Bestechender Lebenswecker

Marion Kaden | Ausgabe 7 - 2008

Das Baunscheidtieren ist eine der Akupunktur ähnliche Behandlung. Durch eine Reizung der Haut lassen sich erschiedene Erkrankungen lindern.

Der deutsche Medizinaltechniker Carl Baunscheidt erfand 1848 ein Nadelungsgerät zur Selbstbehandlung verschiedener Erkrankungen. Sein sogenannter Lebenswecker wurde zum Verkaufsschlager. Zweiumfassende Studien, die zur Wirksamkeit der Akupunktur durchgeführt worden sind, zeigen, dass eine unspezifische Nadelung der Haut – also nicht an den spezifischen Akupunkturpunkten – Rückenschmerzen oder Migräne genauso gut lindert wie Akupunktur. Wobei beide Nadelungsmethoden laut den Studien bessere Effekte haben als die jeweilige fachärztliche Standardtherapie.

Linderung durch Hautreizung

Baunscheidt hätte das Ergebnis dieser Studien sicherlich gefallen. Schliesslich bestätigen sie wissenschaftlich, was viele begeisterte Anhänger seines Verfahrens seit dem 19. Jahrhundert zusammengetragen haben: Durch Nadelung von Hautarealen in der Selbstbehandlung und anschliessendem Einreiben eines hautreizenden Öls können selbst Laien ihre Erkrankungsbeschwerden lindern. Mit der Erfindung seines mechanischen Nadelungsgeräts stand er in einer langen therapeutischen Tradition. So versuchten sibirische Schamanen oder afrikanische Heilkundige schon seit Langem, Krankheiten über eine Reizung der Haut zu behandeln. Bekannte Beispiele sind das Schröpfen, das Einritzen der Haut (Narbensetzung oder Skarifizierung genannt) oder letztlich auch Akupunktur und Akupressur. Die Heilkundigen vergangener Zeiten behandelten ihre Patienten mit Verfahren, die bis ins Mittelalter vornehmlich auf Erfahrung, Beobachtung und Überlieferung beruhten. In der Neuzeit ermöglichten technologische Entwicklungen oder das Eröffnen und Untersuchen menschlicher Körper neue Erkenntnisse über Organe und ihre möglichen Funktionen.

Mit dem wachsenden Wissen über Anatomie, Physiologie oder Krankheitslehre konnten immer wieder auch Erfahrungen traditioneller Medizinschulen bestätigt werden. So beobachtete der englische Neurologe Henry Head (1861 bis 1949), wie sich Schmerzzustände innerer Organe auf genau abgrenzbare Hautareale übertrugen und sich dort als schmerzhafte Bereiche widerspiegelten. Head vermutete bestehende Nervenverbindungen, die reflektorisch eine Funktionsstörung anzeigen könnten. Seine Vermutungen bestätigten sich zunehmend. Zahlreiche der damals entdeckten reflektorischen Hautareale wurden ihm zu Ehren Headsche Zonen genannt. Auch moderne Ärzte kennen noch einige dieser Areale und überprüfen deren Schmerzhaftigkeit zur Diagnostik bestimmter Akuterkrankungen. Am bekanntesten ist der sogenannte McBurney-Punkt, der – etwa in der Mitte der Linie von Bauchnabel und rechtem vorderem Darmbeinstachel gelegen – einen entzündeten Blinddarmfortsatz anzeigen kann.

Linderung bei folgenden Erkrankungen
 Schmerzhafte Erkrankungen von Knochen, Sehnen oder Gelenken, beispielsweise Arthrose, Arthritis, Gicht, Tennisellbogen
Trigeminus-Neuralgie (heftige Gesichtsschmerzen) und Migräne
Erkältungsneigung (mehr als vier Erkältungen pro Jahr)
Reizmagen (Übelkeit, Völle), Verdauungs-schwäche (Essen liegt schwer im Magen, Aufstossen, Blähungen), chronische Verstopfung (auch wechselnd mit Durchfall)
• Chronische Blasenentzündung (oft Harndrang, Schmerzen beim Urinieren, erfolglose Antibiotika-Behandlung)
Regelprobleme (schmerzende, verstärkte, verlängerte Monatsblutung)
Chronischer Schwindel, Ohrensausen, Ohrgeräusche (Tinnitus)

Das Mückenprinzip

Die Forschungen zu den reflektorischen Hautzonen wurden von einer Reihe deutschsprachiger Wissenschaftler etwa in den 70er-Jahren beendet. Ihnen ist es zu verdanken, dass seither nicht nur ein fundiertes Wissen über die diagnostische Nutzung dieser Areale besteht, sondern auch über die therapeutische Beeinflussung vieler Krankheiten von der Haut aus. Damit bestätigen sich ältere Therapiekonzepte, die äussere, auf die Haut einwirkende Reize wie Wärme, Kälte, Hautquaddelung, Moxibustion oder Narbensetzung zur reflektorischen Reiztherapie innerer Organe einsetzen.

Carl Baunscheidt konnte bei der Entwicklung seines Lebensweckers auf eine Reihe moderner Einsichten der naturwissenschaftlichen Medizin zurückgreifen, kannte aber ebenso die damaligen Berichte über chinesische Akupunktur. Der von ihm selbst gepflegten Legendenbildung bezüglich seiner Erfindung folgend, war jedoch eine eigene Gichterkrankung Ausgangspunkt der Entwicklung. Nicht zuletzt, weil er durch die allmählich einsetzende Versteifung seiner Gelenke in seiner beruflichen Tätigkeit als Ingenieur und Metallbauer behindert wurde. In seinem Werk «Baunscheidtismus» beschrieb er, wie es zur Erfindung des Lebensweckers kam: Er sei von Mücken gestochen worden, als er bemerkte, «wie eine fast plötzliche Veränderung mit der kranken Hand vor sich ging. Mit den Mücken war der Schmerz fast weggeflogen und dem aufmerksamen Beobachter der Natur konnte nicht lange zweifelhaft bleiben, was diese Veränderung zuwege gebracht hatte. Die Mücke lehrte ihn das Geheimnis: wie auf einfache und natürliche Weise die eingefangenen Krankheitsstoffe ohne allen Blutverlust aus dem leidenden Theile des Körpers herausgezogen und abgeleitet werden könnten».

Baunscheidt nahm die Mücke also im übertragenen Sinn zum Vorbild, um ein Nadelungsgerät zu Heilzwecken zu entwickeln. Das Nadelungsgerät wird heutigen Menschen beim ersten Anblick ziemlich martialisch vorkommen. Es besteht aus einem dünnen Rohr, das am oberen Ende eine Federeinrichtung hat, die unter Zug gesetzt werden kann. Am anderen Ende des Rohrs ist ein beweglicher Metallkopf angebracht, auf den viele feine Metallnadeln gelötet sind. Wird die Zugfeder angezogen und losgelassen, schnellt der mit Nadeln besetzte Kopf gegen die Haut. Konstruktionsbedingt können sich die Nadeln weniger als einen bis mehrere Millimeter tief in die Haut bohren. Über einen Regulierungsring wird die Tiefe der Nadeleinstiche bestimmt. Alternativ werden bis heute auch mit Nadeln versehene Rollen angeboten, die das Nadeln grösserer Hautflächen erleichtern.

Um die als heilungsfördernd eingeschätzten Sekrete der Stechmücken nachzubilden, entwickelte Baunscheidt ein Öl, das er Oleum Baunscheidtii nannte. Es hatte stark reizende Wirkungen, sodass nicht selten eitrige Hautausschläge auftraten, die mehrere Tage bis zum Abheilen benötigten. Das originale Öl ist wegen potenziell krebserregender Inhaltsstoffe (Krotonöl) inzwischen durch eine harmlose Variante ersetzt worden, die zudem die Hautpustelung nach Mückenstichen weitaus besser nachahmt.

Millionengeschäft

Das für Laien einfach nachvollziehbare Selbstbehandlungskonzept – bestehend aus Lebenswecker, Öl, «Fach»-Literatur und Fortbildungsveranstaltungen – machte Baunscheidt und einige seiner Schüler zu Millionären. Dass er sich der zeitgenössischen Medizin äusserst kritisch entgegenstellte und damit viele interessierte medizinische Laien ansprach, weist ihn nicht nur als intelligenten Medizintechniker aus, sondern auch als überragenden Verkäufer.

So wurde die Mücke zu seinem Markenzeichen, mit der den Lebenswecker, das Öl und sich selbst erfolgreich verkaufte. Ausserdem kreierte er eine neue Heilslehre, die er Baunscheidtismus nannte und verlegte die Zeitschrift «Die Mücke», um seine Ideen zu verbreiten und Anwendern ein Forum zu bieten. Käufer des Lebensweckers erhielten zudem eine Anleitung, die zu Beginn nur zwanzig Seiten zählte. Daraus wurde später ein Buch, in dem Baunscheidt positive Presseartikel, eintreffende Dankesschreiben oder Berichte von Heilerfolgen veröffentlichte.

Tatsächlich war der Lebenswecker im 19. Jahrhundert und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Verkaufsschlager, der nicht nur in vielen Haushalten zu finden war. Auch die gesamte deutsche Handelsflotte, Militärärzte und zahlreiche andere medizinische Institutionen verwendeten ihn. Über Jahrzehnte hinweg etablierte sich das Baunscheidt-Verfahren auch unter dem Begriff «deutsche Akupunktur» zu einem anerkannten Verfahren und wird heute von naturheilkundlichen Ärzten oder Heilpraktikern angewandt.

Bei medizinischen Laien ist die Methode zugunsten billiger Medikamente und vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Totalabsicherung eher in Vergessenheit geraten. Doch es könnte in Zeiten, in denen der mediko-industrielle Komplex immer mehr Geld für seine eigene Existenz verschlingt, anstatt der Gesundheit von Menschen zu dienen, durchaus eine Renaissance erfahren und sich als probate, moderne Selbstbehandlungsalternative erweisen.

Im Vergleich zu den extremen Schmerzen vieler Erkrankungen ist die leichte Hautreizung des Baunscheidt-Verfahrens zumeist akzeptabel. Lediglich bei leichten Befindlichkeitsstörungen mag das Verfahren als martialisch erscheinen. Doch wer für die «innere Heilung» bereit ist, barfuss über glühende Kohlen zu gehen oder sich langfristige Knorpelschäden durch extreme Yoga-Haltungen zuzumuten, für den wird eine Baunscheidt-Behandlung eine reine Erholung sein. Allerdings: Zur Durchführung ist die Anschaffung des Geräts wie auch des Öls nötig. Beides wird definitiv nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Ähnlich wie andere Verfahren, die ursprünglich zur Selbstbehandlung konzipiert worden sind, zum Beispiel die Bach-Blüten-Therapie, bieten Heilpraktiker und Ärzte auch das Baunscheidtieren an. Doch vom Grundsatz her gilt auch heute noch: Der Baunscheidtismus ist ein Laien zugedachtes und für deren persönliche Anwendung geeignetes Verfahren.

Die Wirkungen des Baunscheidtierens
Reflexzonenwirkung: Reizung von Hautnerven, die mit inneren Organen wie Leber oder Nieren verbunden sind. Dies steigert die Durchblutung und aktiviert den Stoffwechsel der inneren Organe und wirkt dadurch heilend.
Die entzündeten Hautpartien wirken mehrere Tage auf erkrankte Organe.
Dies hat tief greifend anregende Wirkungen auf den gesamten Körper.
Ausleitungstherapie: Die Erzeugung heilender Hautausschläge leitet krankmachende Stoffe aus dem Körper heraus.
Künstliche Hautentzündungen aktivieren das Abwehrsystem der genadelten Hautgebiete und des gesamten Körpers.
Auch hormonbildende Organe werden angeregt, beispielsweise die Eierstöcke oder die Schilddrüse.

Gewusst wie

Wer baunscheidtieren will, sollte sich gut mit dem Verfahren auseinandersetzen. Einige wichtige Grundsätze sind unbedingt zu beachten: Die Nadelung wird nur in der aderlosen Oberhaut vorgenommen. Im Rahmen einer einzigen Behandlung können bis zu handgrosse Hautflächen genadelt werden. Dann folgt die Einreibung mit Hautreizöl. Ziel: ein Heilausschlag der genadelten Haut, der oft etliche Stunden bis wenige Tage andauern kann. Um Verletzungen zu vermeiden, darf nicht die dünne Haut über Knochen etwa an Kniegelenken, Wangen oder Schläfen genadelt werden. Nach Abheilung der Entzündung kann die Behandlung – bis zu achtmal pro Jahr – kurmässig wiederholt werden.

Die Originalanleitungen von Baunscheidt sind leider nicht mehr verfügbar. Die aktuell verfügbare Literatur wendet sich vor allem an Ärzte oder Heilpraktiker. So gibt es nur drei Möglichkeiten, sich als Laie das Verfahren anzueignen: durch die Einführung durch einen erfahrenen Praktiker der Methode, das Lesen von Fachliteratur und Ausprobieren.

 

 

Internet
www.baunscheidt.org
Literatur
Zissner und Zissner: «Die Baunscheidt-Therapie – Theorie und Praxis»
Richard Pflaum Verlag 2006, Fr. 47.30

Bilder: © Dr. Klaus Zölzer, PD


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