Bier und Frau? Das passt!

Gundula Madeleine Tegtmeyer | Ausgabe_07_08/2017

Das Brauwesen wird von Männern dominiert. Doch historische Quellen belegen: Bierbrauen war lange eine Frauendomäne. Jetzt erobern Frauen die Braukessel zurück.

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Vor gut 10 000 Jahren, in der Jungsteinzeit, wurde der Mensch sesshaft. Er begann Getreide anzubauen und braute wohl auch bald das erste Bier. Belegt ist das allerdings nicht. Erst die Sumerer, die um 4000 vor Christus in Mesopotamien siedelten, dem heutigen Irak, hinterliessen entsprechende Bilder und Keilschriften. Sie bergen eine Überraschung: Bier brauen war Frauensache. Und eine delikate Angelegenheit: In Babylonien stellte König Hammurabi (1810 –1750 v. Chr.) in seinen berühmten Codex, der ersten Gesetzessammlung, Bierpanschen unter Strafe. Auch im alten Ägypten der Pharaonen standen Frauen am Braukessel. Das Bier diente kultischen Handlungen; es sollte den Übergang ins Jenseits erleichtern. Zudem war es flüssiges Zahlungsmittel im wahrsten Sinne des Wortes: Abertausenden von Pyramidenarbeitern wurde der Lohn in Bier ausgeschenkt.

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Als Mitgift ein Braukessel. Auch die Germanen liebten Bier; sie glaubten obendrein an seine magischen Kräfte. Bierbrauen war auch bei ihnen Frauensache, es gehörte zum Haushalten wie Kochen und Backen. Im Mittelalter war der Braukessel fester Bestandteil der Mitgift. Hatte eine Frau frisch gebraut, war es gute Sitte, die Nachbarinnen zu einem «Bierkränzchen» einzuladen. Dabei wurde Brot ins Bier gebröselt, um es dann vom Gerstensaft durchtränkt zu schmausen. Auch die Braukunst der Nonnen stand lange hoch im Kurs. Doch im Zuge der Kommerzialisierung der Braukunst verloren die Frauen ihr Bierbrau-Monopol. Die Männer verfügten über grössere finanzielle Mittel sowie mehr gesellschaftliche Rechte und rissen die lukrative Bierindustrie an sich. Die vormals ungezwungenen Damen-Bierrunden um den Braukessel mutierten zu spiessigen und steifen Damen-Kaffeekränzchen.

Von der Biersuppe zum Bier. Das erste Bier der Menschheitsgeschichte – vielleicht in der Jungsteinzeit gebraut – ist möglicherweise ein Zufallsprodukt. Das Urbier entstand wahrscheinlich aufgrund einer Art Spontangärung einer Getreidesuppe, in die Hefen hineingelangt sind, vermutlich über Früchte. Brauwissenschaftler Martin Zarnkow hat seine eigene Theorie, wie die Hefe in die Suppe gelangt sein könnte, nämlich über die Körperhefen der Bierbrauerinnen. Über die Jahrtausende hat sich dieses nahr- und schmackhafte Substrat – die Würze –, das in der Getreidesuppe zur Gärung geführt hat, verändert. Denn Frauen haben nachweislich ein anderes Mikrobiom als Männer. Da Bierbrauen lange Zeit Frauensache war, folgert Zarnkow, haben weibliche Brauer den Charakter des Getreidesaftes durch ihre Körperhefen geprägt.

Bierland Schweiz. Ob nun Frauendomäne oder Männersache – die Eidgenossen lieben den Gerstensaft. Der Schweizer Biermarkt befindet sich in einer dynamischen Phase, quantitativ wie qualitativ. Die Anzahl der Schweizer Brauereien hat sich laut Schweizer Brauerei-Verband (SBV) in den letzten 30 Jahren von 34 auf 763 aktive Brauereien vervielfacht. Damit hat die Schweiz weltweit die höchste Brauereidichte.

«Die Schweizer Brauer sind nicht an das Reinheitsgebot gebunden», erklärt Marcel Kreber, Direktor des SBV. Das erlaubt einen grösseren experimentellen Spielraum und spiegelt sich in einer umfangreichen, vielseitigen Produktpalette wieder. Auf der Internetseite schweizerbier.com sind 500 verschiedene Biersorten gelistet.

Mit Leidenschaft gebraut. Mehr als 60 Liter Bier trinken über 16-jährige Schweizer durchschnittlich pro Jahr, vornehmlich Lagerbier. Schweizer zeigen eine ausgeprägte Markentreue und bevorzugen regionale Biere, öffnen sich aber zunehmend für Trends. Lokale Brauereien versuchen mehr oder weniger erfolgreich, auf die Trends zu reagieren. Hanf-, Schokoladen- und Dattelbier. Es gibt fruchtige Biere und Biere mit zartbitterer Hopfennote, solche mit fast schon aggressivem Charakter oder geschmacklich dezente mit leichter Karamellnote. In der eidgenössischen Bier Community gilt derzeit das Tessiner Bad Attitude Craft Beer als besonders hip.

Hinter dem englischen Begriff Craft Beer, dem «handwerklich gebrauten Bier» steht eine einzigartige internationale Bewegung leidenschaftlicher Biertrinker sowie Braumeister. Das Motto der Craft-Bier-Bewegung lautet: Weg von der industriellen Massenware, dem langweiligen Einheitsgebräu, hin zu besonderen, charakterstarken Bieren. Ein Craft Beer soll die handwerkliche Kunst des Braumeisters geschmacklich widerspiegeln. Dabei steht Kreativität im Vordergrund, nicht der Ausstoss.

Bier macht glücklich. Bier ist ein Volksgetränk, der Inbegriff von Geselligkeit und Genuss. Mit Bier assoziieren viele Menschen Begriffe wie Heimat, Tradition, Identität und Bodenständigkeit. In einem Interview mit der NZZ erklärt der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder die unverminderte Popularität des Hopfengetränks: «Heute widerspiegelt das Getränk unsere Sehnsucht nach einer reinen unveränderten Welt.» Der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin (1706 –1790 ) war überzeugt, dass beim Gerstensaft sogar Gott seine Hand im Spiel hat. Von Franklin stammt der berühmte Ausspruch «Bier ist der überzeugendste Beweis, dass Gott den Menschen liebt und ihn glücklich sehen will.»

Aber macht Bier auch glücklich? Der Neurologe David Kareken und sein Team von der University of Indiana gingen der Frage wissenschaftlich auf den Grund. Das Ergebnis seiner Versuchsreihen mit Männern überraschte selbst die Forscher: Tatsächlich, Bier macht glücklich! Es ist aber nicht etwa der Alkohol, im Gegenteil, sondern vielmehr der Biergeschmack, der die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin auslösen kann.

Wie gesund ist Bier?
Bier war früher vielerorts gesünder als das Trinkwasser. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Schweizer Arzt Paracelsus (ca. 1493 –1541 ) Bier als «wahrhaft göttliche Medizin» lobte. Das ist wohl etwas übertrieben. Aber der Gerstensaft enthält mehr als tausend Inhaltsstoffe, darunter viele B-Vitamine, Antioxidantien und lösliche Ballaststoffe. Die Mineralstoffe und Spurenelemente stärken die Muskelkraft; Eisen und Kupfer wirken sich positiv auf die Blutbildung aus; Phosphor unterstützt den Stoffwechsel; Zink fördert die Insulinbildung; Magnesium fördert den Herzmuskel. So kann massvoller Biergenuss das Herzinfarkt-Risiko senken und das Immunsystem stärken. Als Obergrenze gilt für Frauen eine Stange pro Tag, für Männer zwei. Alkoholfreies Bier eignet sich aufgrund seiner isotonischen Wirkung ausgezeichnet als Sportlergetränk. Bier selbst macht übrigens nicht dick; doch regt es den Appetit an, was zu einer Gewichtszunahme führen kann.

Für Frauen und Weichlinge. Warum Bier besonders bei Männern beliebt ist, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Es kursieren vage Erklärungsversuche, wie etwa, es läge am unterschiedlichen Geschmacksempfinden: Vielen Frauen sei Bier schlichtweg zu bitter. Andere tippen auf ein soziales Phänomen: «Echte Männer trinken Bier», heisse es unter Männern. Die Griechen der Antike sahen das anders: Echte Männer tranken Wein. Nur Weichlinge und Frauen tranken Bier.

Der Geschmacksforscher und Molekularbiologe Professor Wolfgang Meyerhof vermutet, dass sich die Affinität der Männer zum Bier mit der Sozialisierung erklären lässt. Auch die Bierwerbung trage ihren Teil dazu bei, denn diese richte sich nach wie vor überwiegend an Männer.

Buchtipps
• Gunther Hirschfelder, Manuel Trummer «Bier. Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute», Verlag Theiss, Konrad, 2016, Fr. 36.90
• Monika Saxer «Bierwandern Schweiz – Der erfrischendste Weg die Schweiz zu entdecken», Helvetiq, 2014, Fr. 31.90
• Matthias Wiesmann, «Bier und wir», Hier und Jetzt Verlag, 2011, Fr. 62.90

Fotos: istockphoto.com

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