Der Biovisionär
Hans Rudolf Herren erhielt als erster Schweizer den Welternährungspreis. Der Wissenschaftler entwickelte in Afrika eine biologische Methode zur Bekämpfung eines gefürchteten Schädlings
Der Terminkalender von Hans Rudolf Herren ist voll. Nur gerade während der Bahnfahrt im Inter-city-Zug von Zürich nach Bern findet sich eine kleine zeitliche Lücke für ein Gespräch. Herren ist am Morgen aus den USA kommend in Kloten gelandet und nach einer kurzen Besprechung im Zürcher Büro der von ihm gegründeten Stiftung Biovision bereits wieder unterwegs, um sich in der Bern mit einem Mitarbeiter von Aussen-ministerin Micheline Calmy-Rey zu einem Austausch über Entwicklungshilfe zu treffen. Als Präsident des Millenniums-Institutes, einer Nichtregierungsorganisa-tion, die sich für langfristiges und nachhaltiges Denken engagiert, plädiert er für einen ganzheitlicheren Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit.
Vision ökologische Landwirtschaft
Im Unterwallis aufgewachsen, kennt Herren die Schweiz fast nur noch aus der Ferne Afrikas und der Vereinigten Staaten. Seine Familie ist in alle Welt verstreut. Herrens Frau arbeitet in Rom für die Welternährungsorganisation; seine drei erwachsenen Kinder leben in der Schweiz, in Schottland und in den Vereinigten Staaten. In Herrens Walliser Dialekt mischt sich ein englischer Akzent und manchmal fällt ihm das englische Wort vor dem deutschen ein. Das alles würde gut zum Manager eines Grosskonzerns passen, der, um des Geschäfts willen, die Welt zu seinem Dorf gemacht hat. Doch Herren hat eine ganz andere Vision: «Wir können die Welt mit einer ökologischen Landwirtschaft ganz ohne Agrochemie ernähren», ist er überzeugt.
Niemand käme auf die Idee, in dem smarten, gut gekleideten 61-Jährigen einen der bedeutendsten Wissenschaftler im Bereich der biologischen Schädlingsbe-kämpfung zu vermuten. Schon während seines Studiums als Agraringenieur beschäftigte ihn der Lärchenwickler, ein gefrässiger Schmetterling, der sich im Raupenstadium von Lärchennadeln ernährt und damit dem Engadin in einem Zyklus von fünf bis acht Jahren einen verfrühten Herbst beschert. Nachhaltig schädigen kann der Lärchenwickler die Bäume damit nicht. Vielmehr hat sich zwischen dem kleinen Insekt, das vor Jahrhunderten ins Engadin eingewandert war, und seinem Wirtsbaum ein Gleichgewicht entwickelt, das dem Wald als Ganzes sogar Vorteile bringt: Durch die verfrühte Auslichtung erhalten Bodenpflanzen einen stärkenden Wachstumsschub.
Nach weiteren Studien in Kalifornien ging Herren 1979 nach Afrika. Weshalb? «Weil ich nicht in die Schweiz zurück wollte; was hätte ich damals als Spezialist für biologische Schädlingsbekämpfung dort tun sollen?», sagt er. «Als in Nigeria eine Stelle frei wurde, habe ich mich spontan bewor-ben – so fing alles an.»
Herren, während zehn Jahren Leiter des Institutes für Insektenforschung in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, hat mit seiner Forschungs- und Entwicklungs-arbeit Afrika von einer der schlimmsten neuzeitlichen Plagen befreit: der Maniok-Schmierlaus.
Maniok, von den Portugiesen um das Jahr 1800 herum aus Lateinamerika nach Afrika gebracht, ist das Brot der Ärmsten auf dem Kontinent. Für 200 Millionen Menschen sind die Wurzelknollen die wichtigste Nahrungsquelle. Um so schlim-mer waren die epidemisch auftretenden Schmierlausplagen, die für grosse Ernte-ausfälle sorgten. Kein Kraut und keine Chemikalie schien gegen das winzige Insekt gewachsen zu sein. Bis sich ein junger Forscher aus der Schweiz Anfang der 1980er-Jahre in Lateinamerika auf die Suche machte nach den natürlichen Feinden des Schädlings mit dem Ziel, diese später in Afrika auszusetzen.
Zurück zu den Wurzeln
In gewissem Sinn war die Beschäftigung mit der Wurzelknolle für Herren eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Sein Vater hatte früher im Fruchtwechsel einen Ackerbaubetrieb mit Tabak als Hauptpflanze bewirtschaftet. «Heute würde man von einem Biobauernhof sprechen», sagt Herren. Schädlingsbekämpfung habe man durch die Förderung von Nützlingen betrieben, gedüngt worden sei mit dem Unterpflügen des Klees, der nach der Tabakernte als Bodenbedecker diente. In den 50er-Jahren kamen vermehrt Vertreter von Firmen vorbei, die Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger an-priesen. Herrens Vater schenkte den Verheissungen von mehr Ertrag bei weniger Arbeitsaufwand Glauben. Die Realität war eine andere. Der Kreislauf und die Kräfte der Natur, die zuvor das Tun und Lassen auf dem Hof bestimmt hatten, wurden mehr und mehr abgelöst von den künstlichen Hilfsmitteln aus den Labors der Agrarchemiekonzerne. Herren schaudert es noch heute, wenn er sich erinnert, wie er als Jugendlicher ohne jeden Schutz Schädlingsbekämpfungsmittel auf den Feldern verspritzte, die erst viele Jahre später wegen ihrer verheerenden Nebenwirkungen geächtet wurden.
Was damals auf den Unterwalliser Äckern geschah, wiederholt sich heute in vielen Entwicklungsländern. «Die Agrochemie verkauft ihre Errungenschaften bis ins kleinste Dorf», sagt Herren. «Was ich dabei am allermeisten vermisse, ist der Blick aufs Ganze und eine langfristige Perspektive; es wird nur Stückwerk geleistet.» Es gehe eben nicht nur darum, so der Agraringenieur, eine Hochleistungs-Maissorte einzuführen oder ein Pestizid, das gegen den zu Recht gefürchteten Stängelbohrer wirksam sei – von genveränderten Maispflanzen ganz zu schweigen. Das funktioniere nicht, und das müsste man gerade in Afrika eigentlich schon seit Jahrzehnten wissen.
Die Natur zu Hilfe genommen
Dass es anders geht, hat Herren als Forscher eindrücklich bewiesen. Was kein Agrarchemiekonzern zustande gebracht hatte, gelang ihm binnen weniger Jahre: die Schaffung eines natürlichen Gleichgewichtes zwischen Maniok-Schmierlaus und ihrem grössten Feind, einer Schlupfwespe, die er nach langer Suche durch ganz Lateinamerika in Paraguay aufspürte und, nach ausgiebigen Tests in einem Treibhaus in London, schliesslich in Afrika einführte.
Das sei ein heikles Unterfangen gewesen, erinnert sich Herren. «Wir mussten ausschliessen, dass wir uns mit der Einführung der Schlupfwespe ein neues Problem einhandelten.» Die Wissenschaftler mussten sicherstellen, dass sich die Wespe in der neuen Umgebung nicht unkontrolliert vermehren konnte und selber zum Schädling werden würde. Die Versuche zeigten schliesslich, dass die Schlupfwespe ohne die Maniok-Schmierlaus gar nicht überleben kann, sondern, ähnlich wie der Engadiner Lärchenwickler, in einem Gleichgewicht lebt, das bei wilden Maniokpflanzen in Lateinamerika seit Urzeiten eingespielt ist.
Ausgerottet ist die Maniok-Schmierlaus in Afrika mit der Einführung ihres grössten Feindes allerdings nicht. «Das ist auch nicht das Ziel der biologischen Schädlingsbekämpfung», sagt Herren. «Aber die Schlupfwespen sorgen dafür, dass die Schädlinge sich nicht über Gebühr vermehren können. Umgekehrt können auch die Schlupfwespen sich nur bis zu einem bestimmten Grad aus-breiten – solange es die Schmierläuse gibt.» Das ist eine elegante, intelligente, der Natur nachempfunden und erst noch kostengünstige Lösung, für die Hans Rudolf Herren 1995 als erster Schweizer mit dem Welternährungspreis der Uno ausgezeichnet wurde.
Mit Überzeugungsarbeit gegen Agromultis
Mit dem Preisgeld gründete er 1998 die Stiftung Biovision, die die Verbreitung, Umsetzung und Anwendung von ökologischen und wissenschaftlich fundierten Methoden fördert, die der Armutsbekämpfung dienen und die Lebensgrundlagen in Afrika nachhaltig verbessern sollen. «In jahrelanger Forschungsarbeit haben wir eine Anbaumethode für Mais entwickelt, die, neben hohen Erträgen, auch einen sehr guten Schutz vor dem gefürchteten Stängelbohrer garantiert», erzählt Herren. Die Methode verhindere zudem die Auslaugung der Böden und die Erosion. «Das System besteht letztlich aus einer Kombination verschiedener Pflanzen, die einander ideal ergänzen», sagt er. Diese sogenannte Push-Pull-Methode bewähre sich bei verschiedenen Projekten in Ostafrika, vorausgesetzt, die beteiligten Landwirte seien entsprechend instruiert. «Dazu braucht es kein spezielles Fachwissen», so Herren.
«Das eigentliche Problem ist die grossflächige Umsetzung. Das ist im Rahmen einzelner Projekte nicht zu schaffen, auch wenn die Erfolge beeindruckend sind. Doch was nützt das, wenn der weitere Rahmen fehlt? Der Zugang zum Saatgut, zum nächsten Markt, zu einem Kredit, zum Landbesitz, den ich belehnen könnte?» Das seien die Dinge, die ihn heute bewegten, sagt Herren. «Die Staaten müssen den Rahmen schaffen, in dem sich innovative Ideen wie die von uns entwickelte Push-Pull-Methode breit umsetzen lassen.»
Der nächste Karriereschritt Herrens erklärt sich aus dieser Erkenntnis heraus. Seit 2006 ist er Präsident des Millennium-Institutes. «Mir geht es darum, die vorliegenden Forschungserkenntnisse nicht nur von unten, mit Projekten, sondern auch von oben, mit Überzeugungsarbeit bei Regierungen und internationalen Organisationen, in die Praxis umzusetzen. Das erfordert ein langfristiges Denken und Planen.» Geld und grossen Einfluss habe er nicht, sagt Herren. «Wir leisten Überzeugungsarbeit und setzen darauf, dass unsere Argumente stärker sind.» Auf der anderen Seite stehen die Lobbyisten der mächtigen Agrarindustrie und -chemie. «Wir möchten den Menschen nicht einfach eine Ware verkaufen, sondern sie befähigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen», sagt der Agraringenieur. Das gelte letztlich auch für die Entscheidungsträger in diesen Ländern. Nur so käme Afrika aus der Sackgasse.
Kalifornischer Wein zum Schluss
Von 1979 bis 2006 hat Herren in Afrika gelebt. «In all diesen Jahren hat sich trotz aufwendiger Entwicklungszusammenarbeit nichts Entscheidendes bewegt», bilanziert Herren. «Die grüne Revolution hat sich in Afrika nie umsetzen lassen, weil dort nie in die begleitenden Massnahmen investiert worden ist, vom Fachwissen bis zur Erschliessungsstrasse.» Darum gehe es heute: eine langfristige Perspektive für den ganzen Kontinent. In Afrika lebe die überwiegende Mehrheit der Menschen auf dem Land von einer kleinräumig strukturierten Landwirtschaft. «Und dort müssen wir ansetzen, wenn wir Afrika voranbringen wollen.»
Die Jahre auf dem Schwarzen Kontinent haben Herren geprägt. «Dort sind meine Kinder aufgewachsen und in Afrika habe ich einen grossen Freundeskreis.» Das binde und es motiviere auch, sich weiter zu engagieren für diesen Kontinent. «Aber ich war und bin in Afrika auch immer der Ausländer, ich bin in all den Jahren nicht zum Afrikaner geworden, auch wenn ich für mich in Anspruch nehmen darf, nicht nur für die Realisierung des einen oder anderen Projektes, sondern während eines ganzen Forscherlebens vor Ort gewesen zu sein.» Und doch, wenn er sich unter die Entwicklungshelfer mische, die guten Willens und für eine befristete Zeit nach Afrika reisten, um die Zustände zu verbessern, dann befielen ihn noch heute manchmal Zweifel, was das Ganze solle. Damit wolle er nicht einem Rückzug aus Afrika das Wort reden. «Aber es ist höchste Zeit, Lehren aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zu ziehen.»
Wie lange sich Herren noch engagieren will, lässt er offen. Derzeit ist er damit beschäftigt, den Sitz des Millennium-Institutes von Washington nach Riga, der Hauptstadt Lettlands, zu übersiedeln. Und wo möchte der nach eigenen Aussagen zum überzeugten Weltbürger gewordene Herren seinen Lebensabend verbringen? «Ich habe in Kalifornien einen kleinen Rebberg. Das könnte der Ort sein, an den ich mich zurückziehe, wenn ich meine Mission erfüllt habe.»
Bilder: Biovision
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