Carte Blanche:
Ich bin eine Baustelle
Was tun, wenn mit fortschreitendem Alter die ersten «Bresten» kommen. Thomas Widmer über Zerfallserscheinungen und die Hoffnung.
Rückenschmerzen. Und das seit Wochen. Mühsam. Ich gehe gebeugt, ich humple, ich fühle mich wie 57, obwohl ich doch erst 47 bin.
Jeder Körper hat seine Sollbruchstellen, die ihm bei Fabrikationsbeginn ein gebaut wurden. Irgendwann, wenn der Körper zu viel zu tun hat, zu sehr belastet wird oder gestresst, dann klemmt, bricht, reisst eine dieser Sollbruchstellen.
Oder mehrere. Ich verspreche, jetzt kommt keine Krankengeschichte. Nur so viel: Ich hatte nach einem Bänderriss zuerst zwei Jahre Knieprobleme. Dann Knie-Fuss-Probleme. Und seit Kurzem Knie-Fuss-Rücken-Probleme. Das Problem wird also jährlich komplizierter, und meine Lebensreise durch die Problemzone gleicht einem dieser Trans-Amerika-Trips in den postmodernen Romanen des mysteriösen Autors Thomas Pynchon: endlose Fahrten, Rastplätze, Shoppingmalls, Parkfelder, Schrottplätze, alles flach, nirgendwo eine Erhebung, an der man sich orientieren könnte, ein Nullpunkt im Koordinatensystem der Irrsal.
Ich habe jetzt nicht mehr nur einen Hausarzt, ich habe auch eine Physiotherapeutin. Und einen Orthopädietechniker. Er soll mir Einlagen verpassen. Ich muss dreimal hin, er tut sein Bestes, aber irgendwie wird das Problem nicht gelöst, sondern bloss verändert, und mit der Zeit weiss ich nicht mehr: War die Einlage gestern besser als heute? Soll ich eventuell auf der linken Seite leicht erhöhen lassen? Und täusche ich mich, oder zwickt der Rücken jetzt plötzlich an einer anderen Stelle? Und hat das wirklich noch mit dem Fuss zu tun? Es sind einfach zu viele Parameter in der Gleichung meiner Gesundheit. Alles hängt auf verzwickte Weise zusammen. Und ich komme mir vor wie meine eigene Baustelle. Ich bin ein Renovationsprojekt. Ich könnte ein Schild neben mich stellen: «Totalsanierung der Anlage Thomas Widmer, Kosten 22450 Franken, beteiligte Architekten: Dr. med. Mattli, Pilates Instruktorin Frau Moser, Orthopädietechnik Schmid, MRI-Institut Haushofer, voraussichtliche Beendigung und Neuinbetriebnahme 2011.»
2011? Du bist ein Optimist, würde mein Freund Max jetzt sagen, der einen lebenslangen Bandscheibenschaden hat, während ich von meinem immer noch hoffe, dass er temporär ist. Max hat sich eine Einstellung zugelegt, die er «konstruktiven Pessimismus» nennt und die daraus besteht, dass er sagt: «Es wird nie wieder gut. Aber hey, ich lebe trotzdem. Ich und mein Schaden, wir sind Brüder im Guten wie im Schlechten, bis zum Ende.»
Max ist Realist. Ich habe noch Träume. Und kürzlich, nachts, hatte ich einen konkreten Traum. Ein alter Mann sass an meinem Bett. Er trug Kleider aus gegerbtem Leder, Ziege wohl. Er hatte ein Gesicht wie aus Pergament und eine seltsame quadratische Hutmütze aus dem erwähn ten Leder. Und er summte immer wieder mit kehliger Stimme die selben paar Worte, die ich nicht verstand, und schwenkte einen Birkenwedel über meinen Kopf. Er war ein Magier aus Sibirien, gekommen, mir den bösen Geist aus der Wirbelsäule zu treiben.
Leider bin ich dann aufgewacht. Und in diesem Zustand mag ich nicht so richtig glauben, dass ein helfender Schamane auftaucht.
Thomas Widmer, 47
Hinterrgrundredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich und schreibt dort auch die Wanderkolumne «Zu Fuss». Er hat zwei Wanderbücher publiziert, www.echtzeit.ch
Kommentare