Ausgespielt
Die Krise geht weiter – und immer mehr Menschen verlieren ihre Stelle. Neue Modelle für die Zukunft müssen her, denn selbst Topbanker gestehen ein, dass der Kapitalismus der alten Schule nicht funktioniert.
Fast täglich liest man von Entlassungen, zunehmend verlieren auch gut qualifizierte Leute ihren Job. Die Arbeitslosigkeit stieg in der Schweiz Ende Juli auf eine Quote von 3,7 Prozent: 145 364 Menschen waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eingeschrieben; 53 201 mehr als Ende Juli 2007, das ist ein Plus von 57,7 Prozent. In Europa ist die Lage prekärer. Nach Angaben des Europäischen Statistikamts Eurostat sind rund 15 Millionen Menschen arbeitslos – was einer Quote von fast 10 Prozent entspricht.
Surftipps
Hier finden Sie Hilfe, Unterstützung und Adressen:
• Zeit-Fragen; Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung für die Bekräftigung und Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts
• co-piloting; coachting und support durch Franc B. Schwyter
«Die effektive Quote ist bestimmt viel höher», sagt Ausbilder Franc B. Schwyter, der Individualbegleitung sowie Seminare und Workshops für «konstruktives Querdenken» anbietet und seit Jahren für verschiedene Institutionen Kurse für Arbeitslose leitet. Wie die Erfahrung zeigt, kann die Arbeitslosigkeit nur spürbar gesenkt werden, wenn das Wirtschaftswachstum über 2,5 Prozent liegt. Die meisten Prognostiker gehen für dieses und das nächste Jahr davon aus, dass die Wirtschaft kaum wächst oder sogar schrumpft. Das bedeutet noch mehr Arbeitslose – und zwar über längere Zeit.

Auch Schwyter glaubt nicht an eine schnelle Erholung der Wirtschaft. «Es wird stets von der Überbrückung eines konjunkturellen Einbruchs ausgegangen, worauf dann wieder ein Aufschwung folgen soll», sagt er. «Letzterer bedingt aber Wachstum, und in einer begrenzten Welt kann es – auch ohne Krise – kein unbegrenztes Wachstum geben.» Schwyter hält 300 000 Arbeitslose für ein realistisches Szenario. «Dann müssen wir die Leute sinnvoll beschäftigen. oder von Verwandten unterstützt werden sowie viele Frauen, die ihre Teilzeitstelle, wie man sich auf eine Stelle bewirbt, sind dann hinfällig, weil es diese Stellen nicht gibt.» Schon heute beklagen sich Personalverantwortliche, dass sie mit Bewerbungen überhäuft werden.
Stehen wir vor einer Wende?
Neue Wege sind zu beschreiten – vielleicht ist die Zeit reif dafür. Laut Duden ist eine Krise der «Wende- oder Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung». Eine entscheidende Wende steht an. Auch wenn es uns schwer fällt – wir können nicht so weiter machen wie bisher. Aber wie? Fakt ist, dass immer mehr Staaten wegen der Schulden, die sie zur «Bankenrettung» machen mussten, vor dem Bankrott stehen. Auch hierzulande drohen die Arbeitslosengelder zu versiegen; schon heute können viele die Krankenkasse nicht mehr bezhalen.
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«Den Absturz vermeiden»; Gespräch mit Catharina Jlardo, Psychologische Beraterin, über ihr Unternehmen, welche Pleite-Managern und Burnout-Börsianer helfen, mit neuen Projekten wieder auf die Beine zu kommen.
Kapitalismus funktioniert nicht
Die erste Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren hatte verheerende Auswirkungen. «Damals wollte kein Staat auf die Krise reagieren», weiss Wirtschaftshistoriker Jakob Tanner von der Universität Zürich. Stattdessen kamen nationalistische und rassistische Bewegungen auf mit den bekannten monströsen Folgen. Heute sehe man in der Politik Bemühungen, international gegen die Wirtschaftskrise vorzugehen, sagt Tanner. Das sei gut so. «Es braucht länderübergreifende, neue Regeln für die Finanzmarktgeschäfte und die politische Kontrolle derselben.»
Auch Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen, fordert eine globale Rahmenordnung. Aber die Chance sei bald verpasst. Es gehe mehr oder weniger weiter wie bis anhin. «Das war aber auch nicht anders zu erwarten. Die Marktgläubigkeit ist tief verwurzelt.» Dabei sei das System selbst, nämlich mit Geldgeschäften nahezu grenzenlos Geld machen zu können, ökonomisch falsch, sozial unverantwortlich und unsittlich. Aber: «Bedeutende Kräfte, auch der Schweiz, sind Gewinner der Krise, etwa Banken und Finanzdienstleister», sagt Thielemann.
Der langjährige Deutsche CDU-Politiker Heiner Geissler schreibt in seinem faszinierenden Buch Ou Topos: «Es ist Pflicht und Verantwortung der Politik, das heisst der Regierungen und Parteien, eine humane Alternative der Marktwirtschaft durchzusetzen, inklusive strenger Kontrollen der Finanzmärkte und ihrer Akteure, Regelung der Managergehälter und Demokratisierung des IWF und der WTO.» Die Alternative dazu sei Blutvergiessen, Wirtschaftskriege und knappe Ressourcen, vor allem bei Energie und Wasser, Überhandnahme des Fundamentalismus und ein weltpolitisches Chaos, das auch vor den Toren Europas und der USA nicht haltmachen werde.
Menschheit ohne Herrschaft
Eine andere Art der Führung, eine neue Art von Politik und auch eine neue Art von Wirtschaft: ein System, das allen nützt und nicht nur wenigen Auserwählten – den Kapitalismus humanisieren. Dem deutschen Anarchisten und Autor Horst Stowasser reicht das nicht. «Die menschenverachtende kapitalistische Weltunordnung gehört nicht verbessert, sondern durch etwas Besseres ersetzt», fordert er. Die konstruktive Anarchie sei anzustreben, die höchste Ordnung überhaupt – eine ohne Herrschaft.
Literatur
• Ulrich Thielemann: «System Error – Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt», Verlag Piper 2009, Fr. 34.90
• Heiner Geissler: «Ou Topos Suche nach dem Ort, den es geben müsste» Verlag Kiepenheuer & Witsch 2009 Fr. 32.90
• Matthias A. Exl: «Befreie dich selbst!» Mankau Verlag 2008, Fr. 30.90
Fotos: © vario, Alex E. Proimos/flickr/cc, Karva Javi/flickr/cc
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