Aus dem eigenen Garten

Kurt Forster | Ausgabe 11 - 2008

Der Traum, sich das ganze Jahr mit eigenem Gemüse und Obst selber zu versorgen, lässt sich verwirklichen: Im Selbstversorgungsgarten gibt es immer etwas zu ernten.

Rund ein Drittel der Schweizer wohnt im sogenannten Speckgürtel rund um die Städte, meist in einem Einfamilienhaus auf einer Landparzelle von 500 bis 1000 Quadratmeter. In den Vorstadtsiedlungen sieht man heute meist Gärten mit herausgeputzten Zierrasen, begrenzt durch eintönige Cotoneasterhänge und Thujahecken. Diese golfplatzartigen Grünrasengebiete böten jedoch ein grosses Potenzial zum Anlegen eines Selbstversorgungsgartens, mit dem man sich durch das ganze Jahr weitgehend selbst mit gartenfrischen, ungespritzten Früchten, Gemüse und Salaten ernähren könnte. Lebensqualität in der eigenen kleinen grünen Oase statt Einkaufsstress.

Frisches Gemüse, keine Industrienahrung

Schon während des Zweiten Weltkriegs leisteten Schrebergärten in der Schweiz im Rahmen des Plans Wahlen einen wichtigen Beitrag zur Selbstversorgung. Im kommunistischen Russland erzeugten die Arbeiter in ihren privaten Gärten eine 10-fach höhere Produktion als auf den staatlichen Kolchosenflächen und fanden Glück in ihren Hausgärten. Verschiedene Hilfsorganisationen helfen heute in der Dritten Welt, Selbstversorgungsgärten zu planen und zu verwirklichen. Sie propagieren, die Nahrung dort anzubauen, wo sie verzehrt wird. Warum wollen wir dies nicht auch hierzulande wieder vermehrt verwirklichen?

Wer genug von farb- und geschmacklosem Gemüse aus energieintensiven Gewächshäusern hat, setzt auf eigene, saisonale Produkte. Heute ist weniger die Grundversorgung als die Bereicherung unserer Mahlzeiten mit hochwertigen, frisch geernteten Produkten wichtig. Statt minderwertiger Industrienahrung ernten wir frische, gesunde, vitaminreiche Gartenkost. Selbst Bioprodukte erreichen kaum die Qualität frisch geernteten Gemüses und Obsts aus dem eigenen Garten. Die Eigenversorgung spart sogar Geld.

Beim Gestalten eines solchen Gartenraumes lassen sich Lebensträume verwirklichen. Die Kernfrage ist dabei, welche Elemente der Garten enthalten soll: einen Sitzplatz, ein Gewächshaus, Spaliere, Hecken, Fruchtbäume, Gemüsebeete, ein Moorbeet, einen kleinen Weiher, ein Kompostplatz? Was müssen wir wo platzieren, damit ein gut funktionierendes und ästhetisches Gesamtsystem entsteht? Welche Elemente stützen und fördern sich gegenseitig und wie müssen wir sie anordnen, um eine optimale Wirkung zu erzielen?

Das Herz ist der Gemüsegarten

Das Gartengerippe gestaltet man am besten mit Bäumen und Hecken. Hecken sollten aber nicht nur eintöniger, steriler Sicht- und Windschutz sein. Sie sollten vielmehr belebt und artenreich sein. Viele unterschiedliche Heckenpflanzen erhöhen den ökologischen Wert dieses Schutzelementes und bietet verschiedenen Tieren Lebensraum. Gegen das Innere des Gartens sollte die Abgrenzung geschwungene Ränder besitzen.

Das Wärmekuhlen- oder Lehnstuhlprinzip, das auch im Feng Shui bekannt ist, hat sich als Grundmuster gut bewährt: Ein nordexponierter Rücken wird durch Hecken und Bäume vor kalten Winden geschützt; gegen Süden, zur Sonne hin, ist der Garten offen und besitzt gegen Osten und Westen auslaufende leichte Abgrenzungen. So lässt sich das Mikroklima verbessern und ein allgemeines Wohlbefinden schaffen.

Um ein nachhaltiges System zu erhalten, pflanzen wir viele  mehrjährige Pflanzen, sodass der Boden nie unbedeckt ist. Brennnesseln und Beinwell unter Fruchtbäumen sind gute Bodenaufbereiter, gleichzeitig Grundlage für Kräuterbrühen und wichtige Nahrung für Schmetterlingsraupen.

Das Herz der Anlage soll der Gemüsegarten sein: ein reichhaltiger Mischkulturgarten vielleicht durch ein Hügelbeet ergänzt. Ringelblumen, Mohn, Tagetes und Kapuzinerkresse zwischen Salaten und Gemüse verschönern den Gemüsegarten, sorgen für einen gesunden Boden, wehren Schädlinge ab und erfreuen uns mit Farben und Düften. So verbinden wir Nützliches mit Schönem. Macht sich eine Blume zu breit, so wird sie entfernt und ein Gemüsesetzling kommt an ihre Stelle.

Wann was ernten?
Aufgeführt sind Ernte- und Lagerzeiten für Früchte und Gemüse, die hierzulande im Freiland oder unter ungeheizten Plastikhochtunnels gezogen werden können. (Quelle: WWF)
Früchte: Wann was ernten? (PDF)
Gemüse: Wann was ernten? (PDF)

Ausgeklügelter Anbauplan

Niemand möchte im Juni mit Kopfsalaten überschwemmt werden und dafür im Juli abgeerntete Beete besitzen. Deshalb planen wir sich zeitlich überschneidende, vielfältige Mischkulturen. Aus Mischkulturtabellen kann man herauslesen, welche Gemüsesorten zu unseren Favoriten passen. Erntet man einen Kopfsalat, so kommt an die leere Stelle gleich wieder ein Setzling oder Samenkorn von Zuckerhut, Rotem Radicchio, Endivien oder Chicorée für die Spätherbsternte. Der Selbstversorgungsgarten sollte während des ganzen Jahres bepflanzt sein.

So ergänzt man die Erntelöcher von Mischkulturbeeten mit Karotten, Lauch und Zwiebeln laufend mit Steckzwiebeln oder jungen Lauchpflanzen. Eine weitere Möglichkeit, eine Dauerbepflanzung zu erreichen, besteht darin, vereinzelt Pflanzen zweijährig stehen zu lassen, damit sie von selbst versamen können. Dafür eignen sich Nüsslisalat, Portulak, Spinat, Rote Melde, Ruccola, Federkohl und weitere Salate und Gemüse. Bei der winterlichen Planung gilt es auch die Fruchtfolge zu beachten, das heisst die Familien der Hauptkulturen zu wechseln.

In unseren Breiten mit den langen, kalten Wintern ist es schwierig, sich ohne Folien- oder Glashaus ganzjährig mit frischen Salaten und Gemüse zu versorgen. Je kleiner der Garten ist, desto wichtiger ist es deshalb, die Anbaudauer mit Vlies oder einem Folienzelt zu verlängern. Das Kleingewächshaus leistet zudem im frühen Frühling bei der Setzlingsanzucht wichtige Dienste; diese unbeheizte Wärmestube ist auch ein idealer Ort um Zitrus- und Olivenbäumchen gesund über den Winter zu bringen.

Mediterranes Lebensgefühl

Um das Mikroklima zu verbessern und eine naturgemässe Bodenpflege zu erleichtern, sind spezielle Beetformen wie Hügelbeet, Kräuterspirale, Hochbeet, Kraterbeet und Mandalabeete bekannt. Sie sind meist mit Wärme speichernden Steinen eingefasst. Bei der Kräuterspirale wird ein Erdhaufen spiralförmig mit grossen Steinen belegt. An die sonnigen, trockenen Orte pflanzen wir die Mittelmeerkräuter Thymian, Lavendel, Rosmarin und Oregano; an den schattigeren und feuchteren Stellen finden Pfefferminze und Schnittlauch einen idealen Standort. Statt einer Erhöhung können wir auch ein windgeschütztes, versenktes Kraterbeet anlegen und dort Wärme liebende Gurken, Kürbisse und Tomaten anbauen. Über jedes dieser Spezialbeete findet man in der Fachliteratur genaue Bauanleitungen.

Eintönige, mit Cotoneaster überwachsene Hänge sind weder eine ästhetische noch für die Selbstversorgung oder als Lebensraum für Wildinsekten sinnvolle Lösung. Statt von dieser einförmigen Monokultur lassen wir uns lieber von den Weinterrassen im Tessin oder Wallis inspirieren. Natursteinmauern können einen solchen Hang abstufen und sind gute Wärmespeicher, sodass dieser zum idealen Ort für Wärme liebende Südländer wie Trauben, Aprikosen oder Feigen wird. Dank der Klimaerwärmung ist es vermehrt möglich, auch in höheren Lagen Mittelmeerpflanzen wie Artischocken oder Feigen anzubauen. Das Mauerwerk erleichtert zudem den Hangzugang und bietet Kleintieren Lebensraum.

Je weniger Fläche zur Verfügung steht, desto stärker muss die Vertikale genutzt werden. Vor allem süd- und westexponierte Wände sind ideal für Trauben, Feigen, Fruchtspaliere und Kiwis. Eine überdachte Wand ist ein geeigneter Standort für Tomaten. Mit Hilfe von Pflanzschalen, Töpfen, Kübeln, Containern und Balkonkasten lassen sich auch Terrassen und Fenstersimse begrünen. So können wir Lebenszeichen auf graue Betonwände setzen.

Geschlossene Kreisläufe

Wasserflächen sind Orte der Ruhe und Vielfalt. In den Trockengebieten Australiens oder Indiens kommt niemand auf die Idee Regenwasser einfach wegzuleiten. Warum dieses weiche, nährstoffarme Wasser nicht zurückhalten? Von der Regenwassertonne bis zum Weiher gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Wasser im Garten aufzufangen und zu speichern (siehe Natürlich 7-08).
Je nach Vorliebe und Gelände kann man das Ganze mit einem Kunstbach ergänzen. Frösche, Kröten, Molche und Libellen, die solche neu geschaffenen Biotope besiedeln, helfen bei der Schädlingsbekämpfung, speziell bei den Schnecken. Als Speiseabfallverwerter kann im Weiher ein Schwarm Karauschen (Bauernkarpfen) wirken. Das Kleingewässer liefert gleichzeitig Wasserpflanzen, Schilf und Seggen als Mulchmaterial für die Gartenbeete.

Anfallender Rasenschnitt oder gejätete Pflanzen werden selbstverständlich nicht per Grünabfuhr abtransportiert, sondern dienen ebenfalls als Mulchmaterial. Küchenabfälle von Gemüse und Salat werden zusammen mit Häckselmaterial und etwas Tiermist kompostiert. Lagenweise mit Steinmehl eingepudert, entsteht daraus ein fruchtbarer Humus, der dann wieder nähr-stoffbedürftigen Pflanzen verabreicht wird. Geschlossene Nahrungskreisläufe sind sehr wichtig und helfen uns fruchtbaren Boden aufzubereiten.

Nirgendwo wird mehr Biomasse umgesetzt als in Urwäldern. Dieses vielfach verwobene System können wir natürlich nicht eins zu eins in unserem Hausgarten übernehmen. Die Idee, eine Art lockeren Waldrand und eine artenreiche, mehrjährige Zone zu schaffen, kann uns aber anregen, vor die Fruchtbäume Beerensträucher zu pflanzen und darunter eine Mischkultur von Erdbeeren und Zwiebeln anzulegen. Bäume wirken wie Nährstoffpumpen, die Mineralien aus der Tiefe holen. Statt einen klinisch sauber gehaltenen Zierrasen unter den Bäumen anzulegen, pflanzen wir eine Schutzschicht mit Beinwell. Dieser ist vielseitig verwendbar. Die violetten Blüten sind Schmuck im Garten und auf dem Teller, während die Blätter hervorragendes Mulchmaterial liefern.

Paradies für Mensch und Tiere

Eine Rottanne muss aus Platzgründen gefällt werden? Dies könnte der Moment sein, um ein mit Heidel-, Preiselbeeren und Cranberries bepflanztes Moorbiotop aufzubauen. Der Wegtransport von gefällten Bäumen und Heckenschnitt als Abfall und das Heranschaffen von Erde und Torf sind aus ökologischen und ökonomischen Gründen nicht sinnvoll. Jeder organische, nicht belastete «Abfall» ist eine wertvolle Ressource für den Bodenaufbau. Daraus lässt sich – am besten im Herbst – aus Ästen und Häckselmaterial auch das Moorbeet aufbauen. Nach halbjähriger Lagerungszeit kann der saure Boden des Moorbiotops im Frühling mit den Beeren und beispielsweise Zwergazaleen zur Zierde bepflanzt werden.

In jedem Garten gibt es ein paar abgelegene, unbenutzte, meist schattige Ecken. Hier können einige Wurzelstöcke oder angebohrte Äste als Wohnquartier für Nutzinsekten dienen. Einige Brennnesselstöcke liefern Nahrung für viele Schmetterlingsraupen, wirken als Bodenaufbereiter und dienen als vitaminreiche Beigabe zum Frühlingssalat.

Endlos werden auf der Erde Lebensräume zerstört und fruchtbarer Humus vernichtet. Im eigenen Garten können wir versuchen, dieser Entwicklung im Kleinen etwas entgegenzusetzen und fruchtbare, vielseitige, lebensfreundliche Paradiese zu schaffen. Wir bauen fruchtbaren Humusboden auf und legen kleine Wildgärten für die Kleinlebewelt an.

Bei der Verwirklichung unserer Gartenideen sollten wir Schritt für Schritt vorgehen. Ein Permakulturgarten ist nie fertig; er entwickelt sich stetig weiter. Ein solcher Garten ist für unser Leben Kraftort und Erholungsoase.

Tags (Stichworte): BiotopeGartenGartenbauGemüseanbauSelbstversorgung

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