Carte Blanche:
«Wäre nicht besser, ich würde lügen?»
Die Wahrheit ist ein kostbares Gut – so kostbar, dass viele sie lieber unter dem Deckel halten. Doch das, meint Patrick Rohr, zahlt sich selten aus.
Am Rand eines Anlasses traf ich kürzlich einen mir flüchtig bekannten Chef eines mittelgrossen Unternehmens. Er sagte mir, er sei gerade in einer «etwas schwierigen» Situation. Es gäbe da nämlich eine Geschichte, die um keinen Preis publik werden dürfe. Er fragte mich, wie er sich wohl am besten verhalten würde, wenn die Geschichte nun doch an die Öffentlichkeit käme. «Ehrlich sein», sagte ich. «Wäre nicht besser, ich würde lügen?» – «Lügen?» – «Nun, vielleicht einfach nicht ganz die Wahrheit sagen.» Es schien ihm der beste Weg in dieser Situation. So wie vor ihm schon ande-ren Führungspersönlichkeiten.
Erinnern wir uns an Hans Vögeli, einst gefeierter Chef der Zürcher Kantonalbank. Einige Monate vor seinem angekündigten Rücktritt geriet seine Bank wegen eines nicht ganz sauberen Optionenhandels in die Schlagzeilen. Kann nicht sein, sagte Hans Vögeli, solche Deals gibt es bei uns nicht. Dummerweise machten die Medien kurz darauf publik, dass solche Deals gang und gäbe waren bei der ZKB, worauf Herr Vögeli den zuständigen Kadermann feuerte. Wiederum kurz darauf kam aus, dass sogar Herr Vögeli selbst sich an diesen Deals beteiligt – und bereichert – hatte. Vorbei der Traum vom feierlichen Abgang – Vögeli musste seine Bank durch die Hintertür verlassen, seine Glaubwürdigkeit war dahin.
Ein ähnliches Drama spielte sich vergangenen Sommer an der Armeespitze ab. Als die «SonntagsZeitung» publik gemacht hatte, dass Armeechef Roland Nef vor einigen Jahren wegen verschmähter Liebe seiner ehemaligen Partnerin nachgestellt hatte, stritt er zuerst alles ab, gab nach neuerlichen Enthüllungen zu, tatsächlich einige «persönliche Probleme» gehabt zu haben – bis er sich nach der Publikation von weiteren äusserst unappetitlichen Details schliesslich dem Druck der Medien beugen und gehen musste. Nach drei Wochen Salamitaktik war auch Nefs Glaubwürdigkeit futsch.
Ähnlich ungeschickt verhielt sich Nefs Chef, Bundesrat Samuel Schmid, im Nachgang zu dieser Affäre. Den Vorwurf, er sei über Nefs Vergangenheit schon lange vor dessen Wahl zum Armeechef bestens informiert gewesen, konterte Schmid mit der Feststellung, dass er diese Tatsache «vergessen» hätte, was passieren könne, da er ja «auch nur ein Mensch» sei. Hübsch gesagt, nur wahrscheinlich auch nicht ganz die Wahrheit. Fast hätte dieser doppelte Salto rückwärts Schmid den Kopf gekostet.
Warum trampen erfahrene und erwachsene Menschen immer wieder in die «Nicht-ganz-die-Wahrheit»-Falle? Es ginge doch auch anders. Als die Neuenburger Stadtpräsidentin Valérie Garbani in die Schlagzeilen kam, weil sie im Alkoholrausch Polizisten angepöbelt hatte, stand sie hin und sagte: Ja, ich habe ein Alkoholproblem, ich habe auch ein grosses Problem in meiner Beziehung – beides möchte ich in den Griff bekommen. Garbani wurde glanzvoll wiedergewählt.
Oder der Walliser Staatsrat Thomas Burgener: Er baute mit einigen Promillen zu viel im Blut einen Autounfall. Gab es zu, zeigte sich reuig. Und wurde ebenfalls problemlos wiedergewählt.
Der mir flüchtig bekannte Wirtschaftsführer hörte meinen Ausführungen aufmerksam zu. «Wertvolle Gedanken», sagte er, er müsse jetzt aber dringend weiter. Was wohl leider auch nicht ganz die Wahrheit war.
Carte Blanche | Patrick Rohr
Patrick Rohr, 1968, war von 1993 bis 2007 Redaktor und Moderator für verschiedene Sendungen des Schweizer Fernsehens (unter anderem «Arena» und «Quer»). Seiteher leitet er eine eigene Firma für Kommunikationsberatung in Zürich.
Sein kürzlich im Beobachter-Buchverlag erschienener Rhetorikratgeber «Reden wie ein Profi» ist bereits in der zweiten Auflage erhältlich.
www.patrickrohr.ch
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