Das geht unter die Haut

Marion Kaden | Ausgabe_04/2017

Während sich einst Randgruppen wie Seefahrer und Gefängnisinsassen stechen liessen, tragen heute Menschen aller Schichten Tattoos zur Schau. Wegen fehlender Rituale in unserer Gesellschaft?

@ istockphoto.com

Tätowierungen sitzen tief in der Lederhaut (Dermis) und verbleiben dort ein Leben lang. Sie setzen ein Zeichen. Doch sind Tätowierungen längst keine Brandmarkung oder Kennzeichen von zum Teil geächteten Berufs- oder Gesellschaftsgruppierungen mehr wie in früheren Jahrhunderten. Im Gegenteil: Tattoos werden mittlerweile von Menschen aller Altersgruppen, von beiden Geschlechtern, beliebigen sozialen Gruppierungen oder Angehörigen aller Gesellschaftsschichten zur Schau oder im Versteckten getragen. Der Trend zu Tätowierungen ist ungebrochen und sogar noch weiter ansteigend.

Vorbereitung ist wichtig. Allerdings gibt es Probleme: So will ein Drittel aller Menschen ihr Tattoo schon ein paar Tage nach dem Stechen wieder loswerden, erklärt Bettina Rümmelein, Hautärztin in Zürich. Die Dermatologin mit 20-jähriger Praxiserfahrung empfiehlt daher, sich vor dem Tätowieren sehr genau Gedanken zu machen, und mit sich selbst abzuklären, ob die Motivwahl tatsächlich ein Leben lang Bestand haben soll. «Denn schliesslich wandelt sich jeder Mensch im Laufe des Lebens. Werte, Stil oder Einstellungen ändern sich. Was in der Jugend als unglaublich wichtig wahrgenommen wird, kann im Erwachsenenalter als peinlich empfunden werden», sagt Rümmelein. Auch von spontanen Tätowierungsaktionen, die aus überschwänglichen Gefühlen entstehen können, sei dringend abzuraten. «Die auslösenden Emotionen haben meist keinen Bestand, die gestochenen Treueschwüre dagegen schon.»

Der Präsident des Verbandes Schweizer Berufstätowierer VST, Luc Grossenbacher, rät ebenfalls zur Umsicht: Nach sorgfältiger, persönlicher Motivwahl brauche es zudem Zeit für die Wahl eines geeigneten Tattoo-Studios beziehungsweise Tattoo-Künstlers. «Man muss sich unbedingt die Arbeiten des Tätowierers genau anschauen und sich niemals auf irgendwelche Fotos verlassen!» Denn allzu oft würden Fotos mit Arbeiten gezeigt, die von anderen stammen. Deshalb: «Die Fotos immer mit der frischen Tätowierung vergleichen und schauen, ob Stil und Machart identisch sind. Und, vor allem, ob einem die Tattoos gefallen.»

Gesundheitliche Aspekte. Bei der Wahl des Tattoo-Studios sind auch gesundheitliche Aspekte zu beachten: Um die Übertragung von Erkrankungen wie Aids oder Hepatitis zu vermeiden, sollten Hygienestandards optimal eingehalten werden. Das bedeutet, dass die Tätowierer Einweg-Handschuhe, -Nadeln und Farbbehälter beim Tätowieren benutzen und nach der Behandlung eines Kunden den Arbeitsplatz und alle Geräte reinigen und desinfizieren. «Ist das ‹Hygiene Quality Label› neben der Eingangstür angebracht oder der Tätowierer sogar noch Mitglied beim VST, ist man in einem sicheren Studio», sagt Grossenbacher. Er empfiehlt, sich mehrere Studios und Arbeiten anzuschauen. «Man sollte immer bedenken, dass man ein verpfuschtes Tattoo nicht einfach wegretuschieren, überdecken oder entfernen lassen kann.» Jungen Leuten rät er ausserdem, sich bewusst zu machen, dass sichtbare Tätowierungen im späteren Berufsleben auch behindernd sein können. Nicht zuletzt leisten die Erfahrung der Tätowierer und die Nutzung guter Tätowierfarben einen wichtigen Beitrag für ein gelungenes Resultat.

Apropos Farben: «Wenn die Farben in der Schweiz gekauft wurden, ist das zurzeit die beste Garantie dafür, dass nur erlaubte Farben zum Einsatz kommen. Denn Schweizer Lieferanten haften für die von ihnen verkauften Farben», erklärt Grossenbacher.

Tattoos und Tumore. Auf weitere unbedingt auch zu bedenkende gesundheitliche Aspekte verweist die Zürcher Hautärztin Rümmelein: «Menschen, die ein schwaches Immunsystem haben, sollten wegen möglicher vermehrter entzündlich bedingter Narbenbildung auf Tattoos verzichten», sagt sie. Bei Vorerkrankungen des Herzens, Diabetes mellitus oder Blutgerinnungsstörungen sei es wichtig, vor der Tätowierung einen Arzt zu konsultieren, um mögliche Gesundheitsgefährdungen abzuklären. Menschen mit dermatologischen Grunderkrankungen wie Schuppenflechte oder Lichenruber sollten laut Rümmelein auf das Stechen verzichten, um eine Verschlimmerung der Beschwerden zu vermeiden. Und: «Muttermale dürfen niemals übertätowiert werden, sondern sollten einen Platz im Tattoo freigehalten bekommen!» Die Dermatologin verweist ausserdem darauf, dass jeder Tätowierte die eigenen Tattoos sorgfältig beobachten sollte. «Auffällige Hautveränderungen sollten grundsätzlich frühzeitig abgeklärt werden, um Hauttumore rechtzeitig zu erkennen und behandeln zu lassen.»

In der Krebsmedizin werden Tattoos nicht gerne gesehen. Zum einen, weil sie die Diagnose von Metastasen in Lymphknoten erschweren können, wenn aus der Haut abtransportierte Tattoo-Pigmente sich dort angereichert haben. Zum anderen, weil moderne Immun-Krebstherapien zu verstärkten entzündlichen Reaktionen im Bereich der tätowierten Haut führen können. Eindeutige Untersuchungen zum ansteigenden Krebsrisiko durch Tattoos liegen nicht vor; allerdings gibt es zahlreiche wissenschaftliche Hinweise auf diese Möglichkeit.

Schmerzhafte Entfernung. Wer mit seinen Tätowierungen in Übereinstimmung lebt, wird sich nicht daran stören, dass sich die Farben über die Jahre verändern und beispielsweise blasser werden. Durch die dem Menschen eigene Hautalterung können formliche Veränderungen bei den Tattoos auftreten. Das passt nicht jedem. «Die Motivation, Tätowierungen entfernen zu lassen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst», weiss Rümmelein. «Manche wollen nach einigen Jahren endlich eine unüberlegte Jugendsünde wieder loswerden. Andere wollen Teile von Tattoos entfernt bekommen, um sich anschliessend was Neues stechen zu lassen.»

Wer sich sein Tattoo entfernen lassen wolle, solle sich unbedingt Zeit nehmen, rät die Dermatologin und erklärt, wieso das wichtig ist: «Die Tattoos halten deshalb ein Leben lang, weil ihre grossen Farbpigmente durch das Stechen in die Lederhaut verbracht werden. Beim Lasern werden diese Farbpigmente zerschlagen, das heisst so zerkleinert, dass die körpereigenen Fresszellen, die sogenannten Makrophagen, die Farbpigmente abtransportieren können. Um diese Arbeit erledigen zu können, benötigen die Makrophagen Zeit. Und auch die Haut muss bestimmte Regenerationsprozesse durchlaufen. Wer diese Zeit nicht investieren will, muss mit Narben rechnen.»

In der Regel werden über einen Zeitraum von zwei Jahren alle zwei Monate bis zu zehn Behandlungen durchgeführt. Die Tattoo-Entfernung ist schmerzhaft und kostet Geld, um die 400 Franken pro Sitzung. Schmerzlose Behandlungen gibt es bis dato nicht. «Wer mit so etwas wirbt, ist unseriös», betont Rümmelein. In ihrer Praxis gebe es bei etwa 15 Prozent der Tattoo-Entfernungen Schwierigkeiten. So liessen sich beispielsweise Farben wie Orange und Grün nicht vollständig entfernen. Problematisch seien ebenfalls sogenannte Tattoo-Farben, die gar keine sind, wie beispielsweise Pigment aus zerriebenen Autoreifen. «Leider gibt es unter den Tätowierern immer noch schwarze Schafe, die ihre Farben mit nicht zugelassenen Substanzen selbst anrühren.»

Lasern für jedermann. Eine Tattoo-Entfernung gehört in ausgebildete Hände, fordert Rümmelein. «Doch leider wurde bisher in der Schweiz versäumt, eine umfassende Regelung zu finden.» Das gelte sowohl für den Verkauf von Lasergeräten wie für das Lasern selbst. «Lasergeräte werden wie Haarföne verkauft, und Laserbehandlungen können von jedermann ohne jegliche Sachkenntnisse durchgeführt werden», kritisiert Rümmelein. Ärzte hingegen, die schon eine 12-jährige Ausbildung hinter sich haben, bekommen den notwendigen «Fähigkeitsausweis zur Behandlung der Haut» erst nach einer weiteren Zusatzausbildung. In Anbetracht der zahlreichen, zum Teil tragischen Behandlungsfehler sei eine einheitliche Regelung zwingend notwendig, so Rümmelein. Denn unsachgemässe Behandlungen können schwerwiegende Folgen haben. So verlor erst jüngst eine junge Frau fast ihr Augenlicht beim Weglasern ihres Permanent-Make-up.

Gegenwärtig sind sogenannte Q-switched-Laser gängig. Verschiedene Typen sind im Handel. Ärzte bekommen nach einer Einweisung eine CE-Zertifizierung mit vierstelliger Nummer. Damit ist sowohl die Sicherheit bezüglich des Gerätes  dessen Handhabung und Lasern gegeben. Bei der ‹Smartaging Swiss Academy› in Zürich (www.sgml.ch) gibt es eine Mitgliederlistung. Dort können zertifizierte Ärzte gefunden werden, die eine Laserausbildung absolviert haben. «Wird genügend Zeit zur Laserentfernung von Tattoos einberechnet, können die Resultate gut sein», sagt Rümmelein, dämpft aber übertriebene Erwartungen: «Niemand sollte anschliessend eine jungfräuliche oder sogar noch schönere Haut erwarten.»

Fotos: istockphoto.com

Tags (Stichworte):

Kommentare

  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Publireportage

Unterwegs am Wasser

Saftig grünes Gras, bunte Blumen und warme Sonnenstrahlen – der Frühling ruft nach draußen! Wie könnte man einen freien Tag zu dieser Jahreszeit schöner verbringen als mit einem Ausflug ins Grüne? Richtig, mit einem gut geplanten Picknick.

Mehr erfahren


Natürlich im Juni 2017


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Wettbewerb

Gewinnen Sie eine von sechs Rubytec Shira Vacuum Cool Drink Bottles im Wert von je 30 Franken.

Frage: Seit wann steht der Arvenwald im Aletschgebiet unter strengem Schutz?

Mitmachen bis zum 30. Juni 2017.

zum Wettbewerb


Natürlich Newsletter

Das neuste gibts jetzt natürlich auch per Mail

Zwei Mal pro Monat bietet Ihnen der «natürlich»-Newsletter kostenlos wertvolle Gesundheitstipps und und informiert Sie über Neues aus dem Magazin.

Jetzt Newsletter abonnieren


Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Das geht unter die Haut