Carte Blanche:
Wie sag ich es meinen Söhnen?
Patrick Rohr über die Notwendigkeit, das zu sagen, was man eigentlich sagen will und aus Angst, schlecht dazustehen, oft nicht sagt. Oder: Nicht um den heissen Brei herumreden und seine Gäste direkt zum Gehen auffordern.
«Wie sage ich meinen Söhnen, dass sie endlich ausziehen sollen?» Die Frage kam so unvermittelt, dass das Publikum erst einmal einen Moment lang gar nicht reagierte – und dann in lautes Gelächter ausbrach. «Es ist mir Ernst», doppelte die Frau unbeirrt nach, «ich will, dass sie endlich gehen!» Das Gelächter verstummte.
Ich war eingeladen, ein Referat zu halten zum Thema «Schwierige Gespräche führen». Im Publikum sassen die verschiedensten Menschen – Krankenpflegepersonal, Diözesemitarbeiterinnen, Polizisten, Lehrpersonen, Eheleute, Väter, Mütter. In meinem Vortrag hatte ich erzählt, wie wichtig es ist, in schwierigen Gesprächs-situationen ehrlich und authentisch zu sein, sich zwar in das Gegenüber einzufühlen, aber nicht mit ihm mitzuleiden – und vor allem nicht um den heissen Brei zu reden.
Wir waren in der Diskussionsrunde nach dem Referat, als die Frau ihre Frage stellte. Auf meine Nachfrage hin führte sie weiter aus, warum sie wollte, dass ihre Söhne endlich ausziehen: «Sie sind 22 und 24, also alt genug, um alleine zu leben. Ich habe allein vier Kinder grossgezogen, jetzt möchte ich endlich einmal Zeit für mich haben, mein eigenes Leben leben. Aber meine Jüngsten denken nicht daran wegzugehen. Ihnen gefällt es im Hotel Mama – ich möchte aber nicht länger ihre Koch-und-Wasch-Mutter sein, ich habe genug.» – «Haben Sie ihnen das schon einmal gesagt?», fragte ich nach. «Nein», sagte die Frau, «sonst werfen sie mir noch vor, eine schlechte Mutter zu sein und das habe ich nach all den Jahren nun wirklich nicht verdient».
In mir begann ein innerer Film abzulaufen. Wie oft schon im Leben habe ich nicht gesagt, was ich eigentlich wollte, weil ich Angst hatte, dass man schlecht von mir denken oder ich jemanden verletzen könnte? Motive, die wahrscheinlich auch Ihnen nicht ganz unvertraut sind. Oder kommt Ihnen diese Szene nicht bekannt vor? Sie haben Besuch, das Essen war fein, der Abend soweit gelungen – jetzt wären Sie froh, wenn Ihre Gäste langsam gehen würden. Aus Angst, sie zu verletzen – und dann möglicherweise schlecht dazustehen –, sagen Sie aber nicht: «Ich würde jetzt gerne ins Bett, ich wäre froh, Ihr würdet langsam nach Hause gehen.» Nein, wahrscheinlich sagen Sie: «Unglaublich, wie die Zeit vergeht – es ist schon Viertel vor zwölf.» Dumm nur, dass dieser Satz nicht eindeutig ist und zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten führen kann. Im blöderen Fall sagt Ihr Besuch nämlich: «Ja, wirklich unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Da wäre es doch schade, schon aufzubrechen. Trinken wir noch eins!»
Aus der Angst heraus, ihre Söhne zu verletzen – oder von ihnen verletzt zu werden –, sagt die Frau ihnen also nicht, dass sie froh wäre, wenn sie ausziehen würden. «Schade», sagte ich, «so wird Ihr Frust ja nur grösser. Versuchen Sie es doch einmal, sagen Sie es ihnen, direkt und unverblümt, ohne Vorwürfe. Formulieren Sie einfach Ihr Bedürfnis – und schauen Sie, was passiert.» Ob sie es getan hat, weiss ich nicht. Aber ich für mich lebe seit diesem Abend ein kleines bisschen besser. Weil ich seither öfter sage, was ich wirklich will.
Carte Blanche | Patrick Rohr
Patrick Rohr, 1968, war von 1993 bis 2007 Redaktor und Moderator für verschiedene Sendungen des Schweizer Fernsehens (unter anderem «Arena» und «Quer»). Seiteher leitet er eine eigene Firma für Kommunikationsberatung in Zürich.
Sein kürzlich im Beobachter-Buchverlag erschienener Rhetorikratgeber «Reden wie ein Profi» ist bereits in der zweiten Auflage erhältlich.
www.patrickrohr.ch
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