Der Dämonenschreck

Ursel Bühring | Ausgabe 10 - 2008

Alant schützt vor bösen Geistern – doch die alte Schutzpflanze kann noch viel mehr. Sie würzt Speisen, dient als Aperitif und Weihrachersatz und lindert nebenbei noch Atem- und Verdauungsbeschwerden.

Alant: strahlend gelb wie die Sonne

Alant gehört zu den ältesten bekannten Heilkräutern überhaupt. Dioskurides und Theophrast empfahlen in der Antike die «Helenion» gegen Husten, Krämpfe, Blähungen und Magenschwäche. Alantwurzeln fanden damals auch aufgrund ihres bitteren, harzigen Geschmacks Verwendung als Gewürz für Süssspeisen und Magenbitter.

Der Geschichtsschreiber Plinius der Ältere empfahl seinen Lesern, Alantwurzeln
zu kauen, um den Geschmackssinn zu verfeinern, die Verdauung anzuregen und die Stimmung zu heben. Er beschrieb die Zubereitung eines Magenmittels als Konfitüre mit Rosinen und Datteln, und er erwähnte, dass Livia, die Gattin des Kaisers Augustus, ihn täglich ass und 88 Jahre alt wurde und dass auch des Kaisers Tochter Julia täglich Alantwurzelstücke genoss.

Bei Horaz, einem Zeitgenossen von Plinius, findet sich ein Gericht aus gekochten Alantwurzeln und weissen Rüben. Aus dem 4. Jh. ist eine Rezeptsammlung überliefert, die auf den römischen Feinschmecker und Koch Apicius zurückgehen soll. Dort zählt Alant zu den Gewürzen, die in jedem römischen Haushalt vorhanden sein sollten, «auf dass es beim Würzen an nichts fehle».

Schuld ist die schöne Helena

Im Mittelalter schätzte Matthiolus den Alant als Allheilmittel, vor allem als Wein zubereitet, als herzstärkendes, nieren- und blasenreinigendes, schleim- und galleabführendes Mittel. Man nahm den Alant damals auch, um die Zimmerluft zu verbessern, und warf dafür die getrockneten Wurzeln in die Glut des Kamins, damit er seinen charakteristischen Geruch im Raum verströmen konnte.

Die Wissenschaft meint, der botanische Name Inula leite sich aus dem griechischen «hinaein» (ausleeren, reinigen) ab, was sich auf die  menstruationsfördernden und abführenden Eigenschaften des Wurzelstocks beziehen soll. Legenden erzählen etwas anderes: Inula helenium soll entstanden sein, wo die Tränen der Helena den Boden benetzten. Sie war eine bedeutende Heilerin und Kräuterkundige, die bei der ägyptischen Königin Polydamna gelernt hatte.

Von den Römern jedenfalls wurde Alant als das britannische Kraut bezeichnet, weil es auf den zwischen Germanien und Britannien liegenden Inseln in grossen Mengen wuchs. Die Volksheilkunde bedient sich je nach Anwendungen Bezeichnungen wie Brustalant, Darmkraut oder Darmwurz, Schlangenkraut
(weil hilfreich gegen Schlangenbisse) und Wotanhaupt, Odinsauge oder Odinskopf, weil die einer Sonne ähnelnden Blüten an den Kopf des germanischen
Sonnengottes Wotan/Odin erinnern sollen. Begriffe wie «Edelharzwurz» oder «Weihrauchwurz» weisen auf die Bedeutung der Wurzel als Räucherware hin.

Botanik
Der bis drei Meter hohe, sonnengelb blühende echte Alant (Inula helenium) wurde von keltischen Einwanderern von Zentralasien nach Europa gebracht. Die Pflanzengattung Alant umfasst etwa 120 Arten, von denen etwa 25 in Europa vorkommen, manche winzig klein und für Steingärten geeignet, andere Hochstauden wie der echte Alant erreichen eine Wuchshöhe von über drei Meter. Die mehrjährige Staude entwickelt bis 80 Zentimeter lange unregelmässig gezähnte Blätter, die auf der Unterseite mit ziemlich kurzen, aber dichten Filzhaaren besetzt sind. Unten sind die Laubblätter grundständig, am Stängel wechselständig. Neben den grossen Blättern fallen die strahlend schönen Blütenköpfe mit ihren langen, schmalen. zungenförmigen gelben Strahlenblüten ins Auge. Sie stehen endständig einzeln oder auch häufig in doldigen Blütenständen zusammengefasst, blühen von Juli bis Oktober und ziehen zahlreiche Insekten an. Bei Inula helenium weisen sie einen Durchmesser von bis zu zehn Zentimetern auf, bestehend aus Zungen- und Röhrenblüten. Die Frucht ist eine Achäne mit rötlichem Pappus (Haarkranz).



Ernte

Die unempfindliche und Halbschatten liebende Pflanze lässt sich im Garten leicht aus Samen ziehen. Wenn im Herbst Blätter und Blüten absterben, ziehen sich die Kräfte der Pflanze unter die Erde zurück, dann ist die Zeit der Wurzelernte. Vom Alant wird der Wurzelstock samt Wurzeln medizinisch verwendet, und zwar am Ende der Vegetationsperiode im Oktober, da ist der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten. Ein guter Erntezeitpunkt ist nach warmen Tagen bei abnehmendem Mond, das fördert die Haltbarkeit der getrockneten Wurzeln. Den Wurzelstock behutsam ausgraben und die Wurzelkeime vorsichtig abschneiden (und neu pflanzen!). Gründlich reinigen, kranke, verletzte Stellen abschneiden, ebenso die feinen ernährenden Würzelchen. Dicke Wurzelstücke spalten und in kleine Stücke schneiden, damit sie beim Trocknen nicht schimmeln oder in dünne Ringe schneiden und wie Apfelringe auffädeln und luftig trocknen. Gut vor Licht, Feuchtigkeit und Insekten schützen. In der Nähe des Ofens, im Dörrex oder im Backofen bei geöffneter Tür bei niedrigster Heizstufe trocknen die Wurzeln gut. Danach dunkel und aromageschützt in geschlossenen Gefässen aufbewahren. Die Blatternte beginnt vor der Blütezeit (also vor Juli bis September).

Einsatz im Namen der Volksheilkunde

In der Volksmedizin wurden – und werden teilweise noch immer – die auswurffördernden, schleimlösenden, keimwidrigen und krampflösenden
Alantwurzeln verwendet als Hustenmittel bei Bronchitis und Asthma.
Aufgrund seiner bitteren Inhaltsstoffe wird er bei Verdauungsstörungen als appetitanregendes und verdauungsförderndes Mittel eingesetzt, seltener auch
bei Menstruationsbeschwerden und Kopfschmerzen oder gegen Würmer.
Lange Zeit war Alantwurzel aufgrund ihrer schleimlösenden Wirkung Bestandteil von Hustensäften, und kandierter Alant galt als Leckerbissen. Da jedoch viele Menschen auf Alant mit Allergien reagieren, finden seine Wurzeln fast nur noch in Likören Verwendung, bevorzugt als Aperitif zusammen mit Bitterorange.

Zurückhaltende Schulmedizin – vorsichtige Naturheilkunde

Medizinisch verwendet wird der grosse, knollig verdickte und stark verästelte gewaltige Wurzelstock (Helenii rhizoma), der intensiv aromatisch duftet. Er enthält bis 45 Prozent Inulin, ein dem Fruchtzucker ähnliches Kohlenhydrat, das 1804 erstmals aus Alantwurzeln isoliert wurde. Ausserdem Triterpene, Sterole und ätherische Öle mit bitteren Sesquiterpenlaktonen (darunter Alantolactone, zu Deutsch «Alantkampfer») und den natürlichen Entzündungshemmer Helenalin, der auch in Arnika vorkommt und Allergien auslösen kann.

In der Schulmedizin wird Alant heute nicht mehr empfohlen, weil er viele Nebenwirkungen in sich birgt: Überdosierungen führen zu Erbrechen, Krämpfen oder Durchfall. Die Pflanze wirkt stark allergen und kann schwere Hautausschläge und Reizungen verursachen! Alant sollte deshalb nie in der Schwangerschaft oder für Korbblütlerallergiker eingesetzt werden.

In der Naturheilkunde finden sich vereinzelt Anwendungen, die aber keinesfalls Anleitung zur Selbstmedikation sein sollen: Zum Beispiel wird Alantkraut wegen seiner Wirkstoffe Alantolacton und Isoalantolacton als Tee erfolgreich gegen Amöben eingesetzt.

Die Aromatherapie verwendet vereinzelt die destillierte Alantwurzelessenz, das Alantöl. Es riecht kräftig holzigerdig, duftet etwas nach Honig und Ambra mit einem Beiklang von Kalmus. Alantöl ist dunkel-cremefarbig bis gelb-bräunlich und dickflüssig-viskos oder fast salbenartig-halbfest und sollte deshalb zur besseren Verarbeitung und zur Verflüssigung im Wasserbad erwärmt werden. Das Absolue ist dunkler gefärbt, grün bis oliv-braun, und hat aber ebenfalls eine halbfeste Konsistenz.

Ätherisches Alantöl wirkt antiseptisch, gegen Eingeweidewürmer (insbesondere
Spulwürmer), auswurf- und menstruationsfördernd – aus diesem Grund darf es keinesfalls während der Schwangerschaft eingesetzt werden. Aromaexperten berichten von guten Erfahrungen bei Nasennebenhöhlenentzündung. Dazu 1 Tropfen (nicht mehr!) in 1 EL Salz lösen und mit heissem Wasser überbrüht zum Inhalieren nehmen.

Rezepte mit Alant
Klosterrezept für Asthmawein

20 Gramm klein geschnittene Alantwurzel mit 1 Liter trockenem Weisswein in ein dunkles weites Gefäss füllen. 1 Woche dunkel und gut verschlossen aufbewahren, öfter schütteln, danach abgiessen. Bei Asthma oder Husten
1- bis 3-mal täglich 1 EL einnehmen.
Hustenbonbons
Frische erbsengrosse Wurzelstücke in einer Mischung 1:1 aus Zucker und Honig aufkochen, bis sie ganz vom Sirup durchtränkt sind; dabei soll der Zucker nicht braun werden, weil er sonst bitter schmeckt. Vorsicht: Viele Menschen reagieren auf Alant mit Allergien.

Internet
www.natur-lexikon.com
www.heilkraeuter.de
www.zauber-pflanzen.de

Literatur
Maria May: «Hexenkräuter», Verlag VGS 2003, Fr. 23.80
Altmann/Happch: «Die Kraft der Klosterkräuter»
Verlag Don Bosco 2007, Fr. 30.90
Nancy Arrowsmith: «Herbarium Magicum – Das Buch der heilenden Kräuter», Verlag Allegria 2007, Fr. 49.90

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Bilder: © Echino, Harry C / PIXELIO, zVg


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