Das einfache Leben: das Einfache leben

Remo Vetter | Ausgabe 8 - 2009

Der Schlüssel zum Glück bedeutet Zeit zu haben, nicht zu unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit. Dies lässt sich bei der täglichen Gartenarbeit üben.

In der heutigen Zeit sind wir oft gezwungen, an sechs Tagen die Woche zu arbeiten und dazu eine Arbeit zu verrichten, die uns nicht befriedigt. Wir unterscheiden zwischen Pflicht, Arbeitszeit und Freizeit. Die Freizeit wird dabei häufig mit so vielen Aktivitäten vollgestopft, dass wir uns gar nicht erholen können.
Es gibt Kulturen, die versuchen, Arbeit und Familienleben so harmonisch wie möglich zu verbinden. Oft sind das Gesellschaften, die nicht direkt durch die moderne, urbane Zivilisation beeinflusst werden. In den hochgelegenen Alpentälern existieren heute auch hierzulande noch solche Gemeinschaften. Auffallend ist, dass die Menschen dort ihre Arbeit nur selten von ihrer Freizeit unterscheiden. Man könnte sagen, dass sie jeden Tag 16 Stunden arbeiten, aber gerade so gut könnte man sagen, dass sie überhaupt nicht arbeiten.

Arbeit ist Freizeit

Eine 76-jährige Bäuerin berichtet, wie sie jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um die Kühe zu melken, danach ein umfangreiches Frühstück zubereitet, das Haus sauber macht und je nach Wetter die Kühe auf die Weide bringt, ihren Obst- und Gemüsegarten pflegt und bei schlechtem Wetter Schafwolle kämmt. Im Sommer verbringt sie einige Wochen auf der Alp, mäht die Bergwiesen und trägt die riesigen Heuballen ins Tal hinunter. Am Abend liest sie ihren Enkelkindern Geschichten vor oder musiziert mehrmals wöchentlich mit anderen Dorfbewohnern in ihrer Stube.

Wenn man die Bäuerin fragt, was ihr am meisten Spass macht im Leben, antwortet sie: «Die Kühe melken, sie auf die Weide bringen, die Obstbäume ausdünnen, Wolle kämmen», eben das, was sie ein Leben lang getan hat. Fragt man die Bäuerin, was sie tun würde, wenn sie genügend Zeit und Geld hätte, lacht sie – und wiederholt die Liste von Aktivitäten: die Kühe melken, auf die Weide bringen, den Obst und Gemüsegarten pflegen und Wolle kämmen. Sie und viele der älteren Dorfbewohner unterscheiden nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Könnte hier der Schlüssel zum Glück liegen?

Leben mit Kräutern

Früh am Morgen durch den Garten schlendern, wenn Tautropfen zwischen den gefältelten Blättern des Frauenmantels hängen, um die Mittagszeit den von Lavendel gesäumten Weg entlanggehen, eingehüllt in den berauschenden Duft, den die Sonnenwärme freisetzt oder einfach in der Hitze des Tages an einem erfrischenden Minzeblatt kauen – das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der lustvollen Erfahrungswelt des Kräutergärtners jetzt im August. Kräuter eignen sich als Bodendecker und unser schattenspendender Garten mit den alten Bäumen wird damit vielseitiger. Sie können eine Hecke bilden, über eine Laube oder eine Mauer wachsen oder ein Insektenhotel verzieren. Es gibt nichts Schöneres als eine blühende Lavendelhecke voller Bienen, Hummeln und Schmetterlingen.

Zu unseren Kräutern zählen weitaus mehr Pflanzen als die bekannten Küchenfavoriten. Scharfschmeckenden Thymian und Salbei beispielsweise schätzte man wegen ihrer antiseptischen Eigenschaften und des würzigen Aromas. Gartenlieblinge wie Johanniskraut, Malve und Echinacea waren bewährte Heilmittel; das Haus duftete nach Rosen, Lavendel und Gartennelken.
Unter den Bäumen gedeihen verschiedene Minzenarten, Zitronenmelisse und Petersilie prächtig. Viele Kräuter sind weitaus unempfindlicher als Blumen.
Als Bodendecker sind Kräuter unübertroffen. Die Kamille bedeckt schnell brachliegende Flächen, der Waldmeister mit seinen winzigen weissen Blüten breitet sich unter Bäumen aus, wo Gras nur schwer Halt findet.

Wichtige Arbeiten im August – zum Beispiel
• Boden lockern
Unkrautbekämpfung bzw. tägliches pro-aktives Kratzen mit der Pendelhacke sind angezeigt. Tägliches Bodenlockern verbessert den Luftaustausch, regt die Bodentätigkeit an und hilft Wasser zu sparen: Dreimal gelockert ist einmal gewässert.
• Laufend ernten
Küchenkräuter bei denen die Blätter verwendet werden, und Gemüse laufend ernten. Zwiebeln bei schönem Wetter einige Tage auf dem Beet liegenlassen oder an einem geschützten warmen Ort einige Tage nachreifen lassen. Kartoffeln einlagern.
• Nachsaat
Die abgeernteten Flächen erhalten eine kleine Kompostgabe. Spinat als Nachkultur und Gründüngung einsäen. Zur Gründüngung eignen sich auch Alexander-Perserklee, Erbse, Hafer, Ölrettich, Senf, Sommerwicke. Nüsslisalat als Untersaat zu Lauch, Federkohl, Rosenkohl und Stangenbohnen. Erdbeerneupflanzungen mit reifem Kompost und etwas Steinmehl düngen. Auf brachliegenden Beeten Bienenweide (Phacelia) einsäen. Deren Wurzeln lockern den Boden bis in tiefe Bodenschichten, reichern ihn mit organischem Material an und halten die Beetoberfläche feucht und locker.

Gartengemeinschaft

Kräuter sind in der Pflege recht anspruchslos, was ihre Attraktivität als Gartenpflanzen sehr erhöht. Sie ertragen Trockenheit, sind krankheitsresistent und für Gartenschädlinge praktisch uninteressant. Einjährige Pflanzen wie Basilikum, Borretsch, Koriander und Dill sowie einige mehrjährige wie Goldmelisse, Schnittlauch und Fenchel lassen sich leicht aus Samen ziehen.

Als Gartenliebhaber erfüllt uns die Arbeit im Kräutergarten mit viel Freude. Sogar das Unkraut jäten beziehungsweise das tägliche Kratzen mit der Pendelhacke kann inmitten der duftenden Blätter und Blüten viel Spass machen. Dabei haben wir Zeit uns auszutauschen und finden immer wieder Musse für interessante Gartengespräche mit unseren Gästen.

Remo Vetter weiss Rat

Artischocken
Im «natürlich leben» lese ich, dass Sie Artischocken pflanzen, darum schreibe ich Ihnen: Vor einigen Jahren bekam ich zwei Artischockenpflanzen, welche im ersten Jahr einige Früchte machten und den Winter im Garten offenbar gut überstanden, so dass sie im nächsten Jahr doppelt so viele produzierten. Dann war plötzlich Schluss, nichts kam mehr aus dem Boden. Es sei der kalte Winter schuld, sagte mir ein angefragter Gärtner. Nun sagen Sie mir doch bitte, wie Sie das machen: Ziehen Sie jedes Jahr die Pflanzen aus Samen, wenn ja, wann? Und lassen Sie die Pflanzen draussen überwintern und schützen Sie diese gegen Schnee, Nässe und Kälte? Verena Pini, Bern

Meine Artischocken stehen schon seit vielen Jahren am selben Standort. Eigentlich handelt es sich dabei um einen Versuch, um zu sehen, wie sich die Pflanzen zurück entwickeln, beziehungsweise jedes Jahr weniger Ertrag bringen müssten. Ich schütze die Pflanzen im Winter nicht vor Schnee, Kälte, Frost und decke die Beete auch nicht ab. Trotzdem haben sie jedes Jahr wieder ausgetrieben und Früchte gebracht. Grundsätzlich werden Artischocken im konventionellen Anbau als einjährige Pflanzen angebaut. Da es sich um Starkzehrer handelt, brauchen Sie einen guten nährstoffreichen Boden und ausreichend Wasser. Wenn man also auf Ertrag arbeitet und darauf angewiesen ist, ist es sicher ratsam Jungpflanzen jedes Jahr auf einem neuen Beet anzupflanzen. Ich persönlich beziehe die Jungpflanzen von biologisch arbeitenden Anzuchtbetrieben in meiner Nähe.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen AR tätig, wo er mit Hilfe seiner Familie den Schau-Kräutergarten von A. Vogel hegt. Vetter ist Autor des Buches «The Lazy Gardener – Wie man sein Glück im Garten findet». (Dieses Buch hier bestellen.)

Foto: © Frances Vetter, Dave Bühlmann, René Berner

Tags (Stichworte): GartenarbeitGlückKräuter

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