Carte Blanche:
Fette Beute
Die frisch gebackene Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli konkretisiert ihr Regierungsprogramm: den Zürchern das Wasser abgraben, Berner Männer unter den Aargauerinnen verteilen.
Das wirklich Anstrengende an der Politik ist der Apéro riche. Dieser gesellschaftliche Anlass wird so terminiert, dass man hungrig und müde dort eintrifft. Müde vom Zuhören der klugen Gedanken anderer, vom Selber-klug-Denken oder vom Reden über das klug Gedachte. Hungrig ist man immer in der Politik.
Apéros riches sind das Paradies für Fettnäpfchen. Die stehen dort herum, nicht etwa auf dem Buffet – sie sind überall. Am Apéro riche könnte ich vier Hände brauchen. Eine muss den Teller tragen, eine die Häppchen darauf arrangieren. Eine Hand hält das Glas; manchmal kann man es am Teller befestigen, das ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Und eine brauche ich, um die vierte Hand der anderen zu schütteln.
Entscheidend ist, dass ich den Teller klug belade, nicht etwa, damit möglichst viel darauf passt, zum Essen kommen Sie so oder so nicht beim Apéro riche. Es gibt Häppchen, die nur darauf warten, uns blosszustellen. Ich beisse in eine Cherrytomate und die Kerne landen im Ausschnitt der Frau des Regierungsrates, von dem ich nächstens eine wohlwollende Antwort auf einen politischen Vorstoss erwarte. Ich esse Bündnerfleisch, merke mit Entsetzen, dass sich dieses in meinen Schaufelzähnen verheddert, und genau jetzt kommt einer auf mich zu, begrüsst mich als Altbekannte und ich habe keine Ahnung, wer vor mir steht. Ich greife mir einen Zahnstocher, mit Traube bestückt, und einer fragt mich, ob ich es mir als Grüne leisten könnte, jetzt, zu dieser Jahreszeit, Trauben zu essen. Voller grauer Energie sei die und bestimmt tot gespritzt mit Chemie.
Ich lisple, wegen des eingeklemmten Trockenfleisches, dass es mir nur um den Zahnstocher gehe. «Stehen Sie doch wenigstens dazu, dass Sie Trauben essen», sagt der andere. Beschämt schaue ich auf meine Füsse. Die Zehennägel sind chemisch bemalt.
Ich wechsle auf Käse, der scheint harmlos, greife mir ein Stück Parisette mit Gorgonzola. Da begrüsst mich einer mit Küsschen rechts, links – wendet sich abrupt ab, ich sehe: Er rümpft die Nase. Ich beschliesse, nur noch zu trinken.
Es geht leichter mit Reden. Eine Hand ist frei zum ständigen Schütteln, nichts verklemmt sich in den Zähnen und der Wein füllt Schlückchen um Schlückchen den Bauch. Mir wird warm.
Ich erinnere mich schwach, dass man heikle Themen nicht mal touchiert beim Small Talk. Ich nippe am Glas und sage, dass die Gemeinden dem Kanton mehr von der Hundemarkensteuer abgeben müssen. Ich diskutiere, ob die Regierung antizyklisches oder verstetigtes Vorgehen in Wirtschaftsfragen anstreben soll, bemerke eloquent, dass vier zusätzliche Informatikerstellen nicht bewilligt werden – mit der Konsequenz, dass die ganze Datenbank der kantonalen Verwaltung bald so serbeln wird wie mein eigener Computer. Das Glas leert sich, ich lasse es nachfüllen und erzähle, dass der Aargau wegen der drohenden Stromlücke den Zürchern das Wasser abgraben werde und geplant sei, dass die Kapo den Kanton Bern überrenne und die bernische männliche Bevölkerung unter den Aargauerinnen verteile. Jemand lacht laut in der Stille. Es tönt erschreckend nach meinem Lachen.
Carte Blanche | Susanne Hochuli
Susanne Hochuli, 1965, ist die erste grüne regierungsrätin des Kantons Aargau. Die Mutter einer 14-jährigen Tochter beweirtschaftet gemeinsam mit ihrem Partner einen Biobauernhof in Reitnau AG mit Reitbetrieb sowie Therapiereiten für Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsschwierigkeiten.
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