Das perfekte Ich
Auf der Suche nach dem adäquaten Lebensstil für eine bald Vierzigjährige erkennt Öko-Lisa ihr wahres Ich in der Unvollkommenheit.

Vier ist meine Lieblingszahl, schon immer gewesen, von Kindsbeinen an. Das wird sich auch nicht ändern, wenn ich demnächst eine Vier am Rücken trage. Dann bleiben mir immer noch 26 Jahre, bis das wahre Leben nach Udo Jürgens anfängt. Hoffentlich Zeit genug, um eine Antwort auf die vordringlichste aller Fragen zu finden, nämlich die, wer ich im Idealfall bin.
Die Verkörperung des Lohas, des Lifestyle of health and sustainability, vielleicht? Doch reichen das bisschen Mülltrennen und die Einkäufe auf dem Wochenmarkt tatsächlich aus, um mich unter die echten Lohasianer reihen zu dürfen? Mehr noch: Will ich überhaupt zu dieser Gruppe besserverdienender Bio- Fanatiker gehören, deren Ziel es ist, durch ihr Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit zu fördern, ohne auf etwas verzichten zu müssen? Kann man mit gutem Shopping wirklich die Welt verbessern, Unternehmen dazu bringen, dass sie fair und umweltbewusst handeln? Wäre es nicht sinnvoller, sich mehr auf sein Bürgersein als auf seinen Status als Konsument zu fokussieren? Sich politisch zu engagieren, gegebenenfalls auf der Strasse zu demonstrieren, statt unter dem Heizpilz sitzend Bio-Rindersteaks aus Argentinien zu verzehren?
Im Hamsterrad
Sollte ich mich nicht viel mehr einem radikalen Down-Shifting unterziehen? Zum Lovos konvertieren, einem Anhänger des Lifestyle of voluntary simplicity werden, der durch bewussten Konsumverzicht versucht, den Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein erfüllteres Leben zu führen? Weniger ist mehr. Warum wertvolle Lebenszeit durch übermaässiges Arbeiten gegen viel Geld eintauschen, um damit Dinge in seinen Besitz zu bringen, die man eh nicht braucht? Wie viele Paare Designerschuhe wiegen das bewusst wahrgenommene Zwitschern eines Vogels auf, den Anblick der aufgehenden Sonne, das Glitzern auf der Oberfläche eines Sees? Wie viele PS muss mein neuer Hybrid-Offroader wirklich haben, damit ich zügig von A nach B komme?
Zeit ist Geld – und Geld hält das Hamsterrad am Drehen. Die Frage nach der eigenen Identität spielt dabei die geringste Rolle. Wichtig ist, dass ich in diesem System des Lohas und Lovos funktioniere, im besten Fall die nächsten 26 Jahre. Alles geben, um den gängigen Lifestylekonzepten zu genügen. Die innere Messlatte immer noch höher setzen, bemüht, allen und allem gerecht zu werden. Konformismus bis ans Ende der Tage im Streben nach dem perfekten Ich? Die baldige Vier auf meinem Rücken also ohne jede Bedeutung? Ignorieren, dass eben diese Zahl für die weltliche Vollkommenheit steht?
Ich? Vollkommen? Etwa so, wie ich jetzt gerade bin? In diesem Augenblick? Auch wenn ich beim Verlassen eines Raumes meist vergesse, das Licht abzudrehen? Trotz meiner ganzjährigen Vorliebe für Melonen jeder Art? Unabhängig von meiner Ungeduld, meinem Hüftspeck, meiner zu breiten Nase? Losgelöst vom letzten Kuchen-Exzess? Also wenn dem so ist, dann lasse ich die Champagnerkorken heute schon knallen – aus reiner Freude darüber, mir zu gestatten, so zu sein, wie ich eben bin.
Mit der Erkenntnis, in ihrer Unvollkommenheit vollkommen zu sein, verabschiedet sich Öko-Lisa von unseren Leserinnen und Lesern.
Die Autorin
Die Journalistin und Moderatorin Nicole Amrein hat mehrere satirische Frauenromane und Romanserien verfasst, darunter einige Bestseller. Jeden Monat gewährt uns die Bernerin mit spitzer Feder einen unterhaltsamen und intimen Blick ins Tagebuch von Öko-Lisa. Mehr unter www.nicoleamrein.ch
Illustration: Manuela Lanfranconi
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