Das Wissen vom Heilen

Gabriele Feyeler | Ausgabe_05/2017

Tibet ist das Land einer eigenständigen Heilkunde. Buddhistische Weisheiten und jahrtausende altes Heilwissen fliessen zu einer Medizin zusammen, die auch westliche Krankheiten heilen kann.

@ mauritius-images.com

Alte Medizinsysteme dürfen als Weltkulturerbe gelten; so auch die rund 3000 Jahre alte, eng mit dem Buddhismus verbundene Traditionelle Tibetische Medizin (TTM). Der tibetische Ausdruck für die eigene Medizin lautet «Sowa-Rigpa»: das Wissen vom Heilen. Es ist eine Konstitutionslehre, die weit über Tibet hinaus praktiziert wird: in China, Indien, Bhutan, der Mongolei sowie Teilen Sibiriens und Nepals. Historisch gewachsen, enthält sie Elemente der alten schamanischen Bön-Medizin, des indischen Ayurveda, der traditionellen chinesischen, ja sogar der persischen und altgriechischen Medizin. Das gesammelte Wissen wurde im «Gyüschi», den sogenannten Vier Tantras aus dem 12. Jahrhundert, vereint. Dieses Werk dient bis heute als Grundlage für die Ausbildung eines traditionell-tibetischen Arztes, genannt Menpa oder Amchi.

Die 5-Elemente-Lehre ist ein Eckpunkt der TTM. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum werden als «Elemente» bezeichnet. Dies natürlich nicht nach unserem modernen westlichen Verständnis. Die Lehre entspringt vielmehr der bildhaften Sprache asiatischer Länder. Nach kosmischen Regeln gilt: Wie im Grossen, so im Kleinen – Makro- und Mikrokosmos bedingen und beeinflussen einander. Aus dieser ganzheitlichen Sicht heraus ist jede traditionelle Medizin eine ganzheitliche Medizin, die immer das Gesamte im Blick hat – nie bloss irgendein Symptom.

Krankheit entsteht durch ein Ungleichgewicht im dynamischen «System Mensch»; Heilung geschieht durch Wiederherstellung der Harmonie. Die genannten fünf Elemente manifestieren sich im Organismus durch drei Energieprinzipien. In der TTM sind das rLung («Wind»), Tripa («Galle») und Beken («Schleim»). Diese Ausdrücke sind ebenfalls bildhaft zu verstehen. rLung steht für Unruhe und Bewegung, Tripa für Hitze oder Aufruhr und Beken (auch Badkan) für eine kühlende Situation, die aber im negativen Stillstand enden kann. Je nachdem, wie eine Therapie – speziell die vielen ausgefeilten Kräuterrezepturen – auf den kranken Organismus einwirkt, wird damit ein Ausgleich in Richtung Harmonie und Gesundheit hergestellt.

Unser Körper ist ein Fahrzeug zum gesunden Leben, doch auch Geist und Seele werden in der TTM nie ausser Acht gelassen. Den drei Energieprinzipien werden deshalb drei «Geistesgifte» zugeordnet, die dazu führen, dass sich Krankheit und Leiden überhaupt erst manifestieren. So vermehrt sich rLung durch Gier (etwa das verbissene Anhaften an Dingen, Menschen oder Situationen). Tripa steht für Hass (samt Zorn und Neid, die das Gemüt «erhitzen» und letztlich nur der Person selbst schaden). Beken und damit Trägheit entsteht durch Verblendung, d.h. eine Weltsicht, die das bequeme Ego in den Vordergrund stellt und nicht erkennt, dass alles der Vergänglichkeit unterliegt. Somit ist die letzte Ursache von Krankheit das Unwissen. Der bekannte Ausspruch «Du wirst, was du denkst», zeigt sich hier mehr als deutlich.

Traditionell-tibetische Ärzte «lesen» den Puls, das ist besonders beeindruckend. Es ist eine Kunst für sich: Sie unterscheiden 48 verschiedene Pulsqualitäten anhand von Berührung. Dazu kommen meist die Zungen- und Urindiagnose sowie eine Befragung der Kranken nach ihren Lebensgewohnheiten. Als Gastärzte stehen tibetische Amchis (in der Regel Mönche) auch im Westen fallweise zur Verfügung und lösen Erstaunen aus, angesichts der sicheren Einschätzung von verschiedensten Zuständen.

Insgesamt zeigt sich jede Disharmonie als Mangel oder Überschuss, ausgelöst durch innere und äussere Faktoren. Wird sie nicht im Anfangsstadium behoben, mündet das Ganze in einer Krankheit. Daher ist es nicht ideal, nur auf bestimmte Symptome einzugehen, wie in der Westmedizin üblich, sondern man muss – am besten schon im Vorfeld – die gesamte Lebensweise, die Ernährung, das Verhalten und Denken eines Menschen in Betracht ziehen. In jedem dieser Bereiche können Gründe zu finden sein, die eine echte Heilung behindern. Meist wirken sie unheilvoll zusammen.

Oft wird medienwirksam behauptet, die Rezepturen der TTM seien «geheim». Wahr ist jedoch, dass eine Liste mit Rezepturen schon vor Jahrzehnten über Russland und Polen bis in die Schweiz gelangt ist. In der Praxis müssen allerdings Qualität und Herstellung stimmen, was ein steiniger Weg sein kann. Diverse Kräuterrezepturen der TTM werden seit über 40 Jahren im Westen hergestellt und kritisch erforscht. Anders wäre es gar nicht möglich, sie für den regulären Markt zu nutzen. Ihre Zusammensetzung ist also keineswegs geheim.

Neben Diätempfehlungen und einigen äusseren Therapien (Moxibustion, Massagen usw.) sind Kräuterpillen das hauptsächliche Standbein der traditionellen tibetischen Heilkunde. Sie enthalten mindestens 3 bis 30 sogenannte «Juwelenpillen», oft sind es sogar weit über hundert verschiedene pflanzliche und oft auch mineralische Zutaten.

Diese von Experten der TTM wohlüberlegt komponierten Vielstoffgemische (englisch: multicompounds) lösen im Organismus eine Vielfalt von Impulsen und subtilen Vorgängen aus, die das Immunsystem aufbauen, die Selbstheilungskräfte aktivieren und bestimmte Organsysteme gezielt unterstützen. Durch eine hohe Anzahl synergistisch, also verzahnt wirkender Inhaltsstoffe unterstützen tibetische Pflanzenformeln optimal die sensiblen Netzwerke des Körpers. Synergie bedeutet im Idealfall, dass alles mit allem perfekt interagiert. Anders als bei synthetischen Medikamenten wirkt dieser naturbelassene pflanzliche «Input» häufig sogar dort positiv auf Organsysteme ein, wo man es nicht vermuten würde.

Hilfe für die Ärmsten
Tibet und Nepal gehören zu den Ländern mit der weltweit grössten Armut. Besonders trifft das Kinder, die bei Unfällen und Erdbeben ihre Eltern verloren haben. Die vor elf Jahren gegründete Stiftung «Sambhav Nepal Foundation» nimmt sich dieser Kinder an und betreibt in den ärmsten Dörfern im Westen Nepals Kinderheime und Schulen und sorgt für die medizinische und sanitarische Grundversorgung. «Sherpa Outdoor» und «natürlich» unterstützen diese Stiftung.
Weitere Infos unter: www.sherpaoutdoor.com und www.sambhavnepal.org

Diese Effekte sind mit westlicher Forschung seriös nachweisbar und somit gut einzuschätzen. Die erste im Westen nach Originalrezepten hergestellte Pflanzenformel «Padma 28» (als 28. Rezeptur der genannten Liste) überrascht immer wieder mit ihrer Breitenwirkung: Sie unterstützt das Herz-Kreislauf-System, wirkt antientzündlich un  antioxidativ, das heisst das Immunsystem stärkend; der Blutfluss im ganzen Körper wird angeregt, die Energien Lung, Tripa und Beken können ausgeglichen und zur Abwehr von Krankheiten neu harmonisiert werden. In einer anderen, speziell für das Verdauungssystem konzipierten Pflanzenmischung unterstützen zahlreiche Herb- und Bitterstoffe auf ideale Weise den Verdauungstrakt. Polyphenole und Flavonoide sorgen etwa für eine langsamere Aufnahme von Kohlenhydraten in den Körper, schützen damit auch vor einer Insulinresistenz und in der Folge vor Diabetes. Weitere Formeln wirken positiv auf das Nervensystem, pflegen Leber und Gallenwege oder helfen bei rheumatischen Beschwerden. Sogar für Grippe oder das lästige Sodbrennen hat die TTM pflanzliche Hilfe anzubieten, die nicht nur Symptome unterdrückt, sondern das Übel an der Wurzel packt. Es geht um ein ständiges Wechselspiel von Ursache und Wirkung, wie es schon von Natur aus in unserem Körper permanent abläuft. Was könnte hier effektiver eingreifen als eine Heilkunde, die dieses Netzwerk positiv befeuert?

Zur Person
Gabriele Feyerer, Juristin, freie Autorin und Journalistin, fühlte sich, inspiriert durch eine kräuterkundige Grossmutter, schon früh zur Naturheilkunde und zu Pflanzenwissen hingezogen. Sie schreibt Sachbücher über tibetische und indigene Medizin, Ernährungsthemen sowie Artikel für Gesundheitsmagazine und lebt in der Steiermark (A)

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