Blau ist die Hoffnung
Eine farbige Palette verschiedener Listen gibt Auskunft über den Zustand und die Entwicklung der Artenvielfalt in der Schweiz. Die einen sehen rot, die anderen schwarz. Wer auf der Blauen Liste steht, ist über den Berg.
Es blüht und spriesst wieder überall, die Vögel zwitschern um die Wette. Die Natur ist endgültig aus dem Winterschlaf erwacht. Der unbe-lastete Laie staunt und freut sich ob der Vielfalt. Doch die Fachleute sind besorgt, denn es steht nicht zum Besten mit der Natur. Die Zahlen der Internationalen Naturschutz-union (IUCN) sprechen eine deutliche Sprache: Ein Viertel aller Säugetiere der Erde, ein Achtel aller Vö-gel, ein Drittel aller Amphibien und über zwei Drittel aller Pflanzenarten stehen auf der aktuellen Roten Liste der gefähr-deten Arten. Insgesamt sind weltweit 39 Prozent aller evaluierten Arten gefähr-det. Von 785 Arten weiss man, dass sie ausgestorben sind, weitere 65 existieren nur noch in einzelnen Zoos oder in bota-nischen Gärten.
Die Rote Liste der IUCN erfasst allerdings nur gut einen Fünftel der rund 2 Millionen bekannten Arten. Die gesamte Artenvielfalt der Erde wird von den meisten Experten auf zirka 15 Millionen Arten geschätzt. Über die allermeisten Spezies, geschweige denn über deren Gefährdung, weiss man also nichts.
Das Mittelland sieht rot
«Rote Listen sind ein wichti-ges Instrument des Natur-schutzes, denn sie machen deutlich, wo Handlungsbe-darf besteht», sagt Francis Cordillot vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Sie doku-mentieren die Entwicklung der Artenvielfalt und dienen der Erfolgskontrolle allfälliger Schutzmassnahmen.» In der Schweiz sind die Roten Listen in der Natur- und Heimatschutzverordnung des Bundes und im für die Behörden verbindlichen Landschaftskonzept Schweiz verankert. «Dieses verlangt, dass die Landschaft vom Menschen so zu gestalten ist, dass keine zu-sätzlichen Arten auf die Roten Listen kommen», erläutert Cordillot. Zudem seien gefährdete Arten und deren Lebensräume zu fördern, sodass sich die Anzahl der Rote-Listen-Arten jährlich um 1 Prozent reduziert.
Soweit die guten Absichten. Trotzdem werden die Roten Listen immer länger – auch hierzulande. Laut dem Bafu sind allein in der Schweiz in den letzten 150 Jahren 224 Tier- und Pflanzenarten ausgestorben oder verschollen. Heute stehen 36 Prozent aller einheimischen Arten auf einer Roten Liste. Besonders dramatisch ist die Situation bei den Amphibien und Reptilien. Die Be-stände von Geburtshelferkröte, Kreuzkröte, Laubfrosch, Kammmolch und Teichmolch haben sich innerhalb von 20 Jahren halbiert.
Früher standen vor allem jene Arten unter Druck, die auf Sonderstandorte wie etwa Flach- oder Hochmoore angewiesen sind, da diese Lebensräume stark dezimiert wurden. Heute sind immer mehr Arten bedroht, die in «Normalland-schaften» leben. Vor allem das Mittelland ist diesbezüglich zum Armutsgebiet verkommen. Dies zeigen aktuelle Erhebungen des Schweizer Biodiversitätsmoni-torings. Das vom Bafu initiierte Überwachungsprogramm erhebt periodisch die Artenvielfalt im ganzen Land. Es soll die längerfristige Entwicklung der Bio-diversität erfassen und als Entscheidungsbasis und Erfolgskontrolle für Naturschutz und Raumplanung dienen.
Lange Rote Listen
Die Schweizer Roten Listen werden nach der Methodik der Internationalen Natur-schutzunion (IUCN) erarbeitet und regel-mässig aktualisiert. Anhand verschiedener Kriterien wie etwa Verbreitung, Siedlungs-dichte, Anzahl fortpflanzungsfähiger Indi-viduen wird dieAussterbewahrscheinlich-keit einer Art ermittelt und diese einer der folgenden Kategorien zugeteilt: «ausgestorben», «vom Aussterben bedroht», «stark gefährdet», «verletzlich», «potenziell gefährdet» oder «nicht gefähr-det». Arten der ersten drei Kategorien werden als Rote-Listen-Arten bezeichnet. Untenstehend der Anteil an Rote-Listen-Arten für verschiedene in der Schweiz vorkommende Artengruppen:
Säugetiere: 37 Prozent
Brutvögel: 39 Prozent
Reptilien: 79 Prozent
Amphibien: 78 Prozent
Fische und Rundmäuler: 58 Prozent
Weichtiere: 33 Prozent
Insekten: 39 Prozent
Farn- und Blütenpflanzen: 34 Prozent
Moose: 42 Prozent
Flechten: 41 Prozent
Pilze: 32 Prozent
Abholzen schafft neuen Lebensraum
Die Artenvielfalt Europas und der Schweiz, um deren Erhal-tung sich der Naturschutz heu-te bemüht, ist im Gegensatz zu jener der tropischen Regenwäl-der zu einem bedeutenden Teil das Produkt menschlicher Tä-tigkeit. Ohne Einfluss des Men-schen würde die Landschaft hierzulande vor allem aus Wald und Feuchtgebieten be-stehen. Doch als der Mensch vor etwa 6000 Jahren in Mitteleuropa be-gann sesshaft zu werden und Land-wirtschaft zu betreiben, veränderte er durch Brandrodung, Holzschlag, Bewei-dung oder Ackerbau auch die Landschaft – der Artenvielfalt zum Vorteil. Denn durch ihre Aktivitäten schufen die frühen Besied-ler viele neue Lebensräume. Wiesen, Weiden, Äcker, Wald- und Wegränder, Reb-berge, Hecken, Obstgärten oder Teiche boten nun vielen neuen Tier- und Pflan-zenarten vielfältige Nischen.
Mit den Streuwiesen bildeten sich zum Bei-spiel an feuchten Standorten besonders ar-tenreiche Lebensräume. Einmal pro Jahr im Herbst gemäht, lieferten sie Einstreu für den Stall. Die Bauern schützen die Flächen damit vor Verbuschung und es konnten sich vielfäl-tige Feuchtwiesentypen und botanische Rari-täten wie Orchideen oder die Sumpfgladiole etablieren. Aus dem niederschlagsarmen Zentral- und Südosteuropa wanderten viele Steppenpflanzen ein, die in der nun offenen Agrarlandschaft neuen Lebensraum fanden. Begünstigt durch die Dreifelderwirtschaft bildete sich eine reichhaltige Ackerbegleit-flora aus. Kornrade oder verschiedene Blutströpfchenarten waren allgegenwärtig.
Auch durch die Vieh- und Heuwirtschaft entstanden neue Lebensräume, die von Arten aus den eurasischen Steppen oder aus dem Mittelmeerraum besiedelt wur-den. So bildeten sich auf kalkhaltigen Böden an sonnenexponierten Hanglagen die ausserordentlich artenreichen Magerwiesen. Auf wenigen Quadratmetern kommen dort bis zu 60 Arten vor, darunter viele Orchideen.
Rund ein Viertel der Schweizer Flora konnte sich erst aufgrund der Landschafts-gestaltung durch den Menschen ansiedeln – und mit ihr viele neue Tierarten. Wenn hierzulande von Landschafts- und Artenschutz die Rede ist, bezieht man sich also immer auf eine von Menschen stark geprägte Kulturlandschaft und nicht ausschliesslich auf die unberührte Natur.
Ohne Rücksicht auf Verluste
Die Vielfalt an Lebensräumen und Arten erreichte im vorindustriellen Zeitalter den Höhepunkt. Seither geht es bergab. Wäh-rend der vergangenen 150 Jahre sind über 90 Prozent der Feuchtgebiete, Auen und artenreichen Wiesen ver-schwunden. Sorgte der Mensch früher für Vielfalt, ist er heute für deren Niedergang verantwortlich. «Seit 1960 weicht die Aussterberate bei den Arten auf-grund des Menschen deutlich von der natür-lichen Dynamik ab», sagt Cordillot. Dafür verantwortlich ist allen voran die Grüne Revolution: Mechanisierung, Technisierung, Intensivierung krempelten die Landwirtschaft in den letzten 200 Jahren radikal um. Die Erfindung des Kunstdüngers erlaubte eine viel intensivere Nutzung von Wiesen und Äckern. Die vielfältigen Mager- und Blumenwiesen wurden in wesentlich ertragreichere, aber an Arten arme Einheits-Fettwiesen umgewandelt. Pestizide säuberten die Äcker von Unkräutern und Ungeziefer. Hecken, Büsche, Bäche, Tümpel, Trockenstein-mauern und Baumgruppen wurden für die industriellen Produktionsmethoden aus dem Weg ge-räumt. Es wurde eingeebnet, begradigt, drainiert, melioriert. Das Resultat: eine weitgehend ausgeräumte Landschaft und der Verlust an Lebensräumen für viele Pflanzen und Tiere.
Daneben frass vor allem der Sied-lungsbau wertvollen Naturraum. In den 70er- und 80er-Jahren erreichte der Landverbrauch in der Schweiz seinen Höhepunkt. Rund 2500 Hektaren Kulturland wurden damals jährlich zubeto-niert. Auch heute geht der Boden-verlust weiter. Fast ein Quadrat-meter Land pro Sekunde dürfte immer noch aktuell sein.
In neuerer Zeit führte auch die Aufgabe landwirtschaftlich genutzter Flächen, zum Beispiel in den Alpen, zu einem Verlust an Lebensraumvielfalt. Nicht mehr gemähte oder beweidete Bergwiesen erobert sich der Wald zurück. Die Klimaer-wärmung beeinflusst die Artenvielfalt ebenfalls zunehmend – allerdings auch positiv.
Invasoren mit Konkurrenzvorteil
Eine Gefahr für die einheimische Flora und Fauna bedeutet auch der weltweite Waren- und Personenverkehr. Denn die Natur reist häufig mit: Tiere und Pflanzen werden ab-sichtlich, zum Beispiel als exotische Zier-pflanzen, oder zufällig in fremde Gegenden verschleppt. Die eingeschleppten Organis-men sind in ihrem neuen Umfeld oftmals eine Bedrohung für die heimischen Arten, da sie verwildern und diese konkurrenzieren, sogar ganze Lebensräume aus dem Gleich-gewicht bringen können.
Pflanzliche und tierische Fremdlinge, Neo-phyten beziehungsweise Neozoen genannt, sind in der Schweiz jedoch keine neue Er-scheinung. Als solche gebietsfremde Orga-nismen bezeichnen Fachleute nämlich alle Arten, die nach der Entdeckung Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts eingeschleppt wurden und heute wild auftreten. Immerhin 12 Prozent der Schweizer Flora besteht aus Neophyten. Und nur wenige stellen ein Problem dar. «Man muss unterscheiden zwischen Neophyten und invasiven Neophyten», erklärt Andreas Gigon von der ETH Zürich. «Erstere sind teilweise eine Bereicherung für unsere Flora; Letztere sind die Schlimmen.»
Laut dem Botaniker muss ein Neophyt gewisse Kriterien erfüllen, damit er als invasiv gilt. Entweder müsse er zu gesundheitlichen Problemen führen, Schäden an Infrastruktur und Gebäuden verursachen oder sich negativ auf die einheimi-sche Biodiversität auswirken. Der aus China stammende Sommerflieder oder das ursprünglich im Himalaja beheimatete Drüsige Springkraut verdrängen beispiels-weise einheimische Arten. Die IUCN zählt gebietsfremde Arten inzwischen zu den wichtigsten Ursachen für den weltweiten Verlust an Biodiversität.
Doch wie wird eine Pflanze zur Invasorin? Die Wissenschaft kennt die typischen Eigenschaf-ten invasiver Arten: Sie verwil-dern leicht, verbreiten sich effi-zient, wachsen rasch, haben die Tendenz, die Vegetation zu über-wuchern, produzieren bereits nach kurzer Zeit meist sehr viele Samen und zeichnen sich durch eine starke Konkurrenzkraft aus. Dies könnte laut den Fachleuten unter anderem auf das Fehlen natürlicher Feinde im neuen Gebiet zurückzuführen sein. Die Neophyten können die Ressourcen, die sie in der Schädlingsabwehr einsparen, daher verstärkt in Wachstum, Ausbreitung und Vermehrung investieren und haben so gegenüber einheimischen Arten einen Konkurrenzvorteil.
In der Schweiz zählen gegenwärtig rund 12 Prozent aller Neophyten zu den invasiven Arten. Doch hat sich die Einschleppung fremder Spezies durch die Globalisierung verstärkt. «Es kommen regelmässig neue Arten dazu, sagt Sibylla Rometsch von der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung von Wild-pflanzen. «Damit steigt die Gefahr, dass neue invasive Arten auftreten.»
«Wir sind auf eine vielfältige Natur angewiesen»

Die Schweizer Naturschutzgesetze sind gut – bei der Umsetzung fehlt es aber Willen, häufig an Geld. Trotzdem ist Urs Tester von der Naturschutzorganisation Pro Natura optimistisch.
Wie beurteilen Sie den Zustand der Artenvielfalt in der Schweiz?
Die Schweiz hat nach wie vor ein grosses Problem mit dem Erhalt ihrer Arten. Überdurchschnittlich viele sind auf den Roten Listen zu finden. Und es ist keine Verbesserung der Situation in Sicht. Besonders in den Fliessgewässern sind massive Probleme vorhanden.
Wo hapert es bei der Umsetzung?
Abgesehen vom Gewässerschutz sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz recht gut. Völlig ungenügend ist dagegen der Vollzug, der überhaupt nicht konsequent umgesetzt wird. Oft fehlt auch eine Koordination. Grundsätzlich sind zu wenig finanzielle und personelle Mittel vorhanden, um die gesetzlichen Vorgaben des Naturschutzes konsequent umzusetzen. Im Grossen und Ganzen geht es deshalb mit der Natur weiterhin klar bergab. Doch verschiedene Artenförderungsprojekte zeigen, dass sich viel bewegen liesse, wenn man nicht tatenlos zusähe.
Wo besteht besonderer Handlungsbedarf?
Artenschutz heisst weniger, jede einzelne Art zu hegen, sondern vielmehr intakte Lebensgemeinschaften zu fördern und zu erhalten. Es sollte keine isolierten Notlösungen geben, die in der Natur nicht längerfristig selbstständig funktionieren. Daher müsste vor allem der Biotopschutz sofort und konsequent umgesetzt werden. Es kann nicht sein, dass man wie bei den Mooren bei Erfolgskontrollen Mängel feststellt, daraus aber keine Konsequenzen zieht. Beim Auenschutz haben wir ein ähnliches Problem. Man weiss eigentlich, wo es klemmt, aber es fehlen die Reaktionen darauf. Ein solcher Schub ist zurzeit in weiter Ferne.
Wozu braucht es eine intakte Natur?
Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir Menschen direkt
von einer funktionsfähigen Natur abhängig sind und nicht ausserhalb dieser stehen. Wir leben zunehmend in einer virtuellen Welt und verlieren den Bezug zur Natur. Dass wir einen Teil dieser sind und auf sie angewiesen sind, muss uns wieder bewusster werden. Da braucht es in Zukunft auch auf der Bildungsebene massive Aufklärungsarbeit. Mehr Sorge zur Natur zu tragen, ist in unserem ganz eigenen Interesse.
Wie sieht die Schweiz bezüglich Artenvielfalt in 100 Jahren aus?
Ich bin optimistisch. Die Schweiz wird artenreicher werden. Gewisse Arten werden zwar noch verschwinden. Doch können wir die Form der Naturzerstörung, wie wir sie in der Vergangenheit praktiziert haben, nicht mehr durchhalten. Wir werden lernen, wieder mehr in Einklang mit der Natur zu leben. Die Zunahme der Arten hat vor allem klimatische Gründe. Trotz Anstrengungen wird sich das Klima in Zukunft erwärmen. Wärmere Klimata sind grundsätzlich artenreicher. So wird es zunehmend in höheren Lagen Laubwälder geben, im Tessin und vielleicht sogar in Basel Palmen. Grundsätzlich werden sich mediterrane Arten stärker verbreiten.
Schwarze Aussichten
Neu auftretende Arten werden bis jetzt in der Schweiz nicht systematisch erfasst. Das Bio-diversitätsmonitoring liefert nur lückenhafte Daten. Einzelne Kantone widmen den Neo-phyten laut Rometsch jedoch vermehrt Auf-merksamkeit. So habe Zürich eine allgemein zugängliche Internet-Plattform installiert, wo Fundstellen invasiver Neophyten und durch diese verursachte Schäden gemeldet werden könnten.
Immerhin gibt es auch für die Neophyten Listen. Die erwiesenermassen invasiven Arten führt die Schwarze Liste auf. Aktuell sind dies 23 Pflanzenarten. Neu auf die Schwarze Liste gesetzt wurde etwa der Kirschlorbeer, eine beliebte Gartenpflanze. Zierpflanzen machen laut einem Bericht des Bafu 75 Prozent der invasiven Arten in der Schweiz aus. Neophyten, die das Potenzial haben, zu einer invasiven Art zu werden, kommen auf die sogenannte Watch-Liste. Dort sind zurzeit 20 Pflanzen-arten aufgelistet, wobei 9 erst bei der letzten Überarbeitung dazugekommen sind.
Für Tiere und andere Organismen gibt es ähnliche Listen, denn invasive Arten sind kein ausschliesslich botanisches Problem. «Zu den invasiven Neozoen gehören in der Schweiz beispielsweise die Rostgans, die Körbchenmuschel oder die Schmuckschild-kröten», sagt Francis Cordillot.
Auch in der Europäischen Union würden Fremdarten nicht systematisch erfasst, er-läutert Wolfgang Nentwig von der Universi-tät Bern. «Meistens ist es Zufall, dass man diese entdeckt», sagt er. Gewisse Organismengruppen kenne man zwar relativ gut, bei anderen klafften hingegen grosse Wissenslücken. In einer im Rahmen eines EU-Projektes erarbeiteten Datenbank sind laut Nentwig die bis jetzt ent-deckten Fremdlinge, rund 12000 Arten, erfasst.
Der Zoologe macht neben der Globalisierung auch die Klimaerwärmung für das zunehmende Auftreten gebietsfremder Arten verantwortlich. Das milder werden-de Klima begünstigt die Einwanderung vieler Organismen. Und für ihn ist klar: «Die neuen Arten stellen keine Bereicherung, sondern eine Gefahr für die lokale Biodiversität dar und müssen bekämpft werden.»
In den letzten 20 Jahren in der Schweiz ausgestorben:
Raubwürger (Lanius excubitor)
Bekassine (Gallinago gallinago)
Brachpieper (Anthus campestris)
Kleines Sumpfhuhn (Porzana parva)
Sturmmöve (Larus canus)
Haubenlerche (Galerida cristata)
Huchen (Hucho hucho)
Moorwiesenvögelchen (Coenonympha oedippus)
Mond-Azurjungfer (Coenagrion lunulatum)
Zwerglibelle (Nehalennia speciosa)
Vielteilige Mondraute (Botrychium multifidum)
Lockerblütiges Knabenkraut (Orchis laxiflora)
Die einen bekämpfen – die andern fördern
Solche Bekämpfungsprogramme existieren in der Schweiz für einzelne invasive Arten. Bekanntestes Beispiel ist die Allergien auslösende Ambrosiapflanze, der es seit einiger Zeit durch Aufklärung und Aktionen landesweit an den Kragen geht. «Bei den invasiven Neophyten liegt die Verantwortung hauptsächlich bei den kantonalen Pflanzen- oder Naturschutzfachstellen», sagt Sibylla Rometsch. Eine Bekämpfung sei grundsätzlich machbar, brauche aber Geld und oft viel Geduld – und je länger man warte, umso schwieriger und kostspieliger werde das Ganze. Gewisse Arten lassen sich bereits nicht mehr eliminieren. «Hier stellt sich die Fra-ge, welche Gebiete von den invasiven Neophyten auf jeden Fall freigehalten wer-den sollen – zum Beispiel Naturschutzgebiete –, wo man eine weitere Ausbrei-tung verhindern soll und wo man sie allenfalls tolerieren kann», so die Biologin.
Auch die Rostgans soll langfristig wieder aus der Schweiz verschwinden und wird bekämpft. Die aggressiven und konkurrenzstarken Vögel waren aus Tiergärten oder privaten Volieren entkommen oder freigelassen worden und breiten sich seither auf Kosten einheimischer Arten aus.
Neben der Bekämpfung der invasiven wer-den hierzulande aber auch die gefährdeten Arten gefördert. In Prioritätenlisten hat man jene Arten erfasst, für die besonders dringen-der Handlungsbedarf besteht. Bei den Blütenpflanzen und Farnen wurden rund 140 solcher Arten identifiziert, bei den Vögeln umfasst die Liste 50 Arten. In spezifischen Förderprogrammen soll deren Situation gezielt verbessert werden.
In den letzten Jahren setzte sich zudem vermehrt die Einsicht durch, dass mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht alle gefährdeten Arten erhalten werden können. «Hoher Handlungsbedarf besteht haupt-sächlich bei jenen Arten, die gemäss Roten Listen im Bestand rasch abnehmen und für welche die Schweiz eine hohe Verantwor-tung trägt», sagt Francis Cordillot. Hohe Verantwortung bedeutet, dass eine Art ihren globalen Verbreitungsschwerpunkt in der Schweiz hat. Ihr Verschwinden wäre daher ein grösserer Verlust für die weltweite Biodiversität als bei einer Art, die zwar hierzulande gefährdet, in anderen Ländern aber noch weit verbreitet ist.
Die Positivliste
Neben den ständigen Negativmeldungen gibt es auch positive Zeichen an der hiesigen Artenfront. Die stammen zum einen vom Biodiversitätsmonitoring. Laut diesem ist die biologische Vielfalt in der Schweiz trotz der Kleinheit des Landes sehr gross. Die Gesamtzahl aller Arten wird auf rund 50 000 geschätzt. Besonders artenreich nehmen sich aufgrund der landschaftlichen Vielfalt und Topografie die Alpennord- und Südflanke aus. Obwohl oder gerade weil das Mittelland mehr oder weniger leer geräumt ist, ortet das Monitoringprogramm dort ein besonders grosses ökologisches Potenzial. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Agrarpolitik, insbesondere die Entwicklung der ökologischen Ausgleichsflächen.
Der andere Lichtblick im dominie-renden Rot und Schwarz der ge-fährdeten Arten trägt die Farbe Blau – und ist ebenfalls eine Liste. Die Blauen Listen beinhalten jene Pflanzen und Tiere, deren Situation sich aufgrund von Naturschutz-massnahmen in den letzten 15 Jahren entschärft hat und die deshalb teilweise von den Roten Listen genommen werden konnten. «Blaue Listen sind in erster Linie ein motivierendes Kommunikationsmittel», sagt deren Miterfinder Andreas Gigon von der ETH. Sie sollten ein positives Gegengewicht zu den ewigen Negativ-meldungen darstellen, welche die Bevölkerung mit der Zeit abstumpften. «Die Blauen Listen zeigen, dass man gegen den Artenverlust konkret etwas bewirken kann; sie stellen auch eine Art Erfolgskontrolle dar.»
Bis jetzt gibt es Blaue Listen allerdings erst für die Nordschweiz. «Für diese Region konnten wir dokumentieren, dass sich mit den zur Verfügung stehenden Massnahmen rund ein Drittel der Rote-Listen-Arten stabilisieren liessen», so Gigon. Dazu gehören die Wiesensalbei oder der Mittelspecht.
«Es wäre gut, die bestehenden Blauen Listen zu aktualisieren und für alle Kan-tone einzuführen», sagt Francis Cordillot. Denn sie ermutigten zum Handeln, vernetzten die Akteure und ermöglichten wichtige Hinweise für regionale Landschaftskonzepte und Artenförderungsaktionen. Vorerst bleibt es allerdings beim Pilotprojekt, denn weder das Bafu noch die Kantone haben für die Überarbeitung und Erweiterung das nötige Geld.
Bilder: Martin Bolliger
Literatur
• Josef Reichholf: «Ende der Artenvielfalt?», Fischer Verlag 2008, Fr.18.60
• Forum Biodiversität Schweiz: «Biodiversität in der Schweiz – Zustand, Erhalt, Perspektiven», Haupt Verlag 2004, Fr. 48.–
• Vust und Galland: «Geschützte Pflanzen der Schweiz», Ott Verlag 2002, Fr. 44.80
• Wermeille, Geiger, Tester: «Geschützte Tiere der Schweiz», Ott Verlag 2002, Fr. 44.80
Internet
• www.biodiversitymonitoring.ch
• www.bafu.admin.ch/artenvielfalt
• www.cps-skew.ch
• www.iucn.org
• www.biodiversity.ch
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