Das Bambusschiff im Regenwald

Peter Jaeggi | Ausgabe_04/2017

«Kapal Bambu», auf Deutsch «Bambusschiff», ist ein Restaurant, ganz aus Bambus gebaut. Es entstand auf Schweizer Initiative in Bukit Lawang.

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Es gibt Häuser, die nehmen einen auf eine geheimnisvolle und wohlige Art gefangen, gerade so, als ob sie einen umarmen würden. Das Restaurant «Kapal Bambu» ist so ein Haus. Das «Bambusschiff» mit einem Lehmbau als Herzstück ist 13 Meter hoch und 40 Meter lang, nach allen Seiten offen und so rundum optisch verbunden mit der üppigen tropischen Flora. Aus diesem Pflanzenreich heraus wurde auch dieses Haus geboren – Bambus wächst gleich nebenan.

In diesem Haus, das sich wie ein lebendiger Organismus anfühlt, gibt es kein verstecktes Innenleben. Es ist sozusagen ein ehrliches Haus, ein Reigen aus riesigen Halmen (schliesslich ist Bambus ein Gras) und zum Teil faszinierenden Konstruktionsdetails – alles ist sichtbar, alles strahlt Wärme aus, das ganze «Kapal Bambu».

Insgesamt wurden für das «Bambusschiff» 210 Kilometer Bambus verwendet. Oder anders: All diese Halme aneinandergereiht entsprechen der Strecke Zürich–Lugano. Davon sind 110 km für den Bau selber verwendet worden (Durchmesser 15–22 cm), der Rest für Bauten des dazugehörigen Umweltzentrums. Das Restaurant ist 13 m hoch, 17 m breit und 40 m lang. Dachfläche: 1300 m2. Neunzig Prozent des Baus sind aus Bambus, der grösstenteils in der Region wuchs. Selbst die Lampen und Möbel sind aus Bambus.

Im Menschenaffenland. Den Bau entworfen hat der Winterthurer Architekt Lukas Zollinger (33), unterstützt vom deutschen Bambusarchitektur-Guru Jörg Stamm. Der Naturbau am Bohorok-Fluss in Bukit Lawang ist Teil der «Eco Lodge», einem Umweltbildungszentrum und Touristen-Resort von YEL, der indonesischen Partnerorganisation der Schweizer Umweltstiftung PanEco. Deren Präsidentin und Gründerin, die Biologin Regina Frey, arbeitet seit Jahrzehnten im Umweltbereich in Indonesien. Prominent wurde sie mit Orang-Utan-Forschungen und Schutzprogrammen für diesen Menschenaffen, der zu unseren nächsten Verwandten gehört.

Das mächtige Bambusschiff liegt direkt im Menschenaffenland: Das Haus grenzt an den Gunung-Leuser-Nationalpark, an einen der letzten grossen Regenwälder Südostasiens. Es gibt keinen anderen Ort, wo man Orang-Utans in freier Wildbahn so leicht beobachten kann. Doch Palmölplantagen zerstören hier auf Sumatra und auf dem benachbarten Borneo den Lebensraum dieser und zig anderer Tiere rasant. «Wir müssen den übrig gebliebenen Wald unbedingt schützen», sagt Architekt Zollinger. «Mit dem ‹Kapal Bambu› zeigen wir, dass Bambus eine gute Alternative zum Tropenholz ist.» Frey ergänzt: «Das ‹Mega-Gras› Bambus ist ein faszinierendes, nachhaltiges Baumaterial mit einem gewaltigen Entwicklungspotenzial. Es schafft Arbeitsstellen für die einheimische Bevölkerung und vermindert den Druck auf das Tropenholz.»

Belastbar wie Stahl. Der gelernte Zimmermann Lukas Zollinger ist begeistert vom Naturbaustoff. «Bambus wächst ungeheuer schnell; in zwei, drei Monaten ist er vollständig ausgewachsen und wird je nach Sorte mehr als dreissig Meter hoch.» Tatsächlich ist Bambus die am schnellsten wachsende Pflanze unseres Planeten. Ein Wachstum von einem Meter in 24 Stunden sei nicht aussergewöhnlich, liest man in der Fachliteratur. Neben seiner schweren Brennbarkeit für das Bauen besonders wichtig: «In der Längsrichtung ist Bambus ungefähr so belastbar wie Konstruktionsstahl», sagt Zollinger. Bambus hat noch einen weiteren unschätzbaren Vorteil: Konstruktionen mit diesem Rohstoff sind erdbebensicher. In Indonesien, das immer wieder von Beben heimgesucht wird, eine lebensrettende Eigenschaft.

Hochhäuser aus Holz
Noch gibt es keine Wolkenkratzer aus Holz. Doch dies ändert sich gerade. Denn der nachwachsende Baustoff bietet viele Möglichkeiten – und ist viel resistenter als allgemein angenommen. Seit 2015 ist von den Schweizer Brandschutzvorschriften her die Anwendung von Holz in allen Gebäudekategorien zugelassen. Nun entsteht in Risch-Rotkreuz im Kanton Zug mit zehn Stockwerken und 36 Metern Höhe das erste Holzhochhaus der Schweiz. 2018 soll es gebaut sein. Die «Suurstoffi» wird Raum für 1500 Bewohner und über 2500 Arbeitsplätze bieten. Geplant ist auf demselben Areal zudem ein 60 Meter hohes Holzgebäude für die Hochschule Luzern. Das mit 84 Metern grösste Holzhochhaus der Welt entsteht derzeit in Wien-Aspern. Es soll ebenfalls 2018 fertig sein.
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Bier und Särge. Für Zollinger sprechen viele weitere Gründe für Bambus. Wegen seines schnellen Wachstums absorbiert er viel mehr Kohlendioxid (CO2) als Bäume und andere Pflanzen und gilt deshalb als «Sauerstoffmaschine». Zudem braucht das Riesengras keine zusätzlichen Düngemittel. Diese erzeugt es nämlich mit seinen vielen Blättern gleich selbst. Die CO2-Bilanz von Bambus sei so gut, dass ökologisch sogar ein Transport in die Schweiz drin liege, meint Zollinger. Allerdings seien Bambushäuser bei uns eher sinnlos. «Wir haben mit unseren einheimischen Hölzern genügend nachhaltigen Baustoff zur Verfügung.» Bambus macht auch bei uns als Rohstoff in Möbel-, Span- und Zementfaserplatten als Baumaterialien durchaus Sinn.

Bambus macht unabhängig. Welche ökologische und wirtschaftliche Bedeutung Bambus haben kann, hat Dirk Hebel an der ETH Zürich erforscht. Der Assistenzprofessor für Architektur und Konstruktion zeigte am Beispiel Äthiopiens, wie sich das Land wegen der Einfuhr westlicher Bautechnologien (Beton, Stahl, Maschinen usw.) verschuldete. Hebel schreibt: «Betrachtet man den Import von Stahl alleine, stellt man fest, dass in ganz Afrika nur zwei der insgesamt 54 Länder überhaupt Stahl produzieren: Südafrika und Ägypten.» Dabei wächst das günstigste, angepassteste und nachhaltigste Baumaterial vor der Haustür – Bambus. Geschätzte 90 Prozent der zukünftigen Urbanisierung wird in Ländern des tropischen Gürtels stattfinden – «in genau jenen Regionen also, wo Bambus und andere nachwachsende Rohstoffe mit enormer Zugfestigkeit gedeihen», schreibt Hebel. Nicht umsonst beginnt jetzt auch in Indonesien ein Umdenken. Es sei aber noch viel Forschung nötig, um Bambus in grossem Stil und zufriedenstellend einsetzen zu können, meint der ETH-Professor.

Bambus hat auch einige wenige Nachteile. Ein Problem ist die Anfälligkeit auf Pilz- und Insektenbefall. Sie können das Naturmaterial in kurzer Zeit vernichten. Dem Pilzbefall wird, wie beim Bambusrestaurant von Bukit Lawang, mit einer Naturölbehandlung vorgebeugt und vor allem mit einem vor Nässe schützenden Schindeldach. Vor dem Bauen kommt der Bambus einige Tage lang in eine Salzlösung (Borax). «Damit durchtränkt und gut getrocknet ist er für Termiten nicht mehr attraktiv», sagt Zollinger.

Buchtipps
• Signe Preuschoft «Meine wilden Kinder. Ein Leben für die letzten Orang-Utans», Brandstätter, 2017, Fr. 28.90
• Marcel Kalberer «Das Bambusbaubuch. Spielen, Gestalten und Konstruieren mit Bambus», AT Verlag, 2007, Fr. 41.90

Illustration: istockphoto.com

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