Carte Blanche:
Lob der Ataraxie
Wie Thomas Widmer antiken Daseinsidealen nachhängt und damit ziemlich antiquiert in der modernen Gesellschaft steht – körperlich, charakterlich, beruflich, beziehungstechnisch.
Du sitzt mit Kollegen in der Kantine beim Essen und ihr diskutiert, wohin ihr im Beruf eigentlich wollt. Die Jüngsten seid ihr alle nicht mehr, gerade darum quält euch das Thema. Und just als du an die Reihe kommst, taucht der Chef auf, den ihr in der Kantine fast nie seht und mit dem du recht wenig zu tun hast.
Und während sich der Chef jetzt zu euch setzt, sagt dein Kollege zu dir: «Also, was willst du in den nächsten 20 Jahren erreichen?» Und du Trottel sagst die Wahrheit. «Eigentlich nichts», sagst du. «Ich bin zufrieden mit meinem Job. Von mir aus kann es für den Rest des Lebens so bleiben. Ich habe keine Ziele.»
Autsch. Dafür kriegst du null Punkte. Was wird der Chef nun von dir halten? Wird er denken, dass du ein ehrlicher Mensch bist, der sich nicht aufplustert? Nein. Er wird denken: Was für ein ehrgeizloser, schlaffer, apathischer Typ!
Manche modernen Tabus sind oberflächlicher Natur. Dass ein Mann zur Pedicure geht, etwa. Andere Tabus reichen tiefer, rühren an unser Selbstverständnis. So auch das Tabu vom Stillstand. Ich kenne viele Leute, die sich gar nicht weiterentwickeln möchten. Weder beruflich noch privat. Verweilen wollen sie. Verkörpern, was sie sind. Mit dem auskommen, was ihnen das Schicksal zugeteilt hat.
Auf Radio 1 im morgendlichen Promi-Kurzinterview allerdings flötet die 20jährige Schönheitskönigin auf die Frage, wie ihr Tag aussieht: «Ui, meine Agenda ist wieder einmal total voll mit Geschäftsterminen! Und am Mittag will ich mit meiner Kollegin joggen! Und dann mache ich zwei Stunden Charity mit Waisenkindern! Ausserdem habe ich ein Treffen wegen eines Stilberatungsprojekts! Und am Abend will ich mit guten Freunden Sushi essen gehen! Und dann werde ich im Bett noch im neuen Paul-Auster-Roman lesen!»
Und was posaunt der Blocher in jedes Mikrofon? Den Gemeinplatz aller Selbstdarsteller unserer Öffentlichkeit: dass er mit drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt.
So ist das heute. Alle wollen dynamisch sein, busy, permanent unterwegs und allzeit kontaktfreudig. Das hat System: In unserer Wachstumsgesellschaft musst du etwas sein, musst etwas werden, musst täglich an dir arbeiten. Körperlich (im Gym). Charakterlich (im Büro). Beruflich (in der Weiterbildung). Beziehungstechnisch (in der familiären Quality Time).
In der Antike hiess das Seinsideal «ata raxia»: Seelenruhe. Man durfte öffentlich sagen, dass man danach strebe, von heftigen Gemütsregungen verschont zu werden. Und dass man die höchste Zufriedenheit, die «eudaimonia», darin sehe, allen Turbulenzen aus dem Weg zu gehen. Exakt das Gegenteil dieser inneren Genügsamkeit hat sich dann aber durchgesetzt: Der «Homo Neuzeit» ist ein Glücksmanager seiner selbst. Ein ewig Suchender, nie Ankommender. Das Fatale daran: Er wird nie fertig, denn es gibt immer etwas zu optimieren.
Kürzlich ging mein Freund Otto an eine Party von Zürcher Singles um die 40. Seine Schwester hatte ihn dazu überredet. Auf die Frage der Frau neben ihm an der Bar, was sein persönliches Motto sei, sagte er unverblümt: «Ich will meine Ruhe!» Kein Wunder, ging Otto dann allein heim.
Thomas Widmer, 47
Hinterrgrundredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich und schreibt dort auch die Wanderkolumne «Zu Fuss». Er hat zwei Wanderbücher publiziert.
www.echtzeit.ch
Bild: Allie_Caulfield / flickr / cc
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