Das verkaufte Wunder

Marion Kaden | Ausgabe 8 - 2009

Mit Schwangerschaft und Geburt lässt sich viel Geld verdienen – nicht zuletzt deshalb steigt die Zahl der Kaiserschnitte stark an. Eine Rückbesinnung auf das natürliche Wunder der Geburt ist angebracht. Dafür plädiert die Hebamme Ursina Arnold.

Schwangerschaft und Geburt sind seit jeher die natürlichste Sache der Welt. In den Industrienationen jedoch scheint dieses Prinzip aus den Fugen geraten zu sein. «Viele Frauen haben grosse Angst vor der Geburt. Und wenn sie keine Angst haben, so wird ihnen diese bis zum Ende der Schwangerschaft schon beigebracht», sagt Ursina Arnold, Hebamme aus St. Gallen. Denn sowohl Schwangerschaft als auch Geburt sind Teil des  modernen, medizinischen Versorgungssystems geworden, das auf absolute  Kontrolle setzt.

Surftipps
Hier finden Sie Hilfe, Unterstützung und Adressen für eine möglichst natürliche Geburt:
Schweizerischer Hebammeverband
Interessengemeinschaft der Geburtshäuser der Schweiz
Paracelsus-Spital in Richterswil

Mut zur eigenen Kompetenz

Arnold emanzipierte sich im Laufe ihres 18-jährigen Berufslebens und suchte andere Wege. Heute ist sie frei praktizierend und arbeitet für ein Geburtshaus in Steinach SG. «Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass eine gesunde, schwangere Frau alle Fähigkeiten hat, die ständigen Veränderungen in ihrem Körper anzunehmen und ihr Kind angemessen zu versorgen», sagt sie. Ein wichtiger Bestandteil der Hebammenarbeit liege in Unterstützung der Schwangeren, denn Frauen bewältigten in einer Schwangerschaft so viele Veränderungen in körperlicher, emotionaler wie seelischer Hinsicht – und dass dabei manchmal Angst vor der Geburt entsteht, hält sie deshalb für menschlich.

Alles andere als eine Krankheit

Wichtig ist für Schwangere zu wissen, dass nicht jedes Leiden eine Störung ist und ein sofortiges Gegenmittel zur Beseitigung braucht. Viele Schwangerschaften werden zum Beispiel anfänglich von Übelkeit begleitet. «Übelkeit ist eine normale Anpassung des Körpers», sagt Arnold, «schliesslich ist das heranwachsende Kind etwas Fremdes im Körper der Frau, der das nicht so einfach hinnimmt». Die Frauen lernen, dass die Reaktionen ihres Körpers normal sind und als sinnvolles Zeichen akzeptiert werden können. Das Gleiche gilt für vorangeschrittene Schwangerschaften: Auftretendes Sodbrennen oder Verstopfung können hormonell oder durch Platzmangel bedingt sein. «Ein Kind ab dem sechsten Monat ist beispielsweise schon so gross, dass es gegen den Magen der Mutter drückt und dadurch Beschwerden verursachen kann.»

Weiterführende Artikel
«Garten der Lust»: Marion Kaden erzählt in ihrem Artikel über verschiedene Medthoden und Mittel, welche sich für lustvollen Sex und eine zuverlässige Verhütung eignen.
«Gebären - nichts ist natürlicher»
: «natürlich leben»-Chefredakteur Markus Kellenberger schreibt über die Natürheilkunde und deren Wege, um Mutter und Kind bei Schwangerschaftsbeschwerden oder Geburt, optimal zu unterstützen.

Ein weiteres Thema ist die Bewegung. Untersuchungen zeigen, dass Frauen durch regelmässigen Sport weniger Probleme in der Schwangerschaft und später bei der Geburt haben. «Yoga, Spazieren gehen, Velo fahren – sportliche Betätigungen sollten zu keiner Zeit vernachlässigt werden», bestätigt Arnold. Die Hebamme empfiehlt besonders regelmässiges Schwimmen, da es den Bewegungsapparat und die Venen entlastet. Der Wasserdruck bewirkt, dass Ödeme wieder aus dem Bindegewebe entfernt werden, was auch positiv für das Allgemeinbefinden ist. «Egal, wofür sich Frauen entscheiden, und auch wenn der Bauch noch so dick ist:  Bewegung tut gut», betont Arnold.

Zeit für den Nestbau

Im Verlauf der Schwangerschaft erfahren Frauen von selbst, was sie körperlich zu leisten vermögen. «Am besten lassen sie sich von ihren Bedürfnissen oder ihrer Intuition leiten», sagt Arnold. Sie beklagt, dass die Geburtsschmerzen der Frau, die Hilflosigkeit des Partners und die wachsende Angst, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, verunsicherte Eltern häufiger als nötig dazu bringe, einer sogenannten Periduralanästhesie oder einem Kaiserschnitt zuzustimmen. «Doch anstatt mehr Hebammen anzustellen, wird den medizinischen Inteventionen der Vorrang gegeben. Dabei hat sich längst erwiesen, dass eine dauerhafte Begleitung die Zahl der medizinisch geleiteten Geburten und damit die Kosten drastisch  senken könnte», kritisiert die Hebamme den allgemeinen Trend.

Keine Alternative: PDA
Als Alternative zu Kaiserschnitt und natürlicher Geburt wird Gebärenden oft auch eine Peridualanästhesie (PDA) empfohlen. Für diese Form der Lokalbetäubung wird im Bereich des Wirbelkanals zwischen dem 3. und 4. Rückenwirbel eine Nadel eingestochen. Anschliessend wird das Betäubungsmittel injiziert. Diese Anästhesie unterbricht die Schmerzleitung zum Gehirn, verhindert die aktive Beweglichkeit von Unterleib und Beinen, erhält jedoch das Bewusstsein.

2005 wurde eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit für das Cochrane Institute zur Verwendung von PDA bei etwa 6600 Gebärenden erstellt. Die britischen Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass PDA-Entbindungen im Durchschnitt länger dauern als natürliche Geburten. Zudem müssen die Kinder häufiger mit Geburtszange oder Saugglocke geholt werden, da die Frauen nicht mehr selbst pressen können. Auch die Nebenwirkungen sind nicht unerheblich: Es kommt bei einer PDA oft zu Blutdruckabfall, Übelkeit oder Schwindel.

Und dann ist das Kind da

«Genauso wichtig wie eine gut vorbereitete Geburt ist die Zeit des Wochenbetts», erklärt Arnold. Es ist eine intime Zeit, in der sich Mutter und Kind kennen lernen. «Kontraproduktiv sind die Wochenbetten in Vierbett-Zimmern von Kliniken», sagt Arnold. Weder die Wöchnerinnen noch die Babys kommen zur Ruhe, denn das Telefon klingelt ständig, Pflegende, Ärzte, Besucher kommen und gehen – «das ist eine totale Überforderung», sagt Arnold.

Alternative  – und ruhigere – Möglichkeiten bieten ambulante Geburten mit anschliessendem Wochenbett zu Hause und natürlich die Hausgeburt. Die intensive Betreuung übernimmt in dieser Zeit eine Hebamme. Auch in der Hospitalisation in sogenannten stillfreundlichen Kliniken und in Geburtshäusern in Einzel- oder Doppelzimmern sieht Arnold eine Option.

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