Carte Blanche:
Warum Beamten die wahren Bäuerinnen-Geschichten entgehen
Susanne Hochuli |
Susanne Hochuli über den attraktiven Tierarzt und die Beamten aus Bern, die nie das hören wollen, was Bäuerinnen am liebsten erzählen möchten.
Wir Bauern haben sehr wenig Zeit im Sommer. Deshalb gibt es in Bern Leute, die im Büro sitzen und sich überlegen, wie wir Bauern schneller auf den Punkt kommen könnten.
Die Beamten verlangen von uns, dass wir säuberlich Tagebuch-Kolonnen führen über unser Leben auf dem Bauernhof. Eigentlich müssen das komische Menschen sein, denn für das wirklich Interessante haben sie uns keine Kolonne gegeben: Wer mit wem und wo, und was die Bertha der Hedi und diese wiederum der Louise erzählt hat, ist ihnen völlig egal. Nein, wir müssen aufschreiben, was wir der Olga gegen Durchfall und dem Negi gegen Nasenfluss gegeben haben. Bekämpfen wir Würmer, die sich in unseren Tieren einnisten, wollen sie den Kampfbericht lesen. Sie wollen wissen, ob wir dem Unkraut den Garaus machen und wie, aber ob wir das nur im Bikini von Hand tun, ob da viele Töffli mit Männern an uns vorbeituckern, interessiert sie nicht. Kommt der Tierarzt, muss er im Behandlungstagebuch aufschreiben, dass er dem Schaf ein Depotantibiotikum in die Gebärmutter eingelegt hat und dass die frisch gewordene Mutter in den nächsten 28 Tagen nicht verzehrt werden darf. Als ob ich die essen möchte! Dabei würde ich den Beamten gerne anderes erzählen:
Nass wie der Sommer mit Hagel und Gewitter begann, fing auch das Leben der zwei Lämmer an. Das Fruchtwasser ging und danach ging nichts mehr. Weder wollte das Schaf freiwillig von der Weide in den Stall, noch ging das Handy des Gschtudierten, der weg war und in Geburtssachen kompetenter ist als ich hysterisch. Wenigstens ging der Notruf beim Tierarzt und kurz vor Mitternacht traf er das Schaf an, meine Tochter und mich. In Anbetracht der Anwesenheit meiner Tochter erübrigte sich das Nachdenken über einen Flirt; er ist sehr attraktiv, der Tierarzt, und meine Tochter zu clever. Die blutverschmierten Männerarme hinderten mich daran, mich ohnmächtig in sie zu werfen, und Übermüdeten stehen Tränen nicht gut, also schaltete ich auf normal, insbesondere da der Tierarzt genervt war über die Sprüche der Tochter («reiss dem Schaf nicht noch den Magen raus», na ja, wo sie recht hat, hat sie recht), und da zu spät aber immerhin der Gschtudierte auftauchte.
Das wären Geschichten, aber unerwünschte, da wir Bauern eben schaffen und nicht schreiben sollten. So haben sich die Beamten eine Kurzsprache einfallen lassen: «21. 06.: 2 x 1 E aus B von B2 auf W, Geburt in BTS, D-A in U, sofort in L, dann wegen RAUS zurück in KF zu B1 und D2.»
Das Dumme ist nur: Je nach Formular bedeuten die Abkürzungen etwas anderes und ich mache mir Kummer, dass die Beamten deshalb keine Ahnung haben, was wir vom Land eigentlich sagen wollen.
Dekodierung für Neugierige:
E: Eigenaufzucht; B: aus biologisch-organischem Betrieb; B2: Schafe;
W: Weide; BTS: besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme;
D-A: Depotantibiotikum; U: Uterus; L: Laufhof; RAUS: Label für Outdoor-Tierhaltung; KF: kontrollierte Freilandhaltung von Nutztieren;
B1: Tiere der Pferdegattung; D2: Legehennen
Carte Blanche | Susanne Hochuli
Susanne Hochuli, 1965, ist Co-Präsidentin der Grünen Fraktion im Grossen Rat des Kantons Aargau. Die Mutter einer 14j-ährigen Tochter bewirtschaf-tet gemeinsam mit ihrem Partner einen Biobauernhof in Reitnau (AG). Zweites ökonomisches Standbein ist der Reitbetrieb: Therapiereiten für Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsschwierigkeiten, J+S Reiten.
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