Der grosse Grunzer

Mirella Wepf | Ausgabe 12 - 2011

Yaks sind kälteresistent, genügsam und äusserst trittsicher. Kein Wunder haben sich die robusten Rinder aus Zentralasien in den letzten 20 Jahren auch in den Alpen ein Plätzchen erobert. Wer sie zum ersten Mal hört, versteht sofort, warum sie auf Deutsch «Grunzochsen» heissen.

In der Schweiz wurden 1973 erstmals Yaks gehalten. Doch erst durch Daniel Wismer, ein Weltenbummler aus Rotkreuz, fanden die langhaarigen Asiaten hierzulande ein definitives Zuhause und einen engagierten Botschafter. Der gelernte Forstwart hatte die arbeitsamen Viecher auf einer Reise in Tibet kennengelernt und ins Herz geschlossen. Nach langer Suche fand er an den steilen Hängen des Mattertals oberhalb von Embd einen bezahlbaren Hof. Im Frühjahr 1995 erreichten schliesslich der Stier «Khampa» und die Yak-Kuh «Zomkyi» nach einer mehrstündigen Reise aus einer Allgäuer Tierhandlung ihr neues Zuhause im Wallis. Heute leben auf «Yak Tsang Ling», dem «Ort der Yaks», 58 Tiere.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
Yak . Tsang . Ling
Yak shu lo ché
Yak am Gotthard
Yakzucht Familie Kohl
Yak Ranch Wehntal

Ein Grunzen zur Begrüssung

Wer Wismer und seine Yaks besuchen will, braucht solides Schuhwerk und starke Beine. Eine Zufahrtsstrasse gibt es nicht. Auf einem der Fusspfade zu Wismers «Yak Tsang Ling» hat der lokale Tourismusverein in Zusammenarbeit mit Wismer einen Yak-Lehrpfad eingerichtet.

Der Hof ist ein kleines Idyll: Ein sonnenverbranntes Walliserhaus geschmückt mit bunten tibetischen Gebetsfahnen erwartet den Besucher. Im Winter sind die Yaks im grossen, offenen Laufstall untergebracht. Anfangs November findet man die imposanten Tiere noch hinter dem Haus am steilen Hang; es scheint so, als ob sie schon immer in dieser Walliser Bergkulisse gestanden hätten. Tatsächlich sind Yaks für die Schweizer Gebirgslandschaft prädestiniert. Sie sind kälteresistent, extrem trittsicher, anspruchslos, aber auch «gschnäderfrässig». So haben sie auch schon Zäune niedergedrückt, um auf einer benachbarten Weide grasen zu können. Ruft Wismer seinen Tieren, gibt es ein neugieriges Grunzen zur Antwort. Dann wird in aller Ruhe die Journalistin neben Wismer begafft. Erst die mitgebrachten Leckerbissen – einige Handvoll Kleie – vermögen den vordersten Yak in Bewegung zu setzen. Und plötzlich geht es rasend schnell. In gestrecktem Galopp jagt das Leittier den Hang hinunter und zeigt deutlich, wer hier als Erstes Anrecht auf «Gutsi» hat.

Beeindruckende Haarpracht

Das Tempo und die Wendigkeit der exotischen Hochlandrinder auf diesem exponierten Gelände sind erstaunlich. «Ein Yak ist fast so beweglich wie ein Pferd», bestätigt Wismer. Und auch der Schweif erinnert mehr an ein Pferd als an eine Kuh. Es ist die Haarpracht, die diese Rinderart speziell macht. Nur Yaks verfügen über ein mehrschichtiges und dadurch besonders dichtes Fell. Unterschieden werden das feste, lange Deckhaar und die feine und spinnfähige Unterwolle, die auch als Feinwolle oder Flaum bezeichnet wird. Pro Jahr und Yak könnten zwischen 300 Gramm und drei Kilogramm Grobwolle sowie ein halbes Kilo Feinwolle gewonnen werden. Doch ähnlich wie die Schweizer Schafzüchter kann Wismer dieses Yak-Produkt kaum nutzen. «Der Ertrag aus Fell, Leder und Wolle ist vernachlässigbar.»

Er lebt hauptsächlich vom Direktverkauf des Fleischs – vor allem Salami, Trockenfleisch und Edelstücke. Milchprodukte stellt er keine her. «Um damit den Markt zuverlässig beliefern zu können, müsste man mindestens 50 bis 100 erwachsene Kühe haben», erklärt der Züchter. Eine wichtige Einnahmequelle ist für ihn und seine Partnerin Sonja Mathis auch das Ferienhaus für 20 Personen, wo pro Jahr rund 300 Gäste nächtigen. Yak-Trekkings organisiert Wismer seit einigen Jahren jedoch keine mehr. «Der Aufwand und die zeitliche Abwesenheit waren zu gross.» Seines Wissens bietet derzeit in der Schweiz nur eine einzige Yak-Halterin Trekkings an: Rosula Blanc in Les Haudères, ebenfalls im Wallis gelegen.

Wehrhaft und eigenwillig

Schweizweit gibt es drei bis vier Betriebe, die hauptsächlich von Yaks leben. Für alle anderen ist die Yak-Haltung Nebenerwerb oder Hobby. Eine der grössten Herden Europas weidet während der Sommermonate auf dem Gemsstock, oberhalb Andermatt. Dort hält der Biobauer Adrian Regli über 100 Tiere. Seine Schwester Verena Zgraggen Regli besitzt ebenfalls mehr als 25 Yaks. Im Winter sind diese in Göschenen zu finden, im Sommer auf der Alp Cadlimo am Lukmanier zusammen mit 600 Schafen. Dies auch in der Hoffnung, dass die Yaks auf den Wolf abschreckend wirken. Ob Yaks als Herdenschutztier wirklich funktionieren, sei jedoch noch ungeklärt. Daniel Wismer eher skeptisch: «Ein Yak kann sich und seine Jungen sicherlich gut gegen einen Wolf verteidigen, aber ich würde mich nicht darauf verlassen, dass es wie ein Schutzhund 200 Meter weit rennt, um eine Schafherde zu beschützen. »

Sicher ist: Yaks sind wehrhafte und eigenwillige Tiere. «Sie sind temperamentvoller als Braunvieh», so Wismer. Aber Angst brauche man nicht vor ihnen zu haben. Ihre Wildheit sei vergleichbar mit Mutterkühen, die Besucher instinktiv abwehren, wenn man den Jungen zu nahe kommt. «Ihr Verhalten hat vor allem mit der Haltung zu tun. Wenn man sich viel mit ihnen abgibt, sind sie durchaus umgänglich.» Nichtsdestotrotz rät er Fremden davon ab, die Hand über den Weidezaun zu strecken, um seinen Yaks die Nase zu kraulen.

Fotos: Sonja Mathis


Kommentare

  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im September 2017


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen von sechs Xeron Courier 20 Rucksäcke von Mammut im Wert von je 110 Franken.

Frage: Was gehört traditionellerweise zu einer Älplerversammlung?

Mitmachen bis zum 30. September 2017.

zum Wettbewerb


Natürlich Newsletter

Das neuste gibts jetzt natürlich auch per Mail

Zwei Mal pro Monat bietet Ihnen der «natürlich»-Newsletter kostenlos wertvolle Gesundheitstipps und und informiert Sie über Neues aus dem Magazin.

Jetzt Newsletter abonnieren


Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Der grosse Grunzer