in die Materie vertieft. Er hat den Verwesungsprozess dutzendfach beobachtet, an Leichen, im Labor, an Schweinen, die er in Wald und Wiese ausgelegt und aufgehängt hat. Das Auftauchen der einzelnen Insekten, die Eiablagen, Witterung und Temperatur, Verwesungszustand der Schweine, alles hat er dokumentiert – und so herausgefunden, dass Mégnins Methoden ungenau sind.

Von den wenigen Publikationen zum Thema forensische Entomologie seien die meisten falsch, sagt Wyss. Auch CSI, Criminal Mind und die vielen anderen TV-Krimiserien, sie interessieren ihn nicht: «Ganz falsch was die da machen», sagt er. 160 Leichen hat Wyss entomologisch untersucht. In 60 Prozent der Fälle konnte er mit Hilfe der Fliegen den Zeitpunkt des Todes auf den Tag genau bestimmen. Geholfen hat ihm dabei der Insektenkundler Daniel Cherix vom Lausanner Institut für Zoologie und Tierökologie. 2006 wurde ihr Buch «Les insectes sur la scène de crime» veröffentlicht. Obwohl pensioniert, bearbeitet Wyss noch zwei bis drei Fälle pro Jahr.

Ein echter Krimi

Der Gärtner war es nicht. Er hat nur den Gestank als Erstes bemerkt, an jenem Abend des 26. Mai in Corsier-sur-Vevey. Penetrant! Der Gärtner folgt seiner Nase den Park des Manoir de Ban hinunter ins angrenzende Wäldchen. Plötzlich steht er vor einem Frauenkopf. Der Körper liegt etwas weiter weg Hang abwärts. Die Zeitungen werden schreiben, dass die Frau geköpft wurde, aber das stimmt nicht. Ein paar Schritte weiter baumelt ein Mann im Geäst.

Mit der Equipe der Waadtländer Kriminalpolizei ist auch Inspektor Claude Wyss am Tatort. Er bückt sich über den Kopf und klaubt Maden und Käfer aus dem Schädel, der teilweise schon mumifiziert ist. Fliegenmaden, sagt er, hätten den Kopf vom Körper gefressen.

Im Schädel findet Wyss Totengräber, Waldmistkäfer und Buntkäfer, aber bei der Bestimmung des Todeszeitpunktes helfen sie ihm nicht. Fliegen sind die einzigen Zeugen, denen er vertraut. Sie sind die Ersten am Tatort. Mit ihren Füssen riechen Fliegenweibchen totes organisches Material, Futterquellen für ihren Nachwuchs, aus über 100 Meter Entfernung. Meistens besiedeln sie eine frische Leiche innerhalb von 15 Minuten.

Die Fliegen legen ihre Eipakete neben Augen, Ohren, Nasen und allfällige Verletzungen. Je nach Temperatur und Feuchtigkeit schlüpfen die Larven innert Stunden oder nach einigen Tagen. Durch die Körperöffnungen fressen sie sich in das Gewebe hinein. Wyss hat es hundertfach beobachtet. Auch an Piggy und Daisy, den Schweinen, mit denen er den Fall von Corsier-sur-Vevey nachstellte.

Immer wieder hat Wyss beobachtet, wann die Larven schlüpfen, wann sie sich verpuppen, wann die Imagos aus den Tönnchen schlüpfen. Stundenlang. Wochenlang. Und stets hat er Witterung und Temperatur notiert.

Mittlerweile kennt Wyss die Zyklen Ei-Larve-Puppe-Fliege von den häufigsten relevanten Arten ganz genau. Alleine auf diese Zyklen komme es an, sagt Wyss. Nur wenn er diese vollständig nachvollziehen könne, sei der Todeszeitpunkt einer Leiche bestimmbar.

Wyss sucht im und um die Leichen nach «gutem forensischem Material»: Fliegen, Fliegeneier, Fliegenmaden, Fliegenpuppen. In Gläser nimmt er die Insekten mit nach Hause, wo er die Larven ausbrütet. Was seine Frau dazu sagt? «Sie hat mich gern», lacht und schmaucht der Schelm. Manchmal entwischt eine Larve. Dann verpuppt sie sich irgendwo zwischen Büchern und Pfeifen. «Aber sonst gibt es keine Probleme.» Wyss zählt die Tage, notiert die Temperatur und wartet. Bis die Fliegen schlüpfen. Dann tötet er sie mit Ethylacetat, bestimmt sie unter dem Mikroskop und rechnet. Mit den Fliegen, sagt Wyss, könne er nur den Todeszeitpunkt bestimmen, «sonst nichts.» Aber: In Fällen, wo Alibis von Tatverdächtigen zu überprüfen sind, kann das den Mörder entlarven.

Bilder: © Andreas Krebs

Tags (Stichworte): DetektivEntomologieFliegenForensikInsektenKäferKriminalbiologieLarvenMadenMord

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