Carte Blanche:
Der Weg allen Fleisches
Thomas Widmer, der weiss, dass Natürliches höchst unnatürlich ist, über die Auferstehung – und die damit verbundene und nicht unwesentliche Frage: In welcher Form?
Es ist Herbst, die dunklen Abende sind da, die Zeit der Kerzen ist gekommen, schwerer Rotwein passt. Und es ist wieder Zeit für Händels «Messias». Schon im Sommer freue ich mich jeweils auf diese feierliche, vielstimmige Musik.
«Sie schallt, die Posaun, und die Toten erstehn unverweslich», heisst es im «Messias». Die Zeile hallt jedes Mal in mir nach. Es arbeitet im Kopf, während ich auf dem Sofa liege. Ich komme ins Grübeln und denke, dass ich das christliche Dogma dahinter nicht verstehe: die Auferstehung im Fleisch.
Wir Menschen sind Fleisch. Wir verwesen, wenn wir tot und begraben sind. Am jüngsten Tag wird die Verwesung rückgängig gemacht. Okay. Ich frage mich dann allerdings: Wenn die Posaune schallt – in welcher körperlichen Gestalt genau kommen wir zurück?
Soll ich hoffen, in Bestform erweckt zu werden?
Aber wann war ich überhaupt in Bestform? Als linkischer Gymnasiast, 16 Kilo leichter als heute, dünnhäutig und nervös, aber mit einer garantiert hundert Prozent intakten Leber? Heute bin ich sportlicher und zugleich dicker; ich wandere viel und habe dennoch ein Wohlstandsbäuchlein, denn ich esse und trinke gern. Und Bresten plagen mich. Werde ich also leicht hinkend, weil das linke Knie wieder schmerzt, vor Gott treten? Oder so, wie ich in der Stunde des Todes aussah? Oder hüpfend, als kleiner Bub? Oder entfallen dort oben prinzipiell alle Beschwerden?
Irgendwie wäre so ein total renovierter Perfektwidmer auch seltsam.
Es ist eine komplizierte Sache mit dem Fleisch, fürwahr.
Als ich diesen Herbst über den Zwinglipass wanderte, von Brülisau nach Wildhaus, da schien zwar die Sonne, doch eine eisige Bise wollte mir durch die Goretex-Jacke und den Pullover an die Nieren. Zur gleichen Zeit war im Alpstein ein deutscher Nacktwanderer unterwegs, las ich am nächsten Tag in der Zeitung. Ob sich der Mann nebst seiner Anhaltung durch die Innerrhoder Polizei noch mehr Unbill zugezogen hat, eine Blasenentzündung etwa? Und stimmt nicht auch in diesem Fall, was ich in einer früheren Kolumne schrieb: dass natürlich unnatürlich ist?
Ging Ötzi nackt einher, damals in der Jungsteinzeit? Keineswegs, er trug Jacke und Hose aus Ziegenfell, darunter einen Lendenschurz, Schuhe und eine Kappe. Nudismus ist eine Erfindung der Neuzeit: Der Nacktwanderer träumt sich einen Naturzustand herbei, den es gar nie gab.
Und überhaupt: Will ich fremdes Fleisch sehen, das ich nicht bestellt habe? Nein, danke! Eine Ausnahme mache ich indes gern. Ich mag das Fleisch des Dalai Lama. Er trägt fast immer eine Robe, die den einen Arm bis zur Schulter frei lässt. Mein Blick verweilt daran. Es ist eine schöne Sache. Der nackte Arm erinnert an die Vergänglichkeit des ganzen Körpers. Von Jahr zu Jahr wird der Dalai Lama hinfälliger.
Das rührt an. Es liegt in der Offenlegung dieses Zerfalls eine Demut, die anderen Staatsmännern ebenfalls gut anstünde. Auch Bush, Putin, Berlusconi und all die anderen arroganten Herren sind welkendes Fleisch.
Carte Blanche | Thomas Widmer
Thomas Widmer, 46, ist Hintergrundredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich und schreibt dort auch die donnerstägliche Wanderkolumne «Zu Fuss». Er hat zwei Wanderbücher publiziert, www.echtzeit.ch.
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