Den Schmerz wegdrücken

Anja Speitel | Ausgabe_04/2017

Die Bedeutung der Muskulatur für unser Wohlbefinden wird oft unterschätzt. Es können ernsthafte körperliche und seelische Probleme entstehen.

@ zvg

Muskulatur im Fokus. Sabrina Schmid (Name geändert) hatte chronische Schmerzen. Eine Kollegin berichtete ihr von der Myoreflextherapie. «Ich hatte noch nie davon gehört, recherchierte im Internet und fand heraus, dass der deutsche Begründer dieser Therapie auch regelmässig in der Schweiz bei Paramed in Baar praktiziert. Also machte ich einen Termin aus», erzählt Schmid. Im Dezember 2015 behandelte der geistige Vater der Myoreflextherapie, Kurt Mosetter, Schmid das erste Mal. Seitdem lässt sie ihn alle sechs Wochen Hand an ihren Körper legen. «Das tut mir so gut!», sagt sie. «Schon nach der ersten Behandlung konnte ich meinen Kopf wieder besser drehen. Meine Beweglichkeit kehrte Schritt für Schritt zurück, und seit rund vier Monaten fühle ich mich wieder gesund.»

Kurt Mosetter begründete die Myoreflextherapie um 1990. Paten standen eine Vielzahl unterschiedlicher Erkenntnisse und Wissenschaften. Im Zentrum der neuen Methode stehen das Muskelsystem und die funktionelle Anatomie des Bewegungsapparats. «Im Körper gibt es ganz viele muskuläre Kraftlinien, die uns ausrichten – wie die Fäden bei einer Marionette», erklärt Mosetter. Jeder Muskel habe einen Gegenspieler. Arbeite der eine aktiv, müsse sein Gegenspieler loslassen.

Doch der moderne Lebensstil störe diese Balance: «Wer den ganzen Tag sitzt, belastet in erster Linie Bauchmuskeln und Hüftbeuger, die sich dadurch verkürzen. Gegen diesen Zug müssen dann die Muskel-Gegenspieler im Rücken ständig arbeiten, damit wir nicht nach vorne kippen. Daraus resultieren Rückenschmerzen oder gar ein Bandscheibenvorfall», so Mosetter. «Der Rücken ist aber nicht Ursache dafür. Deshalb behandeln wir vorne.» Per Druck oder mit Akupunkturnadeln werden Bewegungsreize an den Muskelansätzen der Bauchmuskeln und Hüftbeuger gesetzt. Diese Stimulation bewirkt laut Mosetter, dass der Organismus auf vorhandene Dysbalancen aufmerksam wird und entsprechende Regulationen in Gang setzt. «Die Balance zwischen den Muskeln – also die ursprüngliche Ausgewogenheit der Kräftewirkungen im Körper – stellt sich so wieder ein.» Dadurch würden auch Gelenke und Weichteilstrukturen entlastet. Schmerzen durch chronische Fehlbelastungen könnten sich wieder lösen und verschwinden, weil der Organismus zu seiner natürlichen Anatomie des Bewegungssystems zurückfinde.

Kurt Mosetters Bewegungstipps für intakte Muskeln
Um die Muskulatur bis ins hohe Alter stark und geschmeidig zu halten und so die allgemeine Gesundheit zu fördern, empfiehlt Kurt Mosetter:
• Täglich mindestens 30, besser 60 Minuten Bewegung.
• Ältere Menschen sollten täglich direkt nach dem Aufstehen KiD-Übungen machen und sie vor dem Zubettgehen nochmals wiederholen (siehe youtube.com).
• Nach 30 Minuten Spaziergang oder walken zwei bis drei aktive Dehnungsübungen machen.
• Wer rund eine Stunde joggen geht, sollte zwischendurch immer mal wieder anhalten und aktiv dehnen. Nach dem Training ebenfalls zwei bis drei KiD-Übungen machen.

Körper aus dem Lot. Neben sämtlichen Erkrankungen des Bewegungsapparats wie etwa Arthrose, Gelenkblockaden, Skoliose oder Bandscheibenvorfall ist die Myoreflextherapie laut ihrem Begründer auch bei seelischen Belastungen wie chronischem Stress, Burn-out oder Depression besonders gut geeignet. Auch funktionelle Organstörungen, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder Atembeschwerden wie Asthma können mit dieser Therapie gelindert werden, so Mosetter. Darüber hinaus behandelt er auch Schwindel, Migräne und anderen Kopfschmerz, Sehstörungen, Tinnitus, Kiefergelenkstörungen und sogar Multiple Sklerose mit Myoreflex. «Mein Vater war an MS erkrank», berichtet er. «Nach Jahren im Rollstuhl konnte er durch intensive Myoreflextherapie und die Regulation seines Stoffwechsels wieder gehen.»

«Fett ist guter Treibstoff»
Was kann man neben ausreichend Bewegung und aktiver Dehnung noch Gutes tun für die Muskeln?
Die Ernährung spielt auch eine wichtige Rolle. Es gibt guten und schlechten Treibstoff für die Muskeln. Das «Kerosin» entsteht bei der Fettverbrennung – je mehr Fett verbrennt, desto besser werden die Muskeln ernährt. Weil er die Fettverbrennung verhindert, ist Zucker besonders schlecht. Wir essen aber viel zu viel Zucker! Diese Ernährung macht uns krank.
Welche Lebensmittel sind besonders wertvoll?
Viel Gemüse und gutes Getreide wie Amaranth, Quinoa, Hirse und schwarzer Reis. Dazu Biofleisch und -eier sowie Fisch. Der Supertreibstoff sind wertvolle Fette, vor allem Omega 3. Viel davon steckt z. B. in Walnüssen, Hanföl oder Chia-Samen. Bei Früchten sollte man solche mit wenig Zucker bevorzugen wie Beeren, Aprikosen, Papaya, Ananas, Honigmelone und Rhabarber. Denn Fett macht nicht fett. Zucker macht fett.
Gibt es besonders wichtige Vitamine?
Vitamin D! Jeder Patient, der unter Schmerzen leidet, sollte seine Vitamin D- und Omega 3-Spiegel bestimmen lassen. Sind diese zu niedrig, sollten sie individualisiert supplementiert werden. So liesse sich vieles wieder ins Lot bringen.
Wie nehme ich Vitamin D auf, ohne Tabletten schlucken zu müssen?
Vitamin D kann der Körper bei Sonneneinstrahlung selbst bilden. Wer keine Beschwerden hat, für den reicht es, täglich 20 Minuten Sonne zu tanken, um die Vitamin D-Speicher aufzufüllen. Dazu müssen zumindest Gesicht und Arme ungeschützt den Sonnenstrahlen ausgesetzt werden. Sonnencreme verhindert übrigens, dass Vitamin D in der Haut produziert wird.

Zur Person
Kurt Mosetter ist Arzt und Heilpraktiker. Über die Integration angewandter Biochemie und Neurobiologie begründete er das Konzept der Neuromyologie und die Myroreflextherapie. Er ist Leiter des ZiT – Zentrum für interdisziplinäre Therapien (Gutach, Herrenberg, Konstanz, Freiburg) und konsiliarisch bei der Paramed tätig. www.paramed.ch

Druck und Dehnung. Eine Myoreflex-Sitzung dauert eine halbe Stunde. Die Muskelansätze, die dabei behandelt werden, sind auch als Triggerpunkte bekannt. «Am Anfang tat die Behandlung extrem weh», erinnert sich Schmid. «Aber je länger Dr. Mosetter drückt, desto mehr verschwindet der Schmerz – auch jener, der in entfernte Körperregionen ausstrahlt.» Ausserdem spielt das Dehnen der verspannten und verkürzten Muskulatur in der Therapie eine besondere Rolle: «Die Dehnung sollte aktiv sein, also geschehen, wenn der Muskel aufgedehnt ist, also noch ein wenig Kraft entwickelt», betont Mosetter. «So reguliert und löst sich der verkürzte Muskel.»

Die von dem Arzt entwickelten «Kraft in der Dehnung»- Übungen («KiD») sollten Patienten täglich durchführen. Sie bekommen ein Übungsblatt, es gibt aber auch Bücher und viele Videos auf YouTube, die man unter dem Stichwort «Myoreflex» abrufen kann. «KiD-Übungen sind ein Längentraining für die Muskeln», fasst Mosetter zusammen. «Täglich zweimal zwei bis fünf Minuten reichen schon aus, um den Muskeln viel Gutes zu tun – und damit die gesamte Gesundheit zu fördern.»

Wundermaschine Muskeln. Die Wichtigkeit einer kräftigen und gleichzeitig geschmeidigen Muskulatur wird nach Ansicht des Mediziners vollkommen unterschätzt. «Unsere Muskeln sind eine Wundermaschine: Sie produzieren über hundert Hormone und Botenstoffe, die z. B. antientzündlich, schmerzhemmend und blutdrucksenkend wirken», weiss Mosetter. «Sie helfen sogar, dass neue Nervenzellen wachsen! So kam mein Vater wieder aus dem Rollstuhl. Sind die Muskeln in Balance, kann sich der Organismus selbst reparieren. » Deshalb lautet Mosetters dringendste Botschaft: «Mehr bewegen! Jeden Tag mindestens 30, besser 60 Minuten.»

Buchtipps
• Kurt und Reiner Mosetter «Schneller schmerzfrei mit der KiD-Methode – Beweglich in Faszien und Muskeln», Patmos Verlag, 2016, Fr. 21.90
• Kurt und Reiner Mosetter «Wie der Rücken die Seele und die Seele den Rücken heilt: Die Psychologie der Muskeln. Mit hochwirksamen Faszien-Übungen», Arkana Verlag, 2015, Fr. 28.90

Fotos: zvg

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