Der Baron
Die Wanderung über die Bassa del Barone ist anspruchsvoll. Doch wer auf dem erhabenen Pass steht, für den sind alle Mühen vergessen.

Das Val Verzasca ist nicht nur eines der archetypischsten Täler des Tessins – mit kleinen Dörfern, die an abschüssigen Berghängen kleben, alten Bogenbrücken, die sich über das felsige Bachbett schwingen und undurchdringlichen Wäldern, die sich die steilen Bergflanken hochziehen. Es ist auch so etwas wie das Herz des Tessins. Denn es ist das einzige Tal im Kanton, das nicht an andere Kantone oder gar andere Länder grenzt. Es gibt verschiedene Wege, um in dieses Herz des Tessins zu gelangen, vielleicht der spannendste betritt das Tal an seinem nördlichsten Ende, auf der Bassa del Barone, und zugleich beim höchsten Berg des Tales. Die anspruchsvolle Tour beginnt im hübschen Chironico, einem der glücklicheren Dörfer in der Leventina, das behäbig auf einer kleinen, sonnendurchfluteten Terrasse sitzt, gerade hoch genug, um nicht vom Lärm der Autobahn berührt zu werden.
Schon lange war diese kleine Hochebene besiedelt, wird doch «Cuirono» bereits im Jahr 1202 erwähnt. Die Terrasse selbst wurde zumindest teilweise durch einen Bergsturz an der gegenüberliegenden Talseite gebildet, der so mächtig gewesen sein muss, dass er einen grossen Teil des Gerölls auf der westlichen Talseite deponierte.
Pièce de Résistance
Vom Dorf führt die Wanderung zuerst etwa zwei Kilometer auf einer Asphaltstrasse ins hintere Val Chironico, an den Fuss eines felsigen Halbrunds, das den Talabschluss bildet. Nach einem kräftigen Regen oder während der Schneeschmelze stürzen hier mehrere Wasserfälle über die Felsstufen in die Tiefe. Noch lange begleitet einen das Donnern und Zischen, während man sich auf einem alten, steingepflästerten Weg in die Höhe schraubt. Nach etwa 700 Höhenmetern erreicht man das malerische Dörfchen Cala. Ganz überraschend taucht es in der Mitte ausgedehnter Wiesen auf, überragt von einer weiss leuchtenden kleinen Kirche. Ob Dorf dabei der richtige Ausdruck ist, ist nicht gewiss, denn es ist nicht bekannt, ob es sich bei Cala wie auch bei den anderen Aussenposten Doro, Olina, Osadigo und Chiesso um Dörfer im eigentlichen Sinne handelt oder lediglich um Maggenghi, Maiensässe. Die Bergsiedlungen, mit Kapellen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, waren früher während eines Grossteils des Jahres bewohnt, im Mittelalter vielleicht sogar durchgehend. Heute werden viele der Gebäude als Ferien-Rustici benutzt.
Auf fast 2000 Metern erreicht man schliesslich das Rifugio Sponda, ein stattlicher Bau und eine komfortable Unterkunft für die Nacht. Im unteren Teil gibt es zwei Aufenthaltsräume mit je einer vorbildlich ausgestatteten Küche mit Gasherd – es ist eine Selbstkocherhütte –, dazu eine grosse Terrasse, im oberen Stock befinden sich die Schlafräume. Wer erst um die Mittagszeit in Chironico startet, wird mit Vorteil hier übernachten, da die nächste Etappe zum Rifugio Barone lang und auch recht anstrengend ist. Der Aufstieg zur Bassa del Barone ist zweifellos das Kernstück dieser Passwanderung und auch die Pièce de résistance. Was hat man zu erwarten? Bis auf eine Höhe von etwa 2200 Metern ist der meist gut sichtbare und unschwierige Weg sehr häufig markiert, auch wenn die Markierungen teilweise etwas in die Jahre gekommen sind. Dann aber werden die Markierungen unvermittelt sehr rar, und zusätzlich kämpft man sich nun auch durch grobes Blockgeröll vorwärts. Vorsicht ist hier auf jeden Fall geboten, wird die Geröllhalde doch auch zunehmend steiler. Mit einem guten Auge sind aber alle paar hundert Meter einige grosse Markierungen auszumachen. Die Geröll- und Schutthalde endet oben am Fuss einer Felswand. Hier sollte man auf eine runde rot-weisse Markierung achten, denn diese weist den Einstieg in die abschliessende Traverse zum Pass. Bei dieser Markierung hat man es fast geschafft, denn nun führt der Weg nur noch etwa 50 Meter über und durch einige stabilere Felsen auf den Pass. Auch wenn es kaum vier Kilometer vom Rifugio Sponda auf den Pass sind, sollte man doch etwa drei Stunden dafür einplanen.
Was für ein Gefühl!
Die Bassa del Barone – was für ein Pass! Anstrengend und anspruchsvoll war der Aufstieg, doch was für ein Gefühl, hier oben zu sein! Sich hinsetzen und geniessen ist angesagt. Im Osten glitzert das eisbedeckte Rheinwaldhorn, im Westen leuchtet die Pyramidenkette der Mischabel, nordwärts setzt sich der schmale, zerschrundene Grat bis zum Pizzo Barone fort und tief, wirklich tief unten funkelt das Blau des Lago Barone. Der Abstieg auf der Südseite des Passes ist zwar ebenfalls steil, aber wesentlich einfacher als die Nordseite, und ein relativ guter Weg führt hinunter zum Lago Barone, einem der höchstgelegenen Bergseen des Kantons. Bei seiner überaus malerischen Lage am Fuss des Pizzo Barone kann man kaum widerstehen, hier gleich nochmals eine längere Pause einzuschalten und im weichen Gras neben einem mächtigen Felsbrocken etwas zu dösen.
Etwa eine halbe Stunde Wegzeit unterhalb des Sees liegt auf einer kleinen Terrasse auf 2172 Metern Höhe das Rifugio Barone. Es wurde vor einigen Jahren um einen Neubau erweitert, der geschickt mit der alten Hütte verbunden ist. Im lichtdurchfluteten, liebevoll geschmückten Aufenthaltsraum gibt es eine gut eingerichtete Küche mit Gasherd, schlafen kann man wahlweise im grossen Lager im ersten Stock oder im alten Gebäude in einem dreistöckigen Lager. Also Schlafsack ausbreiten, Socken zum Trocknen auslegen, ein Bier kaufen und dann entspannt vor der Hütte sitzen und die Abendsonne geniessen.
Ins Herz des Tessins
Der Aufstieg auf den Pass führt über Geröll und eine steile, rutschige Schutthalde, die geübten Bergwanderern vorbehalten ist.
Gesamte Strecke: 23,5 Kilometer, 1920 Meter Aufstieg, 1790 Meter Abstieg
Schwierigkeit: T3 (anspruchsvolles Bergwandern) bis T4 (Alpinwandern)
Anfahrt: Mit dem Zug bis Faido und weiter mit dem Postauto nach Chironico.
Die folgenden drei Etappen können zu zwei Tagestouren kombiniert werden.
1. Etappe: Vom Dorf 2 Kilometer auf der Asphaltstrasse nach Westen und dann auf einem gut ausgebauten Weg den steilen Hang hinauf nach Cala. Von hier in den Talhintergrund und dann rechts (nördlich) hinauf zum Rifugio Sponda SAT. 8,1 km, 1310 m Aufstieg, 100 m Abstieg, 4 Stunden, T2.
2. Etappe: Vom Rifugio in den Talhintergrund. Nach Überquerung des Baches nun immer steiler ansteigend über Felsen, grobes Geröll und Schutt Richtung Pass. Die Markierungen sind recht spärlich. Schon von weitem ist aber etwas links und unterhalb des Passes eine rot-weisse Markierung am Fels auszumachen, die man möglichst früh suchen sollte. Auf der Westseite hinab zum Lago Barone und über Alpwiesen zum Rifugio Barone. 5,5 km, 610 m Aufstieg, 440 m Abstieg, 3 ¾ Stunden, T3 bis T4.
3. Etappe: Vom Rifugio auf problemlosem Weg über Alpweiden hinab nach Corte di Fondo und durch das Val Vegornèss nach Cabioi. Auf einer teilweise asphaltierten Strasse nach Sonogno. 9,9 km, 1250 m Abstieg, 3 ¼ Stunden, T2.
Endpunkt: Sonogno. Von dort mit dem Postauto zum Bahnhof in Tenero.
Hütten zum Übernachten
• Rifugio Alpe Sponda: unbewartet, Telefon 091 864 23 52, www.capanneti.ch
• Rifugio Barone: Lager, unbewartet, geöffnet Juni bis Oktober, kein Telefon, Reservationen 091 745 28 87, www.verzasca.ch/sev, www.capanneti.ch
Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1272 P. Campo Tencia und 1273 Biasca
Urmittelmeer im Tessin
Ursprüngliche, ungehobelte Tessiner Bergwelt umgibt das Rifugio hier ganz hinten im Val Vegornèss. Wild und ungezähmt. Tief unten, bereits im Schatten, Steilhänge und rohe Felsplatten, gesäumt von Grünerlengebüsch, darüber eine flachere Terrasse, grüner, aber noch immer übersät mit Fels und Geröll, etwas weiter oben an der besten Lage eine kleine Alphütte, dann ein Band aus Schutt und Geröll und schliesslich im letzten Abendlicht, Schulter an Schulter aneinandergestellt, die drei Dome des Piz Campala, des Madas und der Corona di Redòrta, ihre Flanken durchzogen von Rippen, Schrunden und Höckern.
Wer nicht ganz ausser Atem war, dem sind wohl bereits beim Aufstieg zur Bassa del Barone die wunderschönen Muster in den frisch gespaltenen Felsbrocken aufgefallen, mit unendlichen Variationen von Schieferungen, Fältelungen und Striemen. Das ganze Val Vegornèss liegt geologisch im Bereich der Simanodecke. Diese Gesteine stammen ursprünglich vom zentralen und tiefsten Bereich des Urmittelmeers, das sich einst zwischen Europa und Afrika ausdehnte.
Bei der Alpenfaltung wurden dann nicht nur die Meeressedimente, sondern gleich auch der noch ältere Meeresboden mit angehoben. Die Gesteine der Simanodecke lagen nicht nur weit unten in einer fast zwanzig Kilometer dicken Gesteinsplatte, sie wurden auch noch von anderen, nämlich den ostalpinen, Decken überlagert und gleichzeitig durch die nordwärts drängende afrikanische Platte gequetscht. Unter dem gewaltigen Druck heizten sie sich auf und wurden regelrecht verquirlt, was die mannigfaltigen Schichtstrukturen erklärt. Heute findet man um den Piz Barone und den Madas Zweiglimmergneise und feldspatreiche Paragneise, im Val Chironico und auch an der Corona di Redòrta Glimmerschiefer und Gneise.
Der Abstieg vom Rifugio Barone nach Sonogno verläuft auf einem guten, einfachen Weg. Unterhalb von Corte di Fondo führt er durch einen lockeren Lärchenwald. Auf einer Höhe von etwa 1200 Metern, oberhalb von Ganne, erreicht man eine Reihe interessanter Wasserfälle. Hier schiessen die Wasser der Verzasca zuerst aus einem engen, gewundenen Felsschlitz, perlen dann als viele Meter breiter Vorhang über eine schräge, rauhe Felsplatte und stürzen sich schliesslich als kompakter Strahl über ein Dutzend Meter in ein türkisblaues Becken. Zum Baden eignet sich dieser Abschnitt weniger – aber weiter unten, wo die Verzasca dann gemächlich durch das steinige Bachbett gurgelt, kommt man an vielen einladenden, kleinen «Badewannen» vorbei.
Nach einer kurzen Durststrecke auf Asphalt erreicht man schliesslich Sonogno. Ein Rundgang durch das schmucke Dorf lohnt sich auf jeden Fall. Überragt wird die Siedlung von der «nuova chiesa», der neuen Kirche. Neu heisst sie, da sie erst 1854 erbaut wurde. Vorher stand hier eine alte Kirche, die aber den Gläubigen nicht mehr genügend Platz bot. 1852 wurde beschlossen, mit einem Budget von Fr. 19 588.17 eine neue Kirche zu bauen. Diese tiefen Kosten waren nur dank viel unbezahlter Arbeit der Einheimischen möglich. Im Dorf befindet sich auch der älteste Brotbackofen des Tessins. Besonders lohnenswert ist ein Besuch des Museo di Val Verzasca, in dem alte Geräte ausgestellt sind, die in Küche, Garten, Feld und Wald gebraucht wurden (geöffnet täglich 1. Mai bis 31. Oktober, 13 bis 17 Uhr).
Foto: © Heinz Staffelbach
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