Das Ende der Wilderei

Marion Kaden | Ausgabe 8 - 2008

Durch die steigende Nachfrage nach natürlichen Heilmitteln geraten die Wildbestände von Arzneipflanzen zunehmend unter Druck. Auch hier ist deshalb Nachhaltigkeit gefragt.

Heilpflanzen sind ein weltweit begehrtes Handelsgut. Gemäss  Weltgesundheitsorganisation (WHO) nutzen 80 Prozent der Weltbevölkerung Heilpflanzen. Etwa ein Viertel aller bekannten Pflanzen wird medizinisch ge-nutzt. Die Beliebtheit resultiert zum einen aus dem traditionel-len Gebrauch von Heilpflanzen. Viele Länder Afrikas, Asiens und Europas blicken auf eine jahrhundertealte Tradition der medizinischen Verwen-dung von Pflanzen zurück. Zum anderen ist vor allem in ärmeren Ländern der Griff zu traditionellen Heilmitteln auch bei ernsthaften Erkrankungen oft der einzig mögliche.

In den westlichen Industrienationen haben natürliche Heilmittel einen guten Ruf, weil sie als sanfter oder nebenwirkungsfreier eingeschätzt werden als chemische Produkte. So ziehen in den deutschsprachigen Ländern laut Um-fragen über 70 Prozent der Menschen natürliche Heilmittel chemischen Präparaten vor. Gefragt sind in Zeiten der Globalisierung jedoch nicht nur einheimische, sondern auch Heilpflanzen anderer Kontinente; Rezepturen aus den Medizinschulen Südamerikas, Afrikas oder Südostasiens sind zu haben. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich in Europa Heilmittel, die aus den bekannteren medizinischen Schulen Indiens (Ayurveda) oder Chinas (Traditionelle Chinesische Medizin) stammen.

Wegen des grossen Zuspruchs aus der Bevölkerung wurden Heilpflanzen überdies als verkaufsfördernde Massnahme auch für alltägliche Produkte entdeckt: Seit einigen Jahren werden Heilpflanzen-Extrakte wie Kamille oder Aloe sogar in Toilettenpapier, Reinigungsmitteln oder Kondomen verarbeitet.

Der Naturschutz schlägt Alarm

Der Bedarf an Heilpflanzen ist gross und wächst weiter. Kein Wunder also, dass Organisationen wie der World Wild Fund for Nature (WWF) oder die in Gland VD ansässige Internationale Naturschutzunion (IUCN) Alarm schlagen. Der stetige Anstieg der Weltbevölkerung, die wachsende internationale Nachfrage nach Heilmitteln aus der Natur sowie die Verwendung in Haushaltsartikeln gehen längst nicht mehr mit den vorhandenen Ressourcen einher. Besonders
vor der Ausbeutung von Wildbeständen wird gewarnt. Die Naturschutz-organisationen sprechen von Übernutzung.

Europäische Firmen, die phytotherapeutische Präparate herstellen, beziehen gerne Heilpflanzen aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien. Die Gründe sind die dort noch vorhandenen Wildbestände und vor allem die billigen Arbeitskräfte. Doch seit einiger Zeit beginnen sich manche Firmen aus diesem Geschäft wieder zurückzuziehen. Einige Gründe nennt Rolf Franke vom deutschen Naturheilmittelhersteller Salus in Bruckmühl: «Es gibt kaum noch Sammler, die sich in der Botanik gut genug auskennen und mit sicherem Blick die richtigen Pflanzen zum richtigen Zeitpunkt ernten.»

Die Beschäftigung ungeübter Sammler birgt noch ganz andere Probleme für die Hersteller von Phytopharmaka: Das Sammelgut kann bei Verwechslungen mit echten Heilpflanzen durch das Pflücken falscher Pflanzen verunreinigt sein. Oder es wird durch das Sammeln zum falschen Zeitpunkt nicht die zur Herstellung von Heilmitteln notwendige Konzentration der Wirkstoffe erreicht. Nicht zuletzt können die Wildbestände durch unsachgemässes Pflücken, beispielsweise durch das Ausreissen der Pflanzen samt den Wurzeln, langfristig zerstört werden. Dies kann auch einzelne Tierarten in ihrer Existenz bedrohen, wenn sie auf die gefährdeten Pflanzen angewiesen sind.

Für die Verarbeitung von Sammelgut aus Wildbeständen ergibt sich für Phytopharmazeuten eine weitere Erschwernis: Die Wirkstoffeigenschaften können aufgrund klimatischer oder geografischer Gegebenheiten grossen Schwankungen unterliegen. Da viele Hersteller versuchen, ihre Präparate anhand von Leitsubstanzen zu standardisieren, sind sie an Rohstoffen mit konstanter Inhaltsstoffverteilung interessiert. Deshalb sind sie in den letzten Jahrzehnten dazu übergegangen, Heilpflanzen mit speziellen Eigenschaften für einen gezielten landwirtschaftlichen Anbau zu züchten, obwohl solche Züchtungen zeit-, arbeits- und kostenaufwändig sind. «Pflanzenmaterial aus Züchtungen bietet wesentlich bessere Steuerungsmöglichkeiten», sagt Franke.

Aufwändige Auslesezüchtung

Der Heilpflanzenexperte erläutert, wie eine Auslesezüchtung durchgeführt wird: Zunächst würden Bestandteile von Heilpflanzen selektiert, die charakteristische Wirkstoffe enthielten. Beispielsweise könnten die Samen von 15 gut gewachsenen Arnikapflanzen die Grundlage weiterer Züchtungen sein. Danach folgen jahrelanges Experimentieren mit den nachfolgenden Pflanzengenerationen, deren Vermehrung und weitere Selektionsversuche. «Bei den endgültigen Züchtungszielen wird darauf geachtet, dass bei den ausgewählten Pflanzen das ganze Spektrum, von der Vitalität über den Wuchs bis zur Grösse der Blütenköpfe und natürlich die Art und Zusammensetzung der Wirkstoffe stimmt», so Franke.

Wichtige Arzneipflanzen wie Pfefferminze, Kamille, Melisse, Artischocke oder Leinsaat werden schon seit Jahrzehnten kultiviert, um den massenweisen Bedarf zu decken. Vor einigen Jahren gerieten einige Anbauländer wie Ägypten oder Indien in die Schlagzeilen, weil in dort angebauten Arzneipflanzen hohe Konzentrationen von Pestiziden nachgewiesen wurden. Um die Konsumenten zu schützen, wurden daher Label entwickelt. Biosiegel beispielsweise gewährleisten unter anderem, dass die Rohstoffe dem ökologischen Landbau entstammen.

Bei manchen Arzneipflanzen ergeben sich bei einer Inkulturnahme besondere Herausforderungen wie beispielsweise bei der Pestwurz (Petasitis hybridus). Während früher nur die Wurzeln arzneilich verwendet wurden, züchtete der Pflanzenheilmittelhersteller Zeller in Romanshorn zusammen mit VitaPlant in Witterswil über sieben Jahre lang eine besondere Pestwurzsorte, die auch in den Blättern Wirkstoffe produziert. «Die Züchtung war schwierig, weil die Pestwurz sehr spezielle Wachstumsbedingungen benötigt», sagt Georg Boonen, Geschäftsführer von Zeller. «Sie wächst eigentlich nur an Bachläufen, wo sie ganzjährig einen feuchten Untergrund hat.» Doch schliesslich gelang den Unternehmen der Anbau, sodass nun ausreichend Wirkstoffe aus den Pestwurzblättern für ein Medikament gegen allergischen Nasenkatarrh gewonnen werden können. «Bei der Pestwurz können wir wegen ihren besonderen Ansprüchen nur auf eigenen Anbau zurückgreifen», erklärt Boonen. Neben dem komplizierten Anbau kommt hinzu, dass viele Arbeitsschritte in Handarbeit erledigt werden müssen und eine erste Ernte bei der Pestwurz erst nach drei Jahren möglich ist. Das treibt die Preise für die Gewinnung der Droge in die Höhe.

Konkurrenz Biotreibstoff

Eine neue Tendenz macht vielen Phytopharma-Unternehmen bei der Rohstoff-beschaffung Sorgen: Durch den enormen Anstieg der Rohölpreise und aufgrund der Klimaerwärmung wird in Europa nach Ausweichmöglichkeiten für die Kraftstoffproduktion gesucht. Deshalb versuchen einige Regierungen Europas die Herstellung von Biotreibstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen anzukurbeln. Diese Entwicklung könnte für den Arzneipflanzenanbau fatale Folgen haben. «Viele Bauern entscheiden sich nun dafür, Raps anzubauen, weil es einfacher und unkomplizierter ist», erläutert Boonen. «Dabei müssen nämlich weder besondere Anbaurichtlinien noch der richtige Erntezeitpunkt abgepasst werden.» Die Neuorientierung der Bauern könnte langfristig wegen der Verknappung der Anbauflächen auch für eine Verteuerung bei den Arzneipflanzen sorgen.

Einer besonderen Problematik unterliegen Arzneipflanzen, deren Wachstumsbedingungen sich entweder gar nicht oder nur schwer in Kultur nehmen lassen. Beispiele dafür sind der Sonnentau (Drosera rotundifolia), der auf moorige Böden angewiesen ist, das Isländisch Moos (Lichen islandicus), das auf steinigem Untergrund wächst und ganz bestimmte klimatische Verhältnisse zum Gedeihen braucht, oder die Teufelskralle (Harpagophytum procubens).

Die Teufelskralle, die in der Kalahariwüste im südlichen Afrika vorkommt, bekam als nebenwirkungsarmes Rheumamittel 2004 eine unerwartete Chance. Bis dahin waren synthetische Wirkstoffe, die sogenannten nicht steroidalen Antirheumatika (Nsar), die Mittel der Wahl. Doch mitunter tödliche Nebenwirkungen von als Cox-2-Hemmer bezeichneten neuen Nsar-Medikamenten schreckten die Öffentlichkeit auf. Der Ruf nach pflanzlichen Alternativen führte 2005 in der Schweiz zu einer Zulassung der Teufelskralle als Medikament.

Die Pflanze stammte früher ausschliesslich von Wildsammlungen aus den Savannen der Kalahari Südafrikas, Botswanas und Namibias. Während in den 1970er-Jahren rund 200 Tonnen Pflanzenmaterial aus Namibia exportiert wurden, stieg der Bedarf in den Folgejahren auf 650 Tonnen an. Bald stand fest, dass der weiter anwachsende Bedarf wegen Übernutzung nicht mehr durch Wildsammlungen zu befriedigen sein würde. Um das Problem zu lösen, entschlossen sich Hersteller zu einer länderübergreifenden Zusammenarbeit. Die Heilmittelproduzenten Bioforce aus Roggwil TG und Salus aus Deutschland initiierten in Südafrika gemeinsam ein Anbauprojekt für die Teufelskralle, das durch die Universität Münster wissenschaftlich begleitet wurde. Das Besondere an der Teufelskrallenkultur ist, dass sie aus züchterisch unveränderten Wildpflanzen besteht.

Heilpflanzen schaffen Arbeitsplätze

Andreas Ryser, Leiter Heilpflanzenanbau bei Bioforce, fährt regelmässig nach Südafrika, um dort, in der Nähe zur Grenze zu Botswana, Anbau und Wirkstoffgehalt der angebauten Pflanzen zu kontrollieren. «Beim Anbau lernten wir viel und mussten einen grossen Aufwand betreiben», sagt Ryser. Die Pflanzen werden in der savannenartigen Landschaft in drei Meter breiten Sandstreifen in Reihen angebaut. Dazwischen schützen sieben Meter breite Grasstreifen das Anbaugebiet vor Erosion. «Durch unsere Anbauweise konnten wir bei der Ernte der Teufelskrallenwurzeln einen zehnmal höheren Ertrag erwirtschaften», erläutert der Fachmann. Der Gehalt an Harpagosid, einem der angenommenen Hauptwirkstoffe, bewege sich im ähnlichen Bereich wie bei den wild wachsenden Pflanzen. «Wir wissen bis heute zu wenig über die tatsächlichen Wirksubstanzen», fügt er an.

Ohne Wildpflanzen gehts nicht

Der Anbau wird von vertraglich an die Bioforce gebundenen Landwirten betrieben. In der wirtschaftlich schwachen Region besteht an Arbeitskräften zwar kein Mangel. Trotzdem arbeitet das Unternehmen  gerne langfristig mit seinen Arbeitern zusammen, um Ernteverluste zu minimieren. Denn nur Arbeitskräfte, die sich auskennten, grüben tief und sorgfältig genug, um die kostbaren, tief im Wüstensand verborgenen Wurzeln unverletzt zu ernten.

Trotz der Inkulturnahme von Arzneipflanzen kann auf Wildsammlungen bis heute nicht verzichtet werden. Weltweit agierende Organisationen, die sich den Natur- und Artenschutz auf die Fahnen geschrieben haben, versuchen deshalb seit Jahren einen schwierigen Balanceakt. Einerseits sollen seltene Arten geschützt werden. Andererseits dürfen die wirtschaftlichen Belange der lokalen Bevölkerung, für die Wildsammlungen zum Teil eine für das Überleben bedeutsame Grundlage darstellen, nicht unberücksichtigt bleiben.

1992 wurde die Idee der nachhaltigen Nutzung von Arten zum Vorteil von Mensch und Natur auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung konkretisiert. Es entstand ein international anerkanntes Regelwerk. Es basiert auf der Grundlage, dass Natur- und Artenschutzgesetze nur langfristige Erfolge zeigen, wenn sie über den Artenschutz hinausgehen. Und dass eine Nutzung von genetischen Ressourcen, Lebensräumen oder Ökosystemen nur verantwortungsvoll und unter Einbindung sozialer wie wirtschaftlicher Komponenten funktionieren kann. Seither entstanden weltweit verschiedenste Projekte: Sammler wurden geschult, Wildpflanzen zu ernten, ohne die Bestände zu gefährden. Projektteilnehmern wurden Hygienestandards oder die schonende, verlustfreie Verarbeitung der wertvollen Rohstoffe vermittelt.

Gleichzeitig entstand bei vielen Herstellern, Ex- und Importeuren, staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen das Bedürfnis, den besonderen Umgang mit Wildsammlungen zu kennzeichnen. Eine unübersehbare Vielfalt von Labels, Zertifikaten und Standards entstand, die jedoch für die Verbraucher unübersichtlich und nicht nachvollziehbar sind.

Gütesiegel für die Nachhaltigkeit

2004 initiierten der WWF und die IUCN deshalb im Rahmen ihres gemeinsamen Artenschutzprogramms (Traffic) die Entwicklung eines einheitlichen Standards: der International Standard für Sustainable Wild Collection of Medical and Aro-matic Plants, kurz ISSC-MAP. Der ISSC-MAP soll unter anderem die Nutzung von Wildpflanzen aufgrund bestmöglicher ökologischer Methoden, sorgfältiger Ressourcenabschätzung und daraus folgend nachhaltige Erntemengen garantieren. Die Verteilung der Gewinne soll nach sozialen Kriterien sowie gerechten und ausgewogenen Massstäben erfolgen. Das Projekt befindet sich derzeit noch in einer Probephase. Ob sich das Gütesiegel tatsächlich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Eine Einigung der Heilmittelproduzenten auf den ISSC-MAP liegt, wenn sie überhaupt möglich sein sollte, noch in weiter Ferne. Anzunehmen ist, dass die Interessen nationaler und inter-nationaler Gruppierungen wie bis anhin stark auseinanderklaffen.

Internet
Infornationen zum ISSC-MAP-Projekt
TRAFFIC – The wildlife trade monitoring network

Literatur
• Susanne Fischer-Rizzi: «Medizin der Erde»,
AT Verlag 2005, Fr. 39.90

«Natürlich» eBook-Edition
Die «Natürlich»-Redaktion hat für Sie das eBook «Die 20 besten Heilkräuter» zusammengestellt. Mit einem Klick erfahren Sie alles Wissenswerte über Botanik, Heilwirkung  und alle Anwendungsmöglichkeiten.

Das eBook können Sie ganz einfach und kostenlos herunterladen.

Zum Download

Bilder: © René Berner, Bioforce

Tags (Stichworte): GesundheitHeilpflanzenNaturheilkundeNaturschutz

Kommentare

  1. Keine Einträge

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im Mai 2012


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Werbung

Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Wettbewerb

Mit welcher Torte ist die Fideriser Torte verwandt?

Mitmachen bis zum 31. Mai 2012.

Gewinnen Sie:

zum Wettbewerb


Werbung

Natürlich Essen

Rezept der Woche: 27. April 2012

Spargeln im Strudelteig


Die Natürlich Bilder Galerie

Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Das Ende der Wilderei