Carte Blanche
Die regierungsrätliche Maus
Eine Regierungsrätin sollte den Wunsch frei haben, sich täglich für eine Stunde in eine Maus verwandeln zu können. «Iiih, gruusig», sagen Sie. Ja, aber praktisch, sage ich.
Politikerinnen und Politiker der gehobenen Exekutive kann es leicht passieren, dass sie nicht mehr von dieser Welt sind. Natürlich sind sie weiterhin aus Fleisch und Blut und gehen mit ebensolchem um, aber doch anders: Denn sie sind Regierende. Und werden dementsprechend behandelt. An Anlässe geladen, zu Sitzungen verpflichtet, zu Reden verknurrt, als Zierde erwünscht. Und alle wollen etwas von ihnen. Zu Recht, dafür wurden sie schliesslich gewählt.
Doch aufgepasst: Als Regierende darf man sich nicht der Illusion hingeben, man hätte – nur weil immer alle etwas von einem wollen – unendlich zu geben. Das heisst: Man muss sich bewusst bleiben, wann man was zu geben hat, wie viel – und vor allem weshalb. Und zwar für die Anderen. Auch wenn man manchmal nicht genau weiss, was die Anderen brauchen. Oder sich nur vorstellt, was es sein könnte.
Woher weiss man als Regierende, was Familien wirklich brauchen, wenn man so selten zu Hause ist und dieses Zuhause zudem privilegiert ist, weil man stets genug Geld hat für ein angenehmes Leben? Woher weiss man, was Familien wirklich brauchen, wenn man sich die schwer wiegenden Sorgen der Wirtschaftskapitäne und Gesundheitsapostel an Sitzungen anhört, aber nicht jene der Mütter und Väter, die tagtäglich überfordert sind zwischen Beruf, Familie und dem, was ihnen tatsächlich als Leben vorschwebt?
Da wäre die graue Maus praktisch. Sie versteckt sich in der Küche, lässt ihre schwarzen Knopfaugen kullern, zittert mit den Schnauzhaaren und spitzt die Ohren und versteht, was der Familie zum Glück fehlt. Sie schlüpft im Pflegeheim unter eine Decke, schmiegt sich in die einsame Hand eines Menschen und merkt, dass ihre Anwesenheit zwar nicht allen Qualitätsanforderungen entspricht, aber ihr Fell etwas Weiches und Warmes zu geben vermag, das in keinem Heimkonzept steht. Sie versteckt sich über Mittag in einem Kinderzimmer, in dem es nicht nach einem feinen Essen riecht, sondern die Stereoanlage dröhnt, der Computer surrt und das Handy piepst. Und die graue Maus würde sich fragen, weshalb es in dieser Gemeinde noch keinen Mittagstisch gibt.
Zum Glück sieht die Maus aber auch Glück und Freude: Es ist nicht alles so grau wie die Maus. Ein Mädchen zieht sich das Kopftuch über und niemand stört sich daran, weil es trotzdem mitmacht im Schwimmunterricht und ins Klassenlager geht – einfach mit bedeckten Haaren. Die Maus sieht Menschen, die anderen die Hand reichen auf ihrem letzten Weg. Und diese getrauen sich allmählich, loszulassen und zu sterben. Ohne nach allen technischen Möglichkeiten der Lebensverlängerung zu verlangen, dafür aufgehoben in einer alles umfassenden, menschenwürdigen Betreuung am Übergang von Leben und Tod.
Jeden Tag eine Stunde lang Maus sein, das ist doch ein guter Wunsch für alle Regierungsrätinnen und -räte für dieses Jahr. Auf dass die Welt, in der sich Regierende bewegen, mehr von dieser Welt ist.
Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 16-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.
Foto: law_keven / flickr / cc
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