Der faire Max
Fairer Handel hat einen Namen: Max Havelaar. Das Gütesiegel steht für gerechten Handel mit der Dritten Welt und garantiert den dortigen Produzenten anständige Preise. Die erfolgreiche Organisation will weiter expandieren.
Kleinbauern-Kooperative La Florida in Peru: Es gibt sie zwar bereits seit 30 Jahren, aber erst seit der Zertifi-zierung durch die Max-Havelaar-Stiftung im Jahr 1993 können die Bauern wirklich vom Kaffeeanbau leben. «Ohne den fairen Handel wären wir alle nicht mehr hier»,
sagt César Rivas, Geschäftsführer der Kooperative. Aktuell zählt La Florida 611 Bäuerinnen und Bauern als Mitglieder; in der Region leben rund 5000 Familien. Alle kommen in der einen oder anderen Form in den Genuss des fairen Handels.
Die in der Kooperative zusammengeschlossenen Kleinbauern erhalten einen stabilen Mindestpreis und dank langfristigen und direkten Handelsbeziehungen können sie auch in die Zukunft investieren. Wesentlich dazu bei trägt die soge-nannte Fairtrade-Prämie, die in Peru für soziale Projekte verwendet wird. La Florida investierte das Prämiengeld beispielsweise in den Bau von Schulen und Strassen, den Aufbau eines landwirtschaftlichen Fortbildungszentrums sowie in die Umstellung auf biologischen Landbau.
Das Elend der Bauern
«Der Mindestpreis für Fairtrade-Kaffee der Sorte Arabica liegt unabhängig vom Weltmarktpreis bei 1,21 US-Dollar pro Pfund», erläutert Vesna Stimac, Medien-sprecherin von Max Havelaar Schweiz. Dazu bekommen die Bauern laut Stimac 0,1 Dollar Fairtrade-Prämie pro Pfund und nochmals 0,2 Dollar, falls der Kaffee aus biologischem Anbau stammt. Sie betont: «Die Prämien werden auf ein Gemeinschaftskonto einbezahlt und die Produzenten entscheiden gemeinsam und demokratisch, wofür man die Gelder verwenden will.» In Afrika wurden damit beispielsweise Trinkwasserpumpen, Kinderkrippen, Schulen oder die Subvention eines Arztes für mehrere Dörfer finanziert. In Ecuador können dank der Prämie jährlich 1000 Kinder mit Schulsäcken, Büchern, Heften und Stiften ausgestattet werden.
Bevor Max Havelaar auf der internationalen Handelsbühne Fuss fassen konnte, ging es zahllosen Kleinbauern und Plantagenarbeitern buchstäblich dreckig. Oftmals hatten sie zu wenig zum Leben, aber zu viel zum Sterben. Brach auf dem Weltmarkt der Kaffeepreis ein, hatte das – und hat es für viele Kaffeebauern noch immer – verheerende Folgen: Die betroffenen Familien verschuldeten sich, wurden arbeitslos.
Mangelnde Alternativen zum angestammten Anbau zwangen sie oft in den lukrativen Drogenanbau, die Prostitution, Kinderarbeit, zur Flucht in die Elendsviertel der Grossstädte oder in die Emigration. Diese Missstände bewogen schliesslich auch verschiedene Schweizer Hilfswerke zum Handeln. 1992 gründeten Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, Heks, Helvetas und Swissaid nach niederländischem Vorbild die Non-Profit-Organisation Max-Havelaar-Stiftung Schweiz. Deren erklärtes Ziel war es, durch fairenHandel die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Produzierenden inden benachteiligten Regionen der DrittenWelt nachhaltig zu verbessern.
Neues Logo – alte Qualität
Seither sind 16 Jahre vergangen. Mittlerweile arbeiten 28 Angestelle am Hauptsitz von Max Havelaar in Basel und auf der Zweig-stelle in Zürich. Die Stiftung hat ihr Sorti-ment im Laufe der Jahre stetig vergrössert, will jetzt noch effizienter agieren und damit den Warenfluss in die Schweiz wesentlich erleichtern. Deshalb tritt Max Havelaar ab März 2008 neu unter dem Logo des inter-nationalen Dachverbandes Fairtrade Labelling Organizations (FLO) auf, die 1997 ebenfalls unter Mitwirkung der Schweiz gegründet wurde. Der bisherige stilisierte Kaffeepflücker vor rosa-gelbem Hintergrund weicht einem blau-grün-schwarzen Logo mit der weissen Aufschrift «Fairtrade Max Havelaar».
Die Umstellung ist nötig, um im internationalen Fairtrade-Markt einheitlich auftreten zu können. Dadurch können neue Produkte schneller und einfacher in die Schweiz eingeführt werden, und der faire Handel kann international weiter wachsen. Die Schweiz besass als eines der letzten Länder im FLO noch ein eige-nes Label. Für die Konsumenten ändert sich dagegen nichts. «Egal in welchem Land, jede Fairtrade-Organisation bleibt unabhängig», sagt Vesna Stimac.
Auch für die Stiftung bleibt sich abgesehen vom neuen Auftritt alles gleich. Max Havelaar verstehe sich seit jeher als Brücke zwischen dem Norden und dem Süden, so Stimac. «Wir vertreiben nur und verkaufen selber keine Erzeugnisse.» Die Organisation fungiert für die Kleinproduzenten des Südens als Türöffner bei den Anbietern hierzulande. Vor der Einführung eines neuen Produktes ist jeweils die Frage abzuklären: Gibt es den Rohstoff im Süden und existiert ein Bedürfnis im Norden? «Wenn dies der Fall ist, suchen wir Abnehmer», meint sie.
Strenge Richtlinien
Es komme aber auch vor, dass Produzenten Max Havelaar direkt kontaktierten, weil sie das Zertifikat erlangen möchten. «Das Gütesiegel erteilen wir allerdings nur, wenn einerseits der Bedarf und die Abnahme und andererseits die erforder-lichen Fairtrade-Standards der FLO garantiert sind.» Diese schreiben unter anderem vor, dass:
• Max-Havelaar-Produkte von Kleinbauern-Organisationen mit demokratischen Strukturen stammen oder von Plantagen, deren Besitzer die gesetzlichen Mindestnormen bezüglich Löhne und Sozialleistungen der Arbeiterschaft einhalten;
• die begünstigten Bauernfamilien und Arbeiter selbst über die Verwendung der Fairtrade-Prämien bestimmen;
• die Produzentenorganisationen über effiziente Exportstrukturen verfügen;
• die Produzenten an einem nachhaltigen Entwicklungsprozess arbeiten und umweltfreundliche Anbau- und Verarbeitungsmethoden fördern;
• Schutzkleidung vorgeschrieben ist, wenn Düngemittel eingesetzt werden.
Nach diesen Standards arbeiten gegenwärtig über 500 Partnerorganisationen unter dem Gütesiegel von Max Havelaar. Dadurch finden weltweit rund eine Million Familien ein gesichertes und anständiges Auskommen im fairen Handel, was ihre Lebensbedingungen entscheidend verbessert. Eine Produzentenorgani-sation, die unter der Max-Havelaar-Zertifizierung exportieren möchte, muss sich mit einem detaillierten Fragebogen bewerben. Zuerst wird sie dann vor Ort über-prüft. Die FLO wertet sämtliche Unterlagen aus und entscheidet schliesslich über die Zertifizierung. Jährliche Kontrollen sollen die Einhaltung der Standards garantieren.
Vom Nischenprodukt zur Massenware
Das grosse Verdienst von Max Havelaar besteht darin, dass die Stiftung es
schaffte, die fairen Produkte aus ihrem einstmaligen Nischendasein zu befreien und einer breiten Käuferschicht schmackhaft zu machen. Vesna Stimac: «Wir verhandelten früh mit den Grossverteilern und diese waren bereit, solche Erzeugnisse in ihr Angebot aufzunehmen.» Ausser Coop und Migros führen inzwischen zahlreiche weitere Ladenketten, Läden und auch Gastrobetriebe Produkte mit dem Max-Havelaar-Siegel. Dies auch deshalb, weil die Palette an fair produzierten Konsumgütern mittlerweile bunt und vielfältig daherkommt und weit mehr als nur Bananen und Kaffee umfasst.
Neben zahlreichen weiteren Lebensmitteln wie Ananas, Avocados, Mangos, Reis, Zucker, Honig, Kakao und Tee hat sich Max Havelaar auch im Nonfood-Bereich, etwa mit Baumwolle oder Schnittblumen, etabliert. «2001 waren wir weltweit die Ersten, die den fairen Handel mit Blumen lancierten; 2005 rundeten wir unser Sortiment mit zertifizierter Baumwolle vorläufig ab», zieht Stimac eine Zwischenbilanz. «Der Baumwollanbau verzeichnete letztes Jahr weltweit über ein Wachstum von mehr als 70 Prozent und vor allem in Europa ist die Nachfrage nach Biobaumwolle gross.»
Allein in Afrika sind in Burkina Faso, Mali und Senegal rund zehn Millionen Menschen vom Baum-wollhandel abhängig. Vom Erlös ihrer Arbeit unter dem Gütesiegel profitieren bereits 28000 Bauern und Bäuerinnem. Während in Mali lediglich die gepflückte Baumwolle, exportiert wird, wickeln indische Produzenten bereits die ersten Verarbeitungsprozesse vor Ort selber ab. «In Entkernungshallen wird die gepflückte Baumwolle beispielsweise entkernt, gesäubert und für den Export zu Ballen gepresst», erklärt Stimac. Seit zwei Jahren finden bewusste Konsumenten die fair erzeugte Baumwolle, verarbeitet zu Socken, Unterwäsche, T-Shirts oder Watteprodukten in verschiedenen Läden in der ganzen Schweiz.
Das wachsende Angebot schätzt Walter Staub von der Migros: «Es entspricht
unserer Grundhaltung, fair gehandelte Produkte weiter zu fördern. Auch für
Coop ist das Potenzial zertifizierter Güter noch nicht ausgeschöpft. «Lifestyle-
Produkte für Geniesser, die Wert auf hohe soziale und ökologische Standards legen, sind im Trend», betont Takashi Sugimoto von Coop. Als Partner der ersten Stunde und Anbieter mit dem vielfältigsten Max-Havelaar-Sortiment überprüfe Coop das bestehende Sortiment von fair gehandelten Rohstoffen dauernd, um neue Produkte einzuführen.
Wer war Max Havelaar?
Im Jahr 1860 erschien der Roman «Max Havelaar oder die Kaffeeversteige-rungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft». Die Geschichte um die Hauptfigur, die dem Buch den Titel gab, verfasste der holländische Autor Eduard Douwes Dekker. Unter dem Pseudonym Multatuli schrieb er sein teilweise auto-biografisches Werk. Dekker lebte seit seinem 18. Lebensjahr als Angestellter des Staates in verschiedenen niederländischen Kolonien und wehrte sich erfolglos gegen Missstände auf den Plantagen, bis er schliesslich seinen Dienst quittierte. Roman und Titelfigur sind in den Niederlanden bis heute sehr populär. 1988 wurde in Holland unter dem Namen Max Havelaar eine Organisation für fairen Handel ins Leben gerufen. Für die Gründer der Schweizer Fairtrade-Stiftung lag es deshalb nahe, diese unter dem gleichen Namen zu führen. Die meisten Fairtrade-Organisationen sind heute unter dem Dach der Fairtrade Labelling Organizations (FLO) vereinigt.
Fairer Handel fördert Menschenwürde
2006 erlebte der faire Handel international einen wahren Boom. In der Schweiz wuchs der Absatz von entsprechend zertifizierten Waren um 1,2 Prozent auf 223,4 Millionen Franken. Dank den garantierten Mindestpreisen und den Fair-trade-Prämien war der Geld-fluss in den Süden laut der Max-Havelaar-Stiftung 30 Prozent höher als beim konventionellen Handel; die Mehr-einnahmen, die den Produzentenorganisationen zugute kamen, betrugen 11,7 Millionen Franken. «In der Schweiz werden mit Abstand am meisten Fairtrade-Produkte gekauft», erläutert der Geschäftsleiter von Max Havelaar Schweiz, Martin Rohner, die Zahlen. «Mit einer neuen Marktstrategie für den Detailhandel und die Gastronomie wollen wir das Wachstum noch weiter ankurbeln.»
Im Vordergrund stehen dabei laut Rohner neue Angebotsformen, die den hiesi-gen Konsumbedürfnissen entsprechen, zum Beispiel Marken- und Convenience-Produkte wie Schokoriegel, Fruchtsäfte, Trockenfrüchte und Nüsse. Grosses Potenzial ortet man bei Max Havelaar in der Gastronomie: «Wenn es uns gelingt, jedes Jahr fünf grosse Schweizer Unternehmen oder Verwaltungen ins Boot zu holen, wird sich der Absatz von Kaffee mit dem Gütesiegel in fünf Jahren verdoppeln», prognostiziert Marketingleiterin Nadja Lang.
Das Bewusstsein, dass man über sein Kaufverhalten einen Beitrag zur Verringe-rung des wirtschaftlichen Gefälles zwischen Nord und Süd leisten kann, scheint hierzulande ausgeprägt. Schweizer Konsumenten sind daher bereit, für faire Produkte mehr Geld auszugeben. Dass ein gerechter Preis nicht nur bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Produzenten im Süden zeitigt, sondern sich ebenfalls nachhaltig auf deren psychisches Wohlbefinden auswirkt, geht dabei eher vergessen.
Vesna Stimac, die erst vor Kurzem vom Besuch einer Baumwoll-Kooperative in Mali zurückgekehrt ist, konnte das hingegen hautnah erleben: «Die Menschen sind stolz darauf, bei Max Havelaar dabei zu sein und sich in einen demokrati-schen Prozess engagieren zu können.» Egal, welchen Status sie innehätten, sie nähmen ihr Mitspracherecht meist mit Engagement wahr, sagt die Kommunikationsfachfrau von Max Havelaar. Dank ihrem Unternehmen scheinen die Leute also auch an Selbstbewusstsein und Würde zu gewinnen.
Bilder: Max Havelaar Schweiz
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